Nach drei Jahren Pause ist Ms Dynamite, die Queen of UK-Garage, mit einem neuen Album zurück, um mit geballter Faust und expliziten Lyrics Kids aufzurütteln und an alte Erfolge anzuknüpfen.
Text: Alexandra Droener aus De:Bug 97

Protest Spitting

“Without struggle there is no progress” steht auf dem zarten Handgelenk von Niomi McLean-Daley aka Ms Dynamite geschrieben, das gleichsam als Prolog zu ihrem zweiten Album “Judgement Days“ in einer wohlmanikürten Faust endet. So möchte die 24-jährige Rapperin-goes-Sängerin wahrgenommen werden: eine geballte Hand, die mit hartem, aber gerechtem Schlag mitten zwischen die Augen des Feindes knallt, der da heißt: Jugendkriminalität, Armut, Waffengewalt, Dummheit, Hass und Angst. Als Niomi vor drei Jahren auf dem ersten Höhepunkt ihrer noch kurzen Karriere zugunsten von Mutterschaft und Beziehung ihren Platz auf dem Siegertreppchen des UK-Music-Biz verlässt, halten Fans und Industrie den Atem an und winken in Unverständnis resigniert Lebewohl. Verfrüht. Während die Miss den Kinderwagen mit ihrem Söhnchen Shavaar durch Nord-London schiebt, verdichten sich die Sorge um die Kinder dieser Welt und ihr außerordentlich definierter gesunder Mutterverstand zur nächsten Salve persönlicher Protestsongs.
Die musikalischen Mittel, die MS Dynamite als Vehikel für ihre oft autobiografische Consciousness wählt, führen den unbedarften Hörer in perfekt produzierte, aber umso seichtere Gewässer und ziehen, ganz hohe Kunst der Subversion, die gleichen Register wie der kuschelige Ashanti-Track oder Mary-J.-Blige-Heuler von nebenan in Amerika, bevor ein “Pain“, “Blood“ oder “Responsibility“ zu viel zwingen, genauer auf die Lyrics zu achten, und dann gnade uns die Göttin. Auf dem schon mal angedachten Weg zur MP Dynamite geht Niomi ab November neben MC Shystie, DJ Cameo und zig anderen urbanen Role-Models für ungestüme Jugendliche ins nationale Fernsehen für Channel 4s erste interaktive Mini-Serie “Dubplate Drama“, um den Youngsters die richtigen Moves im täglichen Kampf um Gut oder Böse zu vermitteln. Niomi ist immerhin selbst fast noch ein Club-Kid, auch ein in Gänze eingesungenes Pop-Album hält sie nicht fern von ihrem ehemaligen UK-Garage-Königreich. MCing, Spitting wie sie sagt, bleibt ihre erste Liebe, schließlich hat sie’s erfunden irgendwie und weiß genau, was in der inzwischen unter Grime firmierenden MC-Szene läuft. So bleibt sie die Pallas Athene der Mädchenrapper, die Queen des “Mach dein Maul auf, sag was du denkst, benutz deinen Kopf und dein Talent”, auf die sich irgendwann in ihrer Laufbahn jede neue Generation von Female MCs angefangen bei Lady Sovereign über M.I.A. bis Baby Blue beziehen. MS Dynamite wird das Battlen nicht lassen können, vielleicht heißt ihr nächster Produzent Low Deep oder Miss Beatz oder ganz einfach wieder Sticky.

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Elektronische Lebensaspekte.