Das vierte Album der Hippie-Spintis
Text: Chris Köver aus De:Bug 116


Neben Sigur Ros sind Mum seit dem ersten Album von 2000 das Aushängeschild isländischer Hippie-Spintisiererei. Auch ohne Gründungsmitglied Kristín Valtysdóttir rücken sei beim vierten Album keinen Millimeter davon ab. Wie auch, wenn die Dinge sowieso alle eigenmächtig um einen herumschwirren?

Örvar Poreyjarson Smárason geht sparsam mit Worten um. Nicht weil er nicht mit ihnen umgehen könnte – er ist Dichter und schreibt alle Texte für seine Band Múm. Eher wie einer, der sich jeden Satz, den er spricht, reiflich überlegt. Und dann nur das sagt, was notwendig ist. In Röhrenjeans und weißen Stoffschuhen sitzt er im zweiten Stock eines Hinterhauses am Hamburger Hafen. Seine Haare und sein kurzer Bart sind blond, fast weiß, und wenn er spricht, ist seine Stimme so leise, dass man sich zu ihm vorbeugen muss. Heute Morgen ist er aus Paris gekommen, heute Abend fliegt er weiter nach London. Er muss müde sein, aber man merkt es ihm nicht an. Gerade ist das neue Album von Múm erschienen, seit Tagen redet er darüber. Vielleicht mag er deswegen kein überflüssiges Wort mehr sprechen. Während er über seinen nächsten Satz nachdenkt, nuckelt er gedankenverloren an einer Traube.

Horch, was kommt von innnen raus?

Aufgewachsen ist Smárason in Reykjavik, aber die Großstädte Europas kennt er mittlerweile gut. Er hat in Kopenhagen, Berlin und Prag gelebt, ist mit Múm auf der ganzen Welt getourt. Vor zwei Jahren ist er wieder auf die Insel zurückgekehrt.

De:Bug: Isländische Künstler leben in London, L.A. oder Berlin. Lebt es sich auf Island so schlecht?

Smárason: Nein, aber Reykjavik ist eine sehr kleine Stadt. Alle kennen sich, arbeiten miteinander, unterstützen einander. Es ist eine sehr enge Gemeinschaft. Das ist das Schöne und zugleich das Schreckliche daran. Einige verlassen die Insel, weil sie im Ausland bessere Möglichkeiten haben. Oder weil sie als junger Mensch Abstand von der Familie brauchen. In anderen Ländern ziehen Kinder dann in eine andere Stadt. Auf Island gibt es aber keine anderen Städte.

De:Bug: Du bist in Reykjavik aufgewachsen. Wie war es für dich, von dort fortzuziehen?

Smárason: Als ich neun Jahre alt war, ist meine Familie für zwei Jahre nach Washington D.C. gezogen, weil meine Eltern dort studiert haben. Ich habe es gehasst. In Island bin ich sehr frei aufgewachsen. In den USA haben die Kinder nie draußen gespielt. Wenn sie das Haus verließen, mussten sie genau sagen, wo sie hingehen, alles wurde kontrolliert. Ich saß den ganzen Tag drinnen und habe ferngesehen. Nach einem Jahr habe ich meine Eltern angebettelt, wieder zurück nach Island ziehen zu dürfen, zu meinen Großeltern. Das habe ich dann auch getan.

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De:Bug: Du bist dann später erst nach Kopenhagen, dann für drei Jahre nach Berlin gezogen. Was konnte Berlin bieten, das es in Reykjavik nicht gab?

Smárason: Viele billige Wohnungen. Eine entspannte Umgebung. Lange Spaziergänge im Park. Interessante Menschen. Gleichzeitig gab es so viel Raum für Kreativität, Orte, Menschen, mit denen man arbeiten konnte. Es gab viele Möglichkeiten auszugehen, aber man konnte auch zu Hause bleiben und entspannen. Das hat mir sehr gut gefallen.

Hausaufgaben

De:Bug: Hast du dich zu Hause gefühlt?

Smárason: Definitiv. Wenn ich in Island war, konnte ich es kaum erwarten, wieder nach Hause nach Berlin zu kommen. Dort hatte ich zum ersten Mal eine Wohnung, die mir wirklich gefiel. In Island sind Wohnungen wahnsinnig teuer. Dann gab es all die kleinen Dinge: den Laden an der Ecke, mein Stammkaffee, die Bekannten, die ich im Prenzlauer Berg ständig auf der Straße und in den Plattenläden getroffen habe.
In Reykjavik gibt es entweder Wohn- oder Einkaufsviertel. Wenn man einkaufen will, muss man mit dem Auto fahren. Ich finde es aber schön, den kleinen Lebensmittelladen an der Ecke zu haben. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl im Viertel.

De:Bug: Hast du in der Zeit auch Deutsch gelernt?

Smárason: Ich habe mir große Mühe gegeben und auch Unterricht genommen. Ein bisschen Deutsch konnte ich schon aus der Schule. Aber es ist sehr schwer, weil alle jungen Menschen in Berlin sehr gut Englisch sprechen.

De:Bug: Gab es etwas, dass dich an den Deutschen genervt hat?

Smárason: Berliner sollen angeblich unfreundlich sein. Aber wenn man aus Island kommt, fällt das nicht auf. Isländer sind so unfassbar unfreundlich, dagegen sind Berliner reizend. Über die Deutschen kann ich sonst nicht viel sagen. Mein Freundeskreis in Berlin war sehr international.

De:Bug: Hattest du je Heimweh?

Smárason: In Berlin nie. Heimweh bekam ich erst später, als ich ein Jahr in Prag gelebt und dort studiert habe. Da merkte ich, dass ich wieder zurück nach Island wollte.

De:Bug: Woran lag das?

Smárason: Ich habe Menschen vermisst, die ich schon lange kenne, meine Familie, Freunde. Hinzu kam noch etwas anderes: Man verändert sich im Laufe seines Lebens. Was zu einem Zeitpunkt richtig ist, muss es später nicht mehr sein. Die Zeit in Berlin war sehr wichtig für mich. Ich bin unabhängiger geworden und habe meinen Horizont erweitert. Aber gerade deswegen kann ich jetzt wieder auf Island leben.

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De:Bug: Oft merkt man erst im Ausland, wie stark man von dem Land geprägt ist, aus dem man stammt. Hast du dich in Deutschland besonders als Isländer gefühlt?

Smárason: Nein, aber ich habe gemerkt, dass ich nach Reykjavik gehöre. Nicht weil ich Isländer bin, sondern weil ich dort eine Rolle in der Gemeinschaft spiele, für meine Freunde und Familie. Auch wenn ich mich in Berlin sehr wohl gefühlt habe, bin ich immer Außenseiter geblieben. Andere Menschen ziehen an einen Ort und merken, dass sie wirklich dorthin gehören, die kehren nie wieder nach Island zurück. Bei mir war es nicht so.

De:Bug: Fördert das Leben im Ausland die Kreativität?

Smárason: Die Umgebung zu wechseln ist sehr wichtig. Das weckt die Sinne. Wir machen es immer so, wenn wir ein neues Album aufnehmen. Wir sitzen nicht im Studio und machen den ganzen Tag Musik. Es ist eher wie Urlaub: Wir fahren für einige Wochen an einen Ort. Wenn uns danach ist, machen wir Musik, aber wir machen auch lange Spaziergänge oder liegen auf dem Sofa und lesen.

De:Bug: Seid ihr trotzdem produktiv?

Smárason: Gerade dadurch sind wir produktiv, weil wir entspannt sind.

Poesiealbum

De:Bug: Die wenigstens wissen das, aber du schreibst auch Romane und Gedichte. Was hat deine Arbeit als Schriftsteller mit deiner Arbeit als Musiker zu tun?

Smárason: Abgesehen von den offensichtlichen Unterschieden ist es für mich ein und dieselbe Sache. Der kreative Prozess ist ähnlich – egal ob ich Musik mache oder ein Gedicht schreibe. Es sind Dinge, die schon in meinem Kopf rumschwirren. Ich muss sie nur greifen. Manchmal geschieht das in Form von Worten, manchmal begleitet von Musik. Mein Schreiben beeinflusst meine Musik und umgekehrt. Wie genau, das kann ich nicht beschreiben, aber ich spüre es.

De:Bug: Für Múm schreibst du alle Liedtexte. Ist es anders, einen Liedtext zu schreiben als ein Gedicht?

Smárason: Manchmal ja, weil ich schon eine Melodie im Kopf habe, zu der der Text passen muss. Ich schreibe auch für andere Künstler. Dann bekomme ich die Melodie und muss einen Text dazu schreiben. Das ist schwer, aber ich sehe es als Herausforderung.

De:Bug: Was kam zuerst, das Schreiben oder die Musik?

Smárason: Musik zu machen habe ich erst im Alter von dreizehn Jahren angefangen, geschrieben habe ich schon viel früher. Bereits als Kind habe ich mir Geschichten und Comics ausgedacht. Mit dreizehn habe ich dann meinen ersten Gedichtband veröffentlicht, er war selbst kopiert.

De:Bug: Ist dir eines von beidem wichtiger?

Smárason: Künstlerisch ist mir beides sehr wichtig. Aber im Moment lebe ich von meiner Karriere als Musiker und konzentriere mich stärker darauf.
http://mumweb.net/

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Elektronische Lebensaspekte.