Music A.M. machen nicht nur Musik für Frühaufsteher, sondern auch für Spätinsbettgeher. Auf jeden Fall haben sie das Runterkommen nach einer Nacht im Club neu erfunden: Wir ziehen den Vorhang auf und blinzeln in die aufgehende Spiegelkugel.
Text: Multipara aus De:Bug 101


Foto: Estelle Klawitter

Luke Sutherland sang schon in den frühen Neunzigern, in seiner Band Long Fin Killie, mit diesem halb geflüsterten, aber eindringlich bestimmten Timbre, das ein bisschen so klingt, als läge er neben einem im Bett und es sei noch zu früh für eine normal laute Stimme. Diese morgendliche Leichtigkeit gab Music A.M. den Namen, seinem jetzigen Projekt gemeinsam mit Volker Bertelmann und Stefan Schneider, die seine Stimme auf durchweg unaufdringlich komplexe, dichte, aber sanfte rhythmische Kissen betten. Nichts an der Musik beißt – ihr halb elektronischer, halb akustischer Klangraum perlt wie eine warme Dusche.

Wem bei derlei sogleich die Zehennägel hochklappen, der verpasst allerdings Entscheidendes: Den dreien gelingt es, auf ihrem neuen, zweiten Album (ein Minialbum nicht mitgezählt) diesen entspannt aufblühenden Schwebezustand auch mit Genres und Mitteln einzufangen, die man in dieser Zielsetzung nicht erwartet: mit Disco-Anleihen, Bläsern, Chören und großen Toms, die in Stücken wie “Say it” oder “Stars on 45” sich in üppiger Entwicklung aufeinander schichten, aber niemals die konkrete, körperliche Schwere annehmen, die sonst das Genre auszeichnet und die da eigentlich unabdingbar schien.

Die Disco-Referenz war nicht Programm, so Volker Bertelmann – sie ergab sich unter anderem einfach daraus, dass er z.B. mal etwas mit Bläsern machen wollte, und daraus, dass die drei beim gemeinsamen Erarbeiten von Stücken im Studio für sich das Eingrooven in Stücke per Loops neu entdeckten. So lagen bei zwei Stücken (“I was born to make you happy”, und “Say it”), anders als sonst, der (kurze) Text schon vor der Musik fest und bildet in seiner beständigen Wiederholung ihr Fundament.

Möglich wäre auch, dass die unterschwellige Spannung sich auch einfach ganz aus den unterschiedlichen Persönlichkeiten speist. Die gestochen scharfe Artikulation Sutherlands etwa, die etwa ein Stück wie “Stars on 45” auflädt, entspricht ganz der Weise, wie er präzise formuliert auf Fragen antwortet – will man frei plaudern, muss man sich an Bertelmann wenden. Aber vielleicht ist alles auch ganz anders. Denn Music A.M. können sich unabhängig halten von Erwartungen. Die Musik spiegelt die Ungezwungenheit des Projekts wieder, alle drei haben ihr Auskommen mit anderen Projekten, Bertelmann mit Hauschka und Tonetraeger, Schneider mit Mapstation und To Rococo Rot, Sutherland schließlich schreibt Romane. Ohne Druck wird man sich im Sommer der Herausforderung widmen, das Projekt auf die Bühne zu bringen. Und live ist immer ganz anders als auf Platte. Music A.M. sind klug und erfahren genug, das vorher zu wissen. Man möchte mehr als eine Dreierbesetzung, auf der etwa die Chöre oder die Posaune dann aus dem Sampler kommen müssen. Und aggressiver darf es werden – was die neue Platte noch nicht verrät: Im Studio wurde durchaus schon mehr Gas gegeben und gemeinsame Punk/Rockhintergründe wie Joy Division ausgelebt. So gesehen deutet “Unwound from the wood” einstweilen nur an, dass die drei nicht nur in der Lage sind, konsequent feinen Ambient-Pop zu konstruieren, sondern im Experiment auch ganz Neues zu finden. 2006 wird ein ganz spannendes Jahr.

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Elektronische Lebensaspekte.