Dylan Ettinger & Umberto
Text: Michael Aniser aus De:Bug 171

UMBERTO FALL 12 (1)

Zwei Analog-Outsider spulen im stillen Kämmerlein Kassetten vor und zurück: “Crucify Your Love” befiehlt Dylan Ettinger auf seinem jüngsten Release für Night People Records und mit “Confrontations” kehrt Umberto nach einigen Horror-Disco Ausflügen zurück zur Bro-Synth-Brutstätte Not Not Fun. Beide vereint der amerikanische Mittlere Westen und eine generelle Neudeutung jüngerer Americana.

Text: Michael Aniser

Es ist Sommer 2012, Matt Hill schwankt über den Flur zu den Toiletten des Berliner RAUMs. Soeben hat er sein Set als Umberto im überfüllten, zugeschwitzten Club hinter sich gebracht. Mit ins Gesicht gezogenen Haaren und tief in den Laptop gebeugt, dreht er Bässe in Carpenter-esque Soundtrack-Miniaturen und faded in darke Disco-Beats. Die Nebelmaschine ist auf Dauerbetrieb gestellt und weit über das oberste Stockwerk der Industriehalle hinaus verwischen die ersten Sonnenstrahlen im grau flimmernden Videokassetten-Haze – wohl wiedermal zu oft zurückgespult. Im ersten Gespräch mit Matt starrt er eine ganze Weile in die Ferne, über den ehemaligen Todesstreifen hinweg, bevor er meine Frage nach der Musikszene in seiner Heimatstadt Kansas mit “There’s no one … I’m alone” beantwortet und wieder langsam im Nebel verschwindet. Der Soundtrack hebt noch einmal zur letzten großen Fanfare an, während die Kamera sich langsam in die Vogelperspektive erhebt, und hoch über dem Amazonas, wie in jedem guten Kannibalenfilm, rollen die Closing Credits. Auf “Confrontations” geht es allerdings primär um die Entführung durch Außerirdische und nicht die Verschleppung durch post-kolonial problematisch gezeichnete Ureinwohner. Die Tracks sind etwas discoider geworden, der Opener “Night Fantasy” klingt mehr nach Miami Vice als nach Lucio Fulcis düsterem Giallo-Klassiker “The New York Ripper”. Über sieben Tracks zieht sich die Mär von der Invasion der Aliens und endet im minimal dumpf stampfenden MIDI-Kracher “The Invasion”.

Les amateurs de la cassette

Nicht Hauntologie, sondern Hommage und das Ausleuchten einer vergangenen SciFi-Zukunft, an der sich die Geschichte des suburbanen Amerikas nachzeichnen lässt, sind Hintergrund eines solchen Sounds. Nie eingelöste Versprechen von Hooverboards oder dem Erwachsenwerden schieben die Synth-Kaskaden und treiben durch ein episches Fantasy-Narrativ, dessen Helden in ewigen Fan-Fiction-Schleifen feststecken und durch retrofuturistische Handlungsstränge navigieren. Hinter Halden aus analogem Equipment, mit Tape-Delay-Klackern und einem emulierten Korg MS-20 wird die Erfindung des Handys dementiert, sonst würde die ganze Handlung kippen. Man könnte ja einfach rausgehen und anrufen und müsste nicht ewig vor dem Festnetz-Telefon ausharren und sich die alten Videokassetten zum hundertsten Mal ansehen. Verlaufen gegenwärtige Konzepte hypnagogischen Sounds genau in ebendiesen krypto-ironischen Retro-Chimären, wird in Dylan Ettingers und Umbertos Werk gleichsam eine andere Welt aufgebrochen: die grausame Sicherheit der Vorstadt, der Provinz. Diese wird gegenwärtig sonst ja soweit heruntergepicht, dass es schon gar nicht mehr weh tut. Umberto hingegen sticht nochmal tief in den doppelten Boden von John Carpenters “(Leaving) Los Angeles” und findet da so einiges an Ballastmaterial – seine 2011 veröffentlichte 12″ “Final Exit”, eine 15-minütige Elegie als Soundtrack zum Selbstmord für Zuhause, kommt dann auch ohne B-Seite aus, wer wird die schon umdrehen wollen? Ettinger soundtrackt inzwischen eine ganz andere Kälte. Vielleicht am ehesten den Moment, als John Connor in “Terminator 2” vom BMX fahren und Geldautomaten hacken nach Hause kommt und ihm klar wird, dass jetzt bald mal die Maschinen das Sagen haben werden.

Daniel Johnston beim Star Trek gucken

Im September 2012 unterhalte ich mich kurz mit Dylan Ettinger auf Facebook und frage ihn, ob nach seiner letzten Platte “Lifetime of Romance” schon wieder etwas Neues geplant sei. “I don’t know, I’m thinking of retiring from music.” Ettinger, gerade mal 24, hat sich dann aber glücklicherweise noch einmal am Riemen gerissen und legt jetzt mit “Crucify Your Love” den Nachfolger vor. In gerade mal 20 Minuten zersetzt er die kühlen Pop-Jams von “Lifetime of Romance” und stülpt sie nach innen zu raueren und fasrigeren Tracks um. Die Stimme mit ordentlich Distortion und Delay überlagert, zerläuft alles in einem manisch-depressiven Brei aus flächig-analogem Synth-Gewaber. “The End of love…” singt Ettinger im Track “Dawn”, sehr kalt das alles. War für Daniel Johnston, den Go-To-Outsider mit der dünnen Stimme, der hier immer wieder durchscheint, die Liebe noch brachial verklärtes Ideal, beispielsweise im Song “True Love Will Find You In The End”, relativiert “Crucify Your Love” dieses Traumbild und dreht es auf Gegenwart. Als würde man Johnston beim Star Trek schauen über die Schulter gucken, die Flasche Mountain Dew fest in der Hand und auf dem Schirm wird Captain Picard gerade erfolglos von der Lyaaranidin Anna verführt. (“Liaisons”, SE07 EP02) Vor ein paar Wochen holte ich Matt Hill vom Flughafen ab, er tourt gerade mit seiner neuen Platte und kommt von einem John-Carpenter-Festival in Genf, wo er in einer alten Oper vor Fachpublikum sein Set spielte. “It was weird.” Wie es denn inzwischen aussieht in Kansas will ich dann noch wissen und ob alles cool ist mit der neuen Platte? “There’s still no one.”

Dylan Ettinger, Crucify Your Love, ist auf Night People erschienen.

Umberto, Confrontations, ist auf Not Not Fun erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.