Text: john hutnyk aus De:Bug 10

GROSSE ÜBERSCHRIFT: Multimedia Super Korridorª KLEINE ÜBERSCHRIFT: Elektronischer Kolonialismus in Malaysia von John Hutnyk John.Hutnyk@urz.uni-heidelberg.de übersetzt von Natascha Sadr Haghighian (SCHÖN GROSS AUFFÄLLIG AUCH UND SO) BITTE UNTERSTRICHENE SÄTZE ALS ÜBERSCHRIFTEN BEHANDEL FUSSNOTEN ANS ENDE SETZEN Technopolis, Science Park, Technologie-City Wer bis jetzt noch nicht auf eines der unzählig wachsenden Geschwüre getroffen ist, die entlang urbaner Lebensräume und vieler Universitäten weltweit herumfurunkeln, sollte sich für eine gepflegte Minute doch mal Themen wie: Hi-Tech Imperialismus, kaufkräftigen Eliten und merkwürdigen Übersee-Partnerschaften widmen. Malaysia’s Premierminister Datuk Seri Dr Mahathir bin Mohamad wurde zwar kürzlich von einem Virus an seinem geplanten Grossbritanien-Besuch gehindert, wo er Zukunft verkaufen wollte, auch in Kuala Lumpur wurde der Horizont durch kleine Pannen beim Geldgeschäft verdunkelt, aber die träumerischen Pläne von Hypermodernität umkreisen die Welt – LA, Tokyo, Berlin – und die Zukunft scheint tatsächlich zum Greifen nahe. Der ‘Multimedia Super Corridor’ª (MSC) ist nur einen Bauvertrag weit entfernt. Der MSC war von Anfang an ein internationales Projekt. Anfang 1997 traf sich die Gruppe der “great minds” mit Mahathir zu einem eigens einberufenen “Beratungs-Panel” in Los Angeles, USA, um Vorschläge aufzutischen, die Kuala Lumpur’s Skyline und den Geldfluß seiner Bauindindustrie erneut transformieren könnten. Unter den großen Köpfen waren die Direktoren multinationaler Konzerne, wie Siemens, Netscape, Motorola, Sony, Compaq, Sun, IBM, und andere. Der Rektor der UCLA (University of California, Los Angeles) war dort, und Bill Gates war eingeladen (hat es aber am Ende doch nicht geschafft). Ohne Zweifel eine illustre Diskussionrunde. Was in Erwägung gezogen wurde bei dieser Besprechung, war ein integriertes Hi-Tech-Entwicklungsprojekt, entworfen um Kuala Lumpur und Umgebung – ein fünfzehn mal fünfzig Kilometer großes Gebiet südlich der Stadt – zum Informations-Hub von Süd-Ost-Asien zu machen. Mit fanfarenartigen Überschriften in der Times, dem Star und der Sun wurde die Zukunft bekannt gegeben. Gleichzeitig verkündete der Premierminister in einer Rede, das MSC-Projekt würde “unser gesamtes Land mit den globalen Kräften in Einklang bringen, die die Weichen für das Informationszeitalter stellen” Solch Harmonie, von den multinationalen Info-Corps orchestriert, ließ die Presse zu Lobgesängen anheben. Die Überschriften prangerten: “Globale Brücke zum Informationszeitalter”, “MSC – Ungeheuer Mächtig, Einzigartig” und ” Besuch des Premierminister löst Begeisterung in den Vereinigten Staaten aus”. Große Träume, in der Tat. Auch das Pop-Elektronik Magazine Wired sprang auf den Zug auf und nannte das Projekt wohlwollend “Xanadu für Nerds” Was genau soll dieser Multimedia Super Corridor sein? Welche tatsächlichen Erfolgsaussichten hat das Ganze, und mit welchen Kriterien sollte es bemessen werden? Das Promomaterial spart erwartungsgemäß nicht mit Lobhudelei: “Malaysia’s MSC ist eine unerschrockene Initiative – eine regionale Möglichkeit für Firmen, führende Multimedia-Technologien zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Mit dem Ziel, die Weltwirtschaft zu revolutionieren, wird der MSC durch die Integration bahnbrechender Cybergesetze und einer unvergleichlichen Informations-Infrastruktur in attraktiven örtlichen Gegebenheiten alle multimediale Potentiale aktivieren.” Die Planungen beinhalten eine Serie von Forschungseinrichtungen und Informationstechnologie-Industrie, in der Nähe eines neuen Flughafens und einer “Cyber-City” mit den üblichen Einkaufszentren, Transportsystemen und einer sicheren (jeder muß eine elektronische “National-Multipurpose-Identitätskarte” bei sich tragen) und “attraktiven” Gartenstadt. Telemedizin, Elektronische Regierung und voller (“unzensierter”) Internet-Zugang sind vorgesehen. Alles unter der Aufsicht des Beratungsstabs der Multimedia-Entwicklungs-Gesellschaft – die die Netzseite aufbauen- und der des Beratungspanels der”great minds”. Warum fand das erste MSC-Treffen in Beverly Hills statt? Nun, offensichtlich reichen die internationalen und Internet-Verbindungen noch nicht bis Kuala Lumpur, um Leute wie Bill Gates (Microsoft) und Gerstner (IBM) anzuziehen. Aus dem gleichen Grund reiste Premierminister Mahathir von LA aus direkt weiter nach Japan, um ein weiteres hochgradiges Businesslunch einzunehmen, mit der Zielsetzung Investoren oder noch besser Pächter für die Forschungslabors zu finden, die gebaut werden sollen. Niemand will einen leere Korridor, deshalb muß man zu den Kunden reisen. Eine offene Einladung sozusagen. Wozu wird hier eingeladen? Die Idee einer Science City wie dieser ist nicht neu. Sie wird nur langsam zum Fimmel, seit den Köpfen der Planer der japanischen MITI die ersten Konzepte eines integrierten Science City-Lebensraumes entwichen. Das neue Silicon Valley zu entwerfen, ist zur großen Vision für die nachfolgenden Planer geworden, von ‘Silicon Glen’ in Schottland bis zu der multifunktionalen Polis in Adelaide. Nicht immer erfolgreich streiten sich über 300 solcher Unternehmen um die relativ seltenen Auszahlungen der Technologieforschung, deren Speerspitze aufmerksam von wohlhabenden Mega-Korporationen beobachtet und genährt wird. In diesem Kontext wird der Erfolg einer Science City grundlegend zu einer Frage der Zuversicht – die Bedeutung des Hypes. Und da kann die Zukunft schon mal ziemlich wackelig scheinen. Seit Anfang des Jahres, als der Premierminister die “Vision 2020” mit Superkonferenzen in Hollywood heraufbeschwor, bis zu den von CNN übertragenen Achterbahnfahrten an der Börse, war es eine dynamische Zeit für Zukunften in Malaysia. ”Die Vision 2020 wird verschoben” Mahathir war gezwungen das bekanntzugeben, als das spekulative Kapital immer unsicherer wurde und die Projekte auf die lange Bank geschoben wurden, die den Kern der Vision, den ‘Status Industrienation’ in 23 Jahren zu erreichen, gebildet hatten. Neben der Instabilität der Aktien, verschatteten Kontroversen über Projekte, wie dem Bakun Hydroelectrics Staudamm in Sarawak, die Pläne und Vorhersagen. Entwicklung und Profitabilität scheinen seitdem unsicherer, das höchste Gebäude ( die Zwillingstürme Petronas), der größte Flughafen, das längste Büro, die Untersee-Elektrikverkabelung und der Cyber-Malaysia Multimedia Suer Corridor wirken nun alle wie kostspielige Monumente eines riskanten, spekulativen Spiels im sehr späten Kapitalismus. Von allen neuen Großprojekten überlebten die Währungskrise nur der MSC und damit verknüpfte international interessante Projekte wie der Flughafen. Trotz der vielfältigen Fragen zu den durch Technologieforschung bedingten Entwicklungen, könnte man zuerst mal Überlegungen zu den Auswirkungen auf die regionalen Lebensbedingungen, in Zonen, in denen solche Science Cities geplant sind, anstellen. Überlegungen zu den Parametern der neuen Science City-Masche Die Auswirkungen auf die Berufstätigen im zunehmend enger und ausbeuterisch werdenden handwerklichen Sektor, oder denen im landwirtschaftlichen Sektor, deren Anbauflächen aufgekauft werden, sind warscheinlich fatal. Sie werden es sein, die bald auf Teilzeit- und Gelegenheitsbasis als Hilfsarbeiter oder Servicepersonal in den Hi-Tech-Fantasieenklaven und entlang den dazugehörigen Semi-Standard-Unterkünften zu finden sein werden. Mit der Frage nach den Auswirkungen auf die Menschen anzufangen – vielleicht immer noch ein ungewöhnlicher Ansatz in der Entwicklungsdiskussion – lohnt sich, denn sie erinnert uns daran zu fragen: Was hat Malaysia eigentlich von der ganzen Sache? Das Land hat noch nicht die Infrastruktur oder Sachkenntnis – in Form von Universitätsabgängern-, um die Labore im erträumten Ausmaß zu füllen, also beschränkt sich das malayische Angestelltenverhältnis wahrscheinlich zwangsläufig auf den Service-Sektor. Klar, zuerst kommt natürlich aufregende Aufbauarbeit – die Ausbeutung von Wanderarbeitern und den damit einhergehenden Rassismus eingeschlossen – aber am Ende gibt es doch nur Jobs als Reinigungskräfte und Portiers im Info-Tech Korridor. Wer werden die Hi-Tech-Arbeiter sein? Eine Schicht von Technokraten und Experten wird zwangsläufig rekrutiert werden müssen, zum kleinen Teil aus den malayischen Eliten, geschult in den Salons von Stanford, MIT, London und Manchester, zum viel größeren Teil aber, zumindest in den ersten Phasen, wird das bereits bestehende Personal der eingeladenen multinationalen Infocorps die wichtigen Posten besetzen. Die importierten Arbeitskräfte werden mit ihrem Status nicht weit von der guten alten Kolonialkarriere anzusiedeln sein. Mit dem Stempel der Geschäftsgiganten im Imperialismus. Das Problem ist, daß die Bedingungen für solche Transfers nicht richtig ausgearbeitet sind, und es gibt nicht wirklich etwas, das die Schlüsselbereiche der Konzerne in den Korridor locken würde, noch sind die großzügigen Steuererleichterungen und Infrastrukturentwicklungen so kalkuliert, den Technologie Transfer dauerhaft zu binden, sodaß Malaysia langfristig davon profitieren würde. Für wen oder was ist der MSC nur gut? Wo einst die Wildnis den Plantagen weichen mußte, wo diese Plantagen dann den Einkaufszentren ( meist leerstehend) weichen mußten und wo die einheimische Produktion meist für den Export bestimmt war, statt jemals für den eigenen Bedarf, kann da jetzt die Multimedia-Entwicklung den lokalen Bezug wieder herstellen und den lokale Bedürfnisse gerecht werden? Scheinbar diejenigen Prioritäten, die immer zweitrangig behandelt werden, wenn es um Profitabilität und internationalen Wettbewerb geht. Die Spekulationen um die Interessen des Volkes basieren alle auf angeblicher zukünftiger Rentabilität, die nie eintreffen wird, jedenfalls nicht für die Mehrheit der Malayen. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß der MSC mit den existierenden feudalen Diskrepanzen bei Einkommen und Lebensqualität brechen wird. Die Unverhältnismäßigkeiten sind dieselben, wie zwischen Kolonialherrscher und Landarbeiter. Man könnte sie semi-feudal oder cyber-kolonial nennen, wo die modernsten technologischen Kapazitäten von überkommenen sozialen, nicht weichen wollenden Hierarchien profitieren. Aber vielleicht sollten wir das Projekt auch nicht vorschnell abschreiben. Welche Kriterien eine solche Hi-Tech-Stadt erfolgreich oder zumindest einen Versuch wert machen, muß zuerst noch diskutiert werden. Normalerweise werden Überlegungen zur technologischen Innovation angestellt und wie man sie am besten erreicht. Wie sind die Anforderungen für Synergie – dem Konzept, das solche Unternehmungen für die optimale Mischung von Infrastruktur, kreativem Personal, ‘attraktiver’ Umgebung gebrauchen – und dem Funken, der zu den entsprechenden Ideen und Innovationen führt. Wie plant man für Kreativität und das gepriesene ‘Milieu der Innovation’, den Modewörtern dieser Sci-Fi-Enklaven. Wie sollte die Mischung von staatlichem Sektor, privater Industrie und universitärer Unterstützung sein? Welche regionalen und historischen Faktoren sollten in Betracht gezogen werden, bei der Entscheidung solche Entwicklungen in schon industrialisierte Regionen zu legen, oder eben kapitalistisches Neuland zu betreten? Wie beeinträchtigen die politischen und ökonomischen Möglichkeiten eine längerfristige Aussicht auf Innovation? Ist dies alles ein Gespinst, basierend auf schwer zu kalkuierenden Erfolgen (Silicon Valley, Cambridge, München)? Ist Technologie eine eventuell bald ausgeleierte Masche? Wer wird profitieren? Haben Premierminister Mahathir und Konsorten etwa in den Multimedia-Sektor investiert und sitzen damit selbst im Korridor? Die Investitionen malyischer Eliten würden nur Sinn machen, wenn sie schon an Bill Gates Kapital gekoppelt sind. Andernfalls wäre die ganze Korridoridee sowieso nur ein Anbiederungsversuch an Gates. Sicher ist, daß Mahathir und andere Mitglieder der malayischen Elite im Baugeschäft investiert haben. Dies hat sich aus den Kontroversen um die Firma Ekran, im Zusammenhang mit dem Bakun Staudamm in Sarawak (der 10 000 Menschen des Orang Ulu Volkes die Häuser flutet und locker Strom für zwei Malaysias produziert) gezeigt. Offen bleibt, warum jetzt statt in Staudämme, Hotels, Einkaufszentren plötzlich in riskantes Multimedia-Bizz investiert wird? Selbst wenn die Research&Development Firmen einige ihrer einfacheren Entwicklungseinrichtungen im Korridor ansiedeln – Hi-Tech-Produktion ist kurzlebig und zudem mobil. Welche Faktoren würden den Erfolg des MSC sichern? Da der MSC sehr spät startet im Rennen um den Techno-Gral, könnte Malaysia von anderen ähnlichen Unternehmungen lernen und profitieren. In einer Studie von Manuel Castell und Peter Hall – Technopoles of the World , 1994 – gibt es mögliche Vergleichswerte. Dort zeigte sich, daß ohne entsprechende Konzessionen und Unterstützung der nationalen, staatlichen und regionalen Verwaltungen, die Erfolgsaussichten eines solchen Unterfangens gering sind. Die Industrie sieht es gerne, wenn möglichst viele der nebenbei anfallenden Kosten und Lasten einer neuen Produktgeneration von den Regierungen getragen werden. Also wird malayisches Steuergeld in den neuen Korridor geworfen. Als ebenso wichtig hat sich die Hilfe der Universitäten gezeigt, da die importierten Forscher oft auf öffentliche Labore und Bibliotheken zurückgreifen müssen. Diese mobilen Arbeitskräfte müssen notwendigerweise auch andere Bedürfnisse befriedigen. Das Stichwort heißt Service: reinigen, reparieren, Kinder hüten, erholen, bis hin zur sexuellen Serviceleistung. Hier ist wiederum die Bevölkerung gefordert, der neuen Hyper-Cyber-Zukunftsstadt eine attraktive Umgebung zu schaffen. Transport, Straßen, Umweltverschmutzung, Landverlust durch Parkplätze gehen ebenfalls zu Lasten des Landes. Dies sind warscheinlich auch in Malaysia die Perspektiven. Es gibt viele sprachliche Tricks, trotzdem Schnäppchenlaune im Traumland aufkommmen zu lassen. Mahathir’s spritzige Prosa kann das schon ganz gut. In seiner Einführungsrede sagte er, der Multimedia Super Corridor werde “die sorgfältige Erneuerung einer Region mit sich bringen. Eine maßgeschneiderte Umgebung, die den Ansprüchen und Bedürfnissen führender Firmen, bei der Ernte im Informationszeitalters in Asien, gerecht werden wird. Ich sehe den MSC als sorgfältig konstruierten Mechanismus, der Firmen und Staaten zugute kommen wird, die mit moderner Technologie in einer Welt ohne Grenzen operieren.” Die guten Nachrichten bleiben Zukunft. Soviel scheint sicher. http://www.msc-2020.com/msc_corridor.htm http://www.mdc.com.my ZITATE Die Idee einer Science City wie dieser ist nicht neu. Sie wird nur langsam zum Fimmel, seit den Köpfen der Planer der japanischen MITI die ersten Konzepte eines integrierten Science City-Lebensraumes entwichen. Was hat Malaysia eigentlich von der ganzen Sache? Ist Technologie eine eventuell bald ausgeleierte Masche?

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Elektronische Lebensaspekte.