Ich bin vier bayrische Cowboys. Die Nürnberger Band Multiboy probt das elektronische Croonen und klebt ihren Stiefeln die drei Adidas-Streifen auf. Schuhdesigner auf der Suche nach musikalischer Zeitlosigkeit.
Text: Joachim Landesvatter aus De:Bug 44

Loungin’ am Maratonga-Riff

Vier elektronische Cowboys aus dem Southpark der Republik reiten wieder

Live mit matschigem Sound aus dem Karton

Auf dem üppigen Housefloor des Berliner WMF werden die Hüften dezent geschwungen und adrett getanzt. “Business as usual” eines etablierten Clubs in Mitte. Andere Stimmung in der Lounge, der Kontrast zur pumpigen Bassdrum nebenan könnte nicht größer sein: Multiboy spielen live. Spielen heißt in diesem Fall, dass “altmodische” Instrumente bedient werden, was sich soundtechnisch problematisch gestaltet, da das Abmischen einer Live-Band anscheinend nicht zum üblichen Programm des WMF gehört. Dazu kommt, dass Gesang ebenfalls ein elementarer Bestandteil der Performance der bayerischen Combo ist. Doch leider gehen die Vocals scheinbar in einem großen Karton verloren, zumindest hört es sich so an. Bösartig könnte man sagen, Multiboy klingen beim Auftritt so, als würde eine Schülerband Sinatra covern oder eigenwillig elektronisch interpretieren. Trotzdem kann man erahnen, um was es dem Quartett geht, besonders, wenn man die im Januar auf Payola erscheinende Maxi “Maratonga” kennt.

Platte mit grünem Band der Sympathie

Auf der Platte kommt das dann schon viel detailverliebter und sympathischer rüber. Mal wieder Bowlen gehen, nach Las Vegas jetten, Cowboystiefel tragen oder einen Whisky bestellen, darauf bekommt man Lust, wenn Multiboy durchs Haus schallen.
Sehr chillige, sixties-artige Grooves und flächige Strings- oder Bläsersätze im Hintergrund lassen massiven Samplereinsatz erahnen. Auf der Bühne sieht das nach Handarbeit aus: Eric Sarin spielt E-Bass, Ollie Gilbertson singt und spielt E-Piano, Erman Aykurt bedient diverse Drummachines und Keyboards. Im Hauptberuf sind die drei übrigens Sportschuhdesigner bei Adidas. Ralf Summer sorgt mit Dubplates auf den Plattenspielern für das “Halbplayback”. Geld verdient er am Mikrophon bzw. den Plattenspielern des “Zündfunks” im Radio des Bayerischen Rundfunks. Sneakers und Musik sind somit die Hauptgesprächsthemen, wenn sich die Multiboys in ihrem Studio am Nürnberger Hauptbahnhof treffen. Aber wie kommt es zu dieser schrullig-liebenswerten Musik, die weder beim BR noch bei Adidas-Betriebsfeiern große Begeisterungsstürme auslösen dürfte?

Frühstück mit den Vier von der Adistelle

Am Tag nach dem WMF-Gig treffe ich die vier zum frühstücken. Ralf versucht das Hauptanliegen von Multiboy zu erklären: “Leute hören das und denken, das klingt konservativ und altmodisch, aber was sind denn das für Leute, das sind doch junge Leute, die die Musik machen? Ich habe eher den Eindruck, das versteht keiner, weil es so klingt, als ob es eine Band von 50-jährigen ist, und dann kommt da so ein Zwist rein, weil wir einfach jünger sind, und das kann sich keiner vorstellen. Der Punkt ist eigentlich der, dass man versucht, etwas Zeitloses zu schaffen. Irgendwas für das du dich in zehn Jahren nicht schämen wirst, irgendwas, was in fünf Jahren nicht verloren sein wird. Das ist ein recht hoher Anspruch.” Mit diesem Ehrgeiz wollen die Multiboys Songs schaffen, die nicht der üblichen Halbwertzeit von reinen Clubtracks unterliegen.
Den Sound prägt dabei besonders der smoothe Gesang von Ollie mit einem schicken Hauch Smoking-Flair. Sein Motto heißt Croonen. Er hat eine klassische Gesangsausbildung und kann als einziger in der Band Noten lesen und schreiben. “Das hat uns sehr erschrocken”, meint Ralf dazu. Ollie zu seinen Einflüssen: “Ich habe immer Musik gehört, die auf Gesang und Melodien basierte. Ich mag Bacharach, Sixties und Soundtracks. Als ich Erman getroffen habe, bedeutete das, dass der ganze Songwriting-Prozess viel unmittelbarer wurde. Ich hatte schon immer Melodien in meinem Kopf, und wenn ich sie zu lange zurückhalte, dann vergesse oder verändere ich sie. Wenn es passt, ist es gut, die Musik einfach zu halten. Ich würde gerne versuchen, coole Songs zu machen, die einen klaren Bezug zu traditionellem Songwriting haben.” Ollie ist Engländer, und “Songwriting” hat für ihn nichts mit dem deutschen “Liedermacher” zu tun, was eher ein Schimpfwort ist. Eric hat in Portland in einer Ska-Band Bass gespielt und kommt somit wieder aus einer ganz anderen Richtung, auch Erman hat eine Gitarrenband-Vergangenheit.

Video ohne Mittelstreifen

Beim ersten Multiboy-Video hat der Bruder von Ralf Regie geführt, gedreht wurde im ländlichen Ost-Bayern. Gepflegter böhmisch-ruraler Retro-Style wird gepflegt, Ralf: “Fürs Video haben wir Straßen gesucht, die keinen Mittelstreifen haben, da gibt’s ja in Bayern nicht so viele, die sind ja alle im besten Zustand. Dann mussten wir nach Ostbayern fahren, wo es ein bisschen schlampiger aussieht.” Zur Story: Ein Typ auf einem Bonanzafahrrad legt aus Sonnenblumen seinem weiblichen Schwarm eine Spur, der sie folgen soll, um ihn zu treffen. Doch andere Frauen vereiteln den Plan, indem sie die Blumen aufsammeln. Erman: “Es sollte mit Super8 gedreht werden, aber nicht trashig. Das vermittelt so den Eindruck eines tschechischen Märchens, auch mit den Schauspielern. Die haben das alles für lau gemacht, sogar der Busfahrer, den wir von der örtlichen Busgesellschaft gemietet hatten.” Ralf: “Und der hat den Bus extra noch renoviert. Wir hatten einen rostbraunen Bus gefunden und vier Wochen später hatte er den frisch lackiert, mit großem Firmenlogo. ‘Muß doch schön sein’ hat der gesagt, und dann konnten wir ihm ja auch nicht plötzlich absagen. Das Video ist so eine Liebesgeschichte, die nicht klappt, weil das Stück auch so melodramatisch ist. Multiboy ist aber nie ganz hoffnungslos, ist ja nie superhappy und es ist auch nie depressiv. Es gibt noch einen Zündfunken am Ende von jedem Stück.”

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Elektronische Lebensaspekte.