Die vollbärtigste U-Boot-Musik kommt aus Tijuana, Mexiko. Fernando Corona streut als Murcof Salz in die Wunden der Elektronika, Europa pökelt sich begeistert ein.
Text: Oliver Schulz aus De:Bug 62

Entschuldigen Sie die Nabelschau, aber ich muss mit einer Geschichte anfangen. Rechtfertigend kommen jungfräuliche Hörer darin vor. Und nicht nur im Französischen kommt die Wahrheit von den Unbefleckten. Also: Marseille, der Abend eines Tages drückender Hitze. Am Ende sitzen wir zusammen, mein Freund Mohammed Abbas aka Docteur Mo, ein arabischer Intellektueller (verkracht, chaotisch, genial), Brachialmusiker und Veranstalter von Punkrockkonzerten in Marseille, Gilles, sein hypermotorischer, Mountainbike-fahrender Sunnyboy-Mitbewohner, und ich. Ich lege Murcof auf. Die Musik stößt auf gemischte Reaktionen. Mo meint: “Ich mag an dieser Musik, dass sie mit minimalen Andeutungen von Klängen einen Rhythmus herstellt.” Sehnsucht nach kühlem Nass oder Realität, jedenfalls entgegnet Gilles: “Für mich ist das U-Boot-Musik.” Darauf witzelt Mo: “Stimmt schon, das zieht einen ins tiefe Wasser. Im Übrigen hat er gerade auf einem Festival namens Sonar gespielt, das passt ja (prust!).” Mir ist Murcof im Plattenladen aufgefallen. Da stand die neue Maxi von Sutekhs Label Context (09, wenig später folgte dann das Album “Martes” auf Leaf). “Das ist gut”, versichert die Dame hinterm Tresen, “wenn auch sehr dunkel.” Na klar, je tiefer man taucht, desto weniger Licht.

Nach der x-ten, immer gleichen Tech-House-Produktion oder ebenso wenig innovativer Zuhör-Elektronika überrascht Murcof beim Plattendurchhören mit einem neuartigen Klangbild. Ein reiner Klavierakkord steht im Raum, wird beim Ausklingen von Streichern flankiert. Nur die sparsam einfließenden Verfremdungseffekte lassen die Montage erkennen. Dennoch kann die Fassade aus klassischen Instrumenten jederzeit wegbrechen. Unterschwellig dominiert die Elektronik. Erst nach langem atmosphärischem Spannungsaufbau setzten Rhythmen ein. Dank ihrer Feinfühligkeit harmonieren sie auf wunderbare Weise mit den akustischen Klängen. Manchmal rücken Stimmsamples die Stücke an den Rand des Pathos. “Mir gefällt der Gedanke, zwei Stile zusammen zu bringen: Die emotionale und spirituelle Tiefe von zeitgenössischer Musik und die offensichtlichere Intellektualität von elektronischer Musik und digitaler Bearbeitung”, erklärt Fernando Corona zu seinem Projekt Murcof.

Vollbartträger mit Gretchen-Antworten

Der zurückhaltende Vollbartträger Corona lebt in seiner Geburtsstadt Tijuana, Mexiko. Die ganz spezielle Mischung von Murcof entstand, als Fernando an seinem Computer mit Klängen des amerikanischen Komponisten Morton Feldman experimentierte. Elektronische Musik hört er schon seit seiner Kindheit. Als frühe Einflüsse nennt er Jon Santos Bach-Interpretationen, Jean Michel Jarre oder Tangerine Dream. Schon 1988 startet er ein kurzlebiges Acid House Projekt, Vortex. Immer auf der Suche nach neuen Horizonten spielt er in den 90ern sieben Jahre lang mit einer Jazzrock-Band. “Ich habe immer viel experimentiert und folge keiner Tradition außer der einen: Ich verwende Musik als ein Mittel menschlichen Ausdrucks durch ihre Komponenten Rhythmus, Melodie und Harmonie.” Seit 2000 gehört Fernando mit seinem Techno-Projekt Terrestre zum Nortec Movement, das letztes Jahr zu Sonar geladen war. Bei dieser Gelegenheit knüpft er die Kontakte zu Context und Leaf, denen Murcof seine Bekanntheit über die kleine mexikanische Szene hinaus verdankt.

Nun tourte Murcof durch den europäischen Festivalsommer. Wenn sein Laptop-Set in der Präsentation auch etwas steif wirkt, überzeugt es doch durch den musikalischen Output. Die andächtig lauschenden Sonar-Besucher spenden Murcof mehrfach fieberhaften Szenenapplaus. Der Mann weiß eben, wo er hin will: “Wenn ich Musik mache, möchte ich die niemals ganz verheilende Wunde öffnen und ein wenig Salz hineinstreuen.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.