Mit dem Album "Cloudbuster" stürzt sich der notorisch querköpfige Hipster Mathias Modica auf die esoterischen Abseitigkeiten der Popmusik.
Text: Felix Denk aus De:Bug 123


Rajneesh Chandra Mohan Jain alias Acharya Rajneesh alias Bhagwan Shree Rajneesh oder einfach Osho, wie er von seinen Jüngern in der Spätphase seiner Guru-Karriere getauft wurde, kann wirklich unfassbar wahnsinnig schauen. Dieser durchgeknallte Oberverrückte mit den tellergroßen Pupillen, dem zauseligen Bart und dem wallend-weißen Haar glotzt Mathias Modica immer über die Schulter, wenn er in seinem Studio in München-Schwabing zu Gange ist.

Es ist zwar nur ein Poster, trotzdem kann man die Präsenz des Osho auf der neuen Munk-Platte hören. So funky Cloudbuster auch anfängt, irgendwann schleicht sich der Wahnsinn ein. In der zweiten Hälfte gleitet die Platte in einen kosmischen Soundirrsinn mit krautig-verquarzten Synthie-Orgien und endet in einem minutenlangen, weltverlorenen Querflöten-Solo. Übernimmt hier eine höhere Macht?

Scheint so. “Dieses ganze Esoterik- und New Age-Ding, da haben wir uns irre reingesteigert“, erzählt Modica. “So vor vier Jahren ging das los. Als Reaktion auf das ganze 80er-Jahre-Ding.“ Drei Meter ist das Osho-Poster im Studio groß und sagt ziemlich viel über Modica, seine Band Munk und sein Label Gomma, das er mit Jonas Imbery betreibt. Denn aus dem Verhältnis aus dem einen Ding, das sie gründlich über hatten, zu dem andern Ding, das jetzt die neue, brandheiße Sache ist, ergibt sich das unumstößliche Leitmotiv von Modica, Munk und Gomma, das da lautet: Immer das machen, was alle anderen nicht machen.

Der Esoterik-Fimmel ist keine Suche nach Sinn, sondern eine Reise in die abseitigen Gefilde der Popkultur der frühen 70er Jahre, in die auch der Italo-Kraut-Rock-Disko-Sound von Cloudbuster tief eintaucht. Die Stücke klingen warm, knarzig und analog. “Halt nicht so digital wie Minimal-House oder so kühl und technisch wie Ed Banger“, sagt Modica. Sie sind langsam, so zwischen 85 und 110 BPM, und das von Modica gespielte Piano dominiert das Soundbild.

Cloudbuster ist ein eigenwilliges und ziemlich fabelhaftes Album. Wir erinnern uns: Aperitivo, das erste Munk-Album, das 2004 erschien, klang punkig, hektisch und grob. James Murphy schrie rum und die Gitarre dominierte das Soundbild. “Gitarre und Dance – das gab’s damals nicht. Jetzt machen es alle.“ Klar, denn schon Aperitivo war ein eigenwilliges und ziemlich fabelhaftes Album.

Aber wiederholen, das geht nicht. Entsprechend hat sich Modica, der Munk nun alleine macht, ein paar ganz spezielle Musen ins Studio geholt. Zuvorderst Asia Argento, die Modica in Rom getroffen hat. Die italienische Schauspielerin kennt das breite Publikum als die Mätresse in “Marie Antoinette“ von Sofia Coppola und der semiprofessionelle Cineast als Regisseurin von Independent-Filmen wie “Scarlet Diva“ oder “Sarah“ sowie als Tochter des Horrorfilm-Regisseurs Dario Argento; Schon als Kind wurde sie auf der Leinwand oft von blutrünstigen Zombies niedergemetzelt.

Auf drei Stücken singt Asia Argento, das heißt sie flüstert, summt und säuselt. “Ich hab ein Problem mit Studiomusikern“, sagt Modica. “Die klingen so professionell soulig. Mir ist jemand lieber, der ein krasser Charakter ist und mehr Ausdruck in die Stimme reinlegen kann.“ Regelmäßig schaut auch Klaus Lemke im Gomma-Studio vorbei. Der Experimental-Filmer, Schwabing-Strizzi und notorische Leopoldstraßen-Streuner hat ein paar Texte für das Album geschrieben und eine nicht näher definierbare Mentoren-Rolle für das Label eingenommen:

“Der Klaus ist unser Nachbar. Der kommt einmal die Woche zu uns, erzählt uns Sachen übers Leben und gibt auch mal Ratschläge. Ihm gefällt es bei uns – da ist immer was los, da sind auch Mädels da.“

Das Netzwerk-Ding
Aber eben nicht nur. Denn das zu machen, was die anderen nicht machen, das macht auch eine Menge Arbeit. Man muss ja nicht nur wissen, was so geht, sondern auch, wie man dem entkommt. “Ich hab mir die letzten Jahre viel so Kram reingelesen“, erzählt Modica. “Über Typen, die in unserer superrealistischen Gesellschaft gar nicht mehr vorstellbar sind.“ Schon der Name Cloudbuster ist eine Hommage.

Ein Cloudbuster ist eine Maschine, die Freudo-Marxist Wilhelm Reich erfunden hat. Mittels körpereigener Energien soll sie Wolken zum Abregnen bringen und vom Himmel verjagen. Eine andere Quelle der Inspiration ist Alejandro Jodorowski, ein chilenischer Filmemacher, Sektengründer und Tarot-Kartenprofi. Sein Hauptwerk “Montana Sacra “, eine wirklich sehr sonderbare, surreale Bilderorgie, hat sich Modica gleich zehn mal angeschaut. Das Stück “Psychomagic“ ist dem Film gewidmet. Überhaupt soll das ganze Album vor allem eines sein: “ein Kopfkino“.

Die Disko ist schon längst nicht mehr der alleinige Referenzrahmen für Munk. Cloudbuster steht auf einem breiteren kulturellen Fundament und entkommt so der Enge der Clubs mit ihren eng gesteckten musikalischen Funktionsanforderungen. Und genau deshalb wünscht man sich, dass solche Musik viel mehr in Clubs läuft.

Ein Selbstläufer ist das nicht. Denn wer die Nase vorne haben will, braucht ein gutes Augenmaß. Das hat Modica gründlich begriffen. Schon in den 90er Jahren, da gab es Gomma noch gar nicht, hat er mit Jonas Imbery in München Parties veranstaltet. Etwa den Zuckerklub im Sugar Shack, einer 70er Jahre Rockdisco, in der sich früher Thomas Gottschalk und die Scorpions zugeprostet haben.

Das Herzstück des Ladens war die Lichtanlage. “Das war so ein riesiges blinkendes Ufo, ein Eigenbau eines brutalen Disko-Nerds.“ Dieses Ding konnte nur der Erbauer selbst über eine komplizierte Keyboard-Tastatur mit unzähligen Knöpfen steuern. “Seit 20 Jahren stand der Typ in dem Laden und bediente immer diese Anlage. Wenn man dem gesagt hat, Alter – jetzt mach den Ufo, dann fuhr das Ding hoch und runter.“

Trotz dieser Attraktion blieb dem Zuckerklub die rechte Publikumsgunst verwehrt. “Einmal hatten wir Cyril aus Paris als Gast-DJ gebucht. An diesem Abend war ich da, der Jonas, die Kassenfrau, ein Barmensch, zwei Freundinnen und der Ufo-Typ. Sonst niemand.“ Immerhin: Der Ufo-Typ hat sich gefreut, dass er so viel Platz hatte für seine Lichtanlage, die immer hoch und runter fuhr. Bei all der Faszination für schräge Typen und komische Vögel, mit Munk zitiert Modica den Wahnsinn anderer. Das kann nur ein ziemlich klarer Kopf.

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Elektronische Lebensaspekte.