MU ist das Projekt von Mutsumi Kanamori. Die frontal offensive Japanerin zerrupft in ihren Kreischtiraden die Klischees des Medienzeitalters. Mit "Paris Hilton" zersiebt sie dabei jeden Dancefloor. Das liegt vielleicht auch ein klitzekleines bisschen daran, dass ihr Ehemann Maurice Fulton die Beats unterschiebt.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 90

Rock with Husband
MU

MU (gesprochen Moo) ist der gekühlte Nescafe zwischendurch. Ein aufheulender Beschleuniger in Gestalt einer Robo-Punk-Figur, die aus dem fernen Nagano aufbrach, um uns den Marsch zu blasen. Weil sie es schlicht weg satt hatte, dort zu sein, wo nichts geschieht. “Dort ist es sehr langweilig“, sagt MU. Denn nicht mal der suburbane Norden Japans ist hier gemeint, sondern noch ein Stückchen weiter. MU lebte hinter dem langweiligsten Ort der Welt, wenn man ihr Glauben schenken soll. Und nur die Prostitution half ihr von dort wegzukommen. Das es dort nicht gerade fröhlich zugeht, das konnte man schon an den Olympischen Winterspielen ablesen, wo jeder Schanzensprung so sauber und ordentlich über die Bühne ging, dass jede Reminiszenz an Kamikaze oder andere erfrischende Flugeinlagen japanischer Kultur verloren ging. Ein wenig freie Luft. Die gab es. Na klar.

Kylie vs. MU

MU ist in Eile, dieser Tage. Die UK-Presse jagt sie als lebende Beweisführung für einen geglückten Gegenentwurf zu Kylie Minogue. In Minogues Clip-Show “Slow“ sehen wir aktuell das künstlichste Dance-Setting überhaupt. Greg Louganis, der in LA 1984 Gold im Turmspringen gewann, ist nach einem perfekten Sprung vom 10-Meter-Brett aus dem Pool getaucht. Er scheint keine Platzwunde am Kopf zu tragen. Alle Wunden der Vergangenheit sind verheilt und Kylie wartet am Pool, verknotet in einem Arrangement keuchender Tranquilizer-Körper. Dort tanzt sie leicht und rekelt sich schwer, mal sitzend, mal liegend – der frischeste Downbeat aller Zeiten. Und MU? Sie kreischt, sie krächzt, sie, das “Screaming Banchee“ (ID), kennt nur Hass. Das ist sehr schade, denn es gibt so viel Schönes auf der Welt. Nicht aber in Sheffield, ihrer neuen Heimatstadt, so viel ist klar. Im Outback Londons errichtet das saftige Grün der Wiesen und das durchdringende Grau des geschlossenen Wolkenvorhangs eine zweidimensionale Perspektive auf das bunte Pop-Nation-Building, das sich andernorts Räume baut. Nur ist es bald auch damit vorbei. Am Morgen des 2. Februar hat Sir Ian Blair, der neue Polizeichef Londons, im “Independent“ einen Generalangriff auf die Mittelklasse angekündigt. Schluss mit dem lustigen Koksen in Londons Clubs, Bars und Restaurants. To enjoy a “Wrap of Charlie” wird nun schwieriger. Und wer das weiterhin toleriert, wird bestraft.
Aber interessiert das MU? Geht MU die englische Pop-Mittelklasse und ihre Problemchen etwas an? MU ist momentan in etwas ganz anderes verwickelt worden, ohne Selbstverschulden, wie sich versteht. Sie mutiert allerorts zum Popsternchen, obwohl ihre Musik unverhohlen hart ist. Nie sollte etwas POP werden können, sagte sie. Nein, nie. Auch “Paris Hilton“, das ideologische Herzstück auf ihrem Album, deutet das ihrer Ansicht nach nicht an. MU ist in dieser Welt nicht auf sich allein gestellt. An ihrer Seite steht Maurice Fulton, der nach einer 20-jährigen Geschichte in elektronischer Musik sprachlos geworden ist und Achtung: tatsächlich hinter den Maschinen (sic!) verschwunden ist. Das muss man einfach verstehen, sagt Labelmanager Rob.
In MU bekriegen sich die Klischees des Medienzeitalters. Im Video “Paris Hilton“, das MTV schnell in seine Playlist aufnahm, gibt MU ein Bild umherschweifender Schizophrenie ab, das jeden hingestreckten Neurotiker vom Sofa aufstehen lässt, um den geliebten Fernseher auszuschalten. Mit Rollschuhen und Schulmädchen-Outfit generiert eine “Camera Stylo“ das Virtuelle ihrer Erscheinung.

I want to Kong Fu YOU
Durch MU rauschen Mediensplitter, die sie blitzschnell zu Verwandlungen zwingt und die Augen des Betrachters notwendig überfordern. MU sampelt die Botschaften der SUN und des “Daily Mirror“, so dass sie befremdlicher klingen: Mit “Paris Hilton“, dem zentralen Song ihres Albums, spürt sie den Gründungsmythos neuer Boulevardformate der letzten Jahre auf. MU ist nun fast mittendrin. Im Sog des “Imitation of Life“ bahnt sie sich ihren Weg, ohne ein bestimmtes Konzept zu haben. Sie findet es beiläufig, wenn sie es überhaupt sucht. Sie verschiebt die Grenzen des Erträglichen in die Zone des Karaoke. Die Gefahr, dass durch ihre Gesangsanlagen im Fetisch Karaoke eine Authentizität entdeckt werden könnte, wird sogleich gebannt, weil MU nichts festschreiben will. Die Karaokebar schließt sogleich und plötzlich ist MU wieder in eine Wolke Green-Velvet-Sound gehüllt, die ihr rockender Husband Maurice Fulton sanft für sie erzeugt hat. Der Wind hat ihr ein Lied erzählt. “It’s better to rock with the husband”, meint MU. Das strengt sie nicht an. Das gibt ihr Kraft: Im debilen Chicken-Dance (Shake your body, body), wird dann nur noch ausgespuckt, was medial so behutsam etabliert worden ist und sich auf ihrem eng anliegenden Nervenkostüm ablagern konnte. Just Emotions, sagt sie. Und lauter laute Wortsinnungeheuer: ”Party, Foto, Beck(ham), Figo, Animal“. Um mehr geht es nicht. Das ist genial. Und der unsichtbare Produzent im Hintergrund lacht sich ins Fäustchen … MU baut sich ein Bild, wie es ihr passt. Sie singt für die Tsunami-Opfer, ob es Ihnen passt oder nicht. Sie macht, was sie will. Sie lässt den Spendentopf noch größer werden und steigt in Diskurse ein, die gemeinhin niemand mehr bearbeiten möchte: “Stop Bothering Michael Jackson?“ Was soll nun das? Dieses Vollabgekotze geht mir gegen den Strich. Kindersex hin oder her. Diese postmoderne Hexenjagd ist Bullshit, sagt sie. Daher: Shake your body, body? Oder einfach nur: Party, Foto, Beck(ham), Figo, Animal. Party, Foto, Beck(ham), Figo, Animal. Party, Foto, Beck(ham), Figo, Animal …?
Jemand sagt, Sofia Coppola habe in “Lost in Translation“ Japan vergessen. Und fragt, warum Takeshi Kitano Japan so sehr liebt, dass er für viele Japaner ein Ärgernis geworden ist, auf das viele wiederum stolz sind? MU antwortet, dass Kitano alle Klischees neu aufbereitet habe und durch seine Filme und TV-Shows eine allumfassende Präsenz erziele, die jederzeit im Stande sei, ein komplexes Japanbild abzurufen, das vor lauter Trash Trash-immun ist. Kitano weiß die Partitur des Realen filmisch aufzulösen, während MU per se die erdabgewandte Seite der Geschichte zu lieben scheint. Sie hat neulich erst begonnen – zu singen. Eine Residenz im Paris Hilton wäre ihr zu wünschen. Auf Lebenszeit.

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Elektronische Lebensaspekte.