Das Münchner Duo Munk ist als DJ- und Compilation-Team jeder Trendnase immer einen Schritt voraus. Sie entdecken Rammelzee wieder, freunden sich mit James Murphy an, bitten Franz Ferdinand zum Konzert, lange bevor sonst jemand den Braten gerochen hat. Diesen Status festigen sie in aller gebührenden Vielfalt mit ihrem ersten Album "Aperitivo".
Text: Heiko Behr aus De:Bug 86

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Es gibt Menschen, die sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Diese Menschen nennt man dann wohl Trendsetter. Das kann man vom Münchner Duo Munk nun wirklich nicht behaupten. Sie sind eigentlich immer schon kurz vorher da gewesen, bevor sich die Trendsetter auf einen neuen Hype stürzen können. Und manchmal scheinen Munk diesen Trend erst ausgelöst zu haben.

Vor einigen Jahren begannen Mathias Modica und Jonas Imbery (aka Munk), obskure und rare Aufnahmen einiger Spät-70er-Underground-Helden zusammenzustellen. Rammelzee, Sexual Harrassment, erstmals ein Stück von Michel Basquiats Band u.a. Sie boten diese Compilation einigen Labels an, alle sagten ab, auch ihr Vertrieb winkte ab. Kurzerhand veröffentlichten sie “Anti NY” auf ihrem eigenen Label Gomma. Und plötzlich war “No Wave” das neue große Ding. Mathias erzählt: “Über Freunde haben wir in New York den ehemaligen Mitbewohner von Basquiat kennen gelernt. Der hat uns mit Rammelzee, Dominatrix und Vincent Gallo bekannt gemacht und das Lizenzieren der alten Stücke war letztlich kein Problem mehr. Die Compilation lief oft in einigen New Yorker Radiostationen und plötzlich haben uns dann Princess Superstar und James Murphy kontaktiert.“ James Murphy? Ganz genau, der Mann, der den Sound von The Rapture nachhaltig prägen sollte und heute als Topproduzent gilt. Munk waren mit ihm schon per du, als die Welt für PunkFunk nur ein Schulterzucken übrig hatte. Heute singt er auf ihrem Debut-Album.
“Normalerweise gefällt uns nicht das, was allen gefällt. Vielleicht ist wirklich alles, was wir machen, immer eine Reaktion auf das, was passiert“, überlegt Mathias. “Seit Jonas und ich Mitte der 90er angefangen haben, Partys in München zu organisieren, wollten wir immer Musik vorstellen, die sonst nicht stattfindet: die ersten Gigs von Squarepusher, Les Rhythmes Digitales oder auch The Rapture in Deutschland haben zum Beispiel wir klargemacht.” Oft passiert das relativ unbemerkt. So veröffentlichten sie ein Album von “Kamerakino” – in der Szene Schulterklopfen allerorten, quasi keinerlei Verkäufe. Doch dann: Aus “Kamerakino” entwickelt sich eine Truppe mit dem seltsamen Namen Franz Ferdinand. Der Rest ist Geschichte, es muss wohl nicht erwähnt werden, dass kaum jemand Munk mit diesem Phänomen in Verbindung bringt.

Mit dieser Strategie innovativer, eigenständiger Veröffentlichungspolitik scheinen sie intuitiv den richtigen Weg zu beschreiten. Schon kurz nach der Veröffentlichung der “Anti NY”-Compilation trat Soul Jazz an sie heran, heute tummeln sich neun Zusammenstellungen mit relativ engem Künstlerraster auf diesem bis dato unbeackerten Feld. Auch wenn sie damit (einleuchtenderweise) keine internationale Anerkennung ernten konnten, so verfolgten auch die beiden “Teutonik Disaster”-Compilations eine ähnliche Strategie – experimentelle deutsche Musik zwischen 1977 und 83, die sich durchaus als Gegenentwurf zur Neuen Deutschen Welle lesen lässt: Trash-Disco, New-Wave-Funk und Hobbyrock. Es gab ein Leben jenseits von Nena und Markus.

Neben ihren Compilation-Projekten arbeiten Mathias und Jonas schon jahrelang erfolgreich als (House-)DJs. Paris, London, Tokyo oder New York . Und produzieren für Fashionshows wie Givenchy oder Kostas Murkudis. Bei allem internationalen Respekt innerhalb der In-Crowd: Warum gelten sie in Deutschland noch als Geheimtipp? “Wir sind ja nicht in dem Maße ein professionelles Label wie andere. Wir haben noch nie Geld in Anzeigen oder Promotion gesteckt. In anderen Ländern schreiben DJs, die unsere Platten auflegen, gleichzeitig für die relevanten Magazine – so haben wir uns rumgesprochen. Und dazu sind wir ja auch schwer einzuordnen mit unserem Zeug. Sowas ist ja immer ein Problem in Deutschland.”

Diesem Grundzug bleiben sie auch auf ihrem Debutalbum “Aperitivo” treu: Es geht nicht um stilistische Einheitlichkeit oder einen Trademarksound, es geht um eine gewisse Haltung – ohne in eine übererklärte Verweigerungshaltung zu verfallen. “Wir wollten auf keinen Fall nur den Discobeat haben, der jetzt gerade so in ist. Wir hatten die Idee, wie ein altes Prince-Album zu klingen: zwei Balladen, zwei Partyhits, zwei für die Freaks, zwei für die Mädchen, zwei poppige Stücke. Oder wie ein Mixtape mit den Lieblingsstücken für deine Freundin, wo du deinen eigenen Flow findest.” Diese Sätze bringen “Aperitivo” tatsächlich auf den Punkt. Folkiges mit Bobby Conn, schwüler Beckenfunk, Vierviertel-Bassdrumwahnwitz, hysterischer Hedonistenpunk, Handclaps, schneidende Snares bis zum Abwinken, Princess Superstar in Hochform, eine nonchalante DJ Chloé und eben James Murphy. Ein überbordendes, brodelndes und bockiges Album, das sich jeder Eingrenzung gekonnt entzieht. Und gleichzeitig die Rettung für die nächste schlecht sortierte Party: “Aperitivo” und die Repeattaste. Mehr braucht es nicht. Aber sei dir sicher: Während du noch tanzt, sind Munk schon wieder ganz woanders. Bald wirst du davon hören.

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Elektronische Lebensaspekte.