Als MRI avancierten die Wahlfrankfurter Frank Elting und Stephan Lieb auf Force Tracks zu Meistern des reduzierten House. Auf dem eigenen Label Konvex | Konkav erschließen sie nun die entlegensten Ecken der Hallräume und preisen, unterwegs zu neuen Herausforderungen, den Minimalismus des TechDubHouse ein allerletztes Mal. Ein Abschied in Höchstform.
Text: katja hanke | khanke@dds.nl aus De:Bug 50

Der Hall ist weg vom Ball
MRI, elting_lieb

“It ain’t where you’re from, it’s where you’re at.” Sätze wie dieser – hier auf dem Cover des elting_lieb Albums verewigt – sind leicht gesagt. Ein nettes Statement, gut für ein Album und dazu noch als ideales Motto “at the beginning of the century”, wie es hier so schön heißt. Wichtig ist nicht, wo man herkommt… Vor allem nicht, wenn man von da, wo man jetzt steht, ganz woanders hin will.

Von null an aufwärts
Vor einem Jahr noch waren Frank Elting und Stephan Lieb zwei unbekannte Namen. Abgeschieden von der Szene drehten sie zu Hause an den Maschinen. Dann nannten sie sich “MRI” und veröffentlichten erste Stücke auf Force Inc.s Qualitätsoutlet für minimale, deepe Klänge: Force Tracks. Hand in Hand mit dem Label ging der Weg steil nach oben. Unbekannt sind sie nun nicht mehr. “Angefangen haben wir beide vor einem Jahr bei null. Wir haben beide einen gewissen Musikgeschmack und haben schon immer als Konsumenten Musik gehört. Irgendwann haben wir begonnen, minimalen House zu produzieren. Das war damals die Neuigkeit schlechthin. Wir sind sehr blauäugig an die ganze Sache rangegangen. Wir haben einfach angefangen, und ich glaube, das hat auch irgendwo den Charme des ersten Albums ausgemacht. Wir haben uns gar keine großen Gedanken gemacht, in welche Kategorie wir nun passen könnten oder welche Sounds wir laden müssen, um einen House-Track zu produzieren. Wir haben es einfach gemacht, einfach nach Stimmung.” Und wahrlich, ihr Album “Rhythmogenesis” hebt sich von der Schwemme minimaler House-Veröffentlichungen des letzten Jahres ab: ein lockerer, aus der Hüfte kommender Beat, der ein Höchstmaß an Deepness und Fülle besitzt, dazu ein funkig-rollender Bass und dezent eingesetzte Melodien, die in entlegene Ecken des Klangraumes hallen und den Stücken eine – für House ungewöhnliche – Weite verleihen. Da kommen Lieb und Elting also her.
Jetzt befinden sie sich an einem Punkt, wo sie “über den minimalen Dubhouse-Kram hinaus sind”. Als elting_lieb haben sie ein neues Album veröffentlicht, mit dem sie sich vom Minimalismus verabschieden wollen: “Es ist einfach ein Entwicklungsprozess. Ich sehe ihn als Linie nach oben – alles ist möglich. Wir möchten ungern einen Schritt zurück gehen, es müssen neue Herausforderungen da sein, ein Streben nach neuen Dingen. Ich weiß, dass wir innerhalb der elektronischen Musik keine absolut neuen Wege auftun werden, vielleicht stoßen wir kleine Seitenfensterchen auf. Wir müssen erst mal sehen, wohin die Reise geht.”

Wegdriften von sich selbst
“Disturbedances” – gestörte Tänze – heißt das neue Album – und ist im Grunde so neu nicht. “Wir haben die elting_lieb-Geschichten von Anfang an parallel zu MRI produziert. Wenn ein MRI-Stück fertig war, haben wir uns oft gesagt: So, und jetzt noch etwas anderes. Die Stücke knacken mehr als MRI, sind aber nicht ganz so knarzig wie Kompakt, sie liegen irgendwie dazwischen. Wir hatten kurzzeitig überlegt, ob wir das Album überhaupt veröffentlichen sollen, da uns – wie gesagt – das Minimalding zu ausgefahren erschien. Wir haben es letzten Endes doch getan, um ganz laut zu sagen: Jetzt ist Schluss damit! Wir wollten einfach einen Schlussstrich ziehen.”
Die Abrechnung mit einem ganzen Genre. Diese gestalten sie höchst perfekt und fahren dabei noch einmal alles auf, was die minimal-housig, dubbig-technoide Klangwelt zu bieten hat. Es scheint, als ob sie die MRI-Formel des groovenden, minimalen House mit etwas Dub einfach umgedreht haben: der Beat tritt in den Hintergrund, und die vormals untermalenden Flächen breiten sich vollends aus, überziehen förmlich den Beat. Und irgendwie klingt das Ergebnis sehr nach Basic Channel, nur etwas schneller abgespielt. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Die Musik von Basic Channel und das durch sie kreierte Ambiente sind zentrales Thema für Elting und Lieb. “Es ist das sich Wegbewegen von der eigenen Person, vom eigenen Denkprozess, das Entfernen der Präzision aller Gedankenschritte und das Wegdriften von der Musik als solcher. Basic Channel / Maurizio haben mich schon immer fasziniert. Was im Club nur mittels extremer Bewegung, infernalischer Lautstärke gepaart mit Basswellen, Stroboblitzen und chemischen Substanzen bewirkt wird, all das, haben sie perfekt in Musik umzusetzen vermocht. Und das auf eine Art und Weise, die es auch zu Hause beim leisen Hören über Kopfhörer genauso wirken lässt. Ohne Basic Channel imitieren oder nachahmen zu wollen, hoffe ich, dass uns dies auf ‘Disturbedances’ ebenfalls gelungen ist.” Eine Idee “respektvoll umsetzen”, betont Lieb dabei immer wieder. Und – mit Respekt – es ist gelungen. Denn: nimmt man den besagten Kopfhörer zur Hand, erschließen sich die wahren Dimensionen ihrer Musik: Die Flächen entfalten sich von ganz hinten und lassen die Weite des Raumes erahnen. Durch begleitende Knister- und Störgeräusche wird diese schließlich vollkommen ausgeschöpft. Dem Hall sind keine Grenzen gesetzt. Es klackert, klirrt und knarrt in den entlegensten Ecken des Klangfeldes. Wegdriften in technoiden Sounds. Soviel zu Kopfhörern und zu Hause. Dann ist da noch der dezente und, wie gewohnt, satte Beat, der gelegentlich auch geradlinig nach vorn peitschen kann. Der Club. “Wir spielen diese eher langsam wirkenden Tracks auch bei unseren Sets und – die Leute tanzen. Wenn die Musik zu Hause auch funktioniert, haben wir das erreicht, was Basic Channel bewirkt haben. Dann würde der Kreis sich schließen.”

ByeBye DubHouse… Welcome…?
“Eine perfekte Symbiose zwischen Club und Couch”, das wollten Lieb und Elting mit dieser Platte schaffen. Das Ineinandersetzen des Umgekehrten: konvex | konkav. So auch der Name ihres eigenen Labels. Hier kombinieren sie Chill Out (konkav) und tanzbare Musik (konvex). Wohnzimmer und Tanzfläche. Auf der ersten Platte des Labels begaben sie sich geradewegs ins Wohnzimmer. Als Blake C. produzierten sie eleganten Chillout – respektvoll umgesetzt, versteht sich. Nun befinden sie sich irgendwie dazwischen. “Ab jetzt geht es in unbekannte Richtung. Vielleicht kommt irgendwann mal Pop, möglich wäre es. Wir wollen verstärkt mit Gesang arbeiten, jedoch kein Vocal oder DJ Tonka oder so. Auch die MRI-Sachen werden demnächst in eine ganz andere, eine deepere Richtung gehen. Weg von den minimalen Anlangen, weg von den minimalen Sounds.” Der Titelsong der neuen Platte steht jetzt schon für einen neuen Ansatz “und bewegt sich definitiv vom Dubhouse weg. In diesem Stil wollen wir in nächster Zeit mehr Sachen produzieren. Es ist eher Kaffeehausmusik, fröhlicher und mit einem kleinen Touch Melancholie.”
It ain’t where you’re from, it ain’t where you’re at, it’s where you’re heading to.

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Elektronische Lebensaspekte.