Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 09

Music for everybody Source Direct über Drum and Bass Mercedes Bunz mrs.bunz@de-bug.de Was aus Drum and Bass geworden ist, paßt Source Direct überhaupt nicht. Daß es irgendwann bei irgend jemandem mit dem Prädikat “Von Anfang an dabei” soweit kommen würde, war ja zu erwarten. Überraschenderweise vielleicht, daß es ausgerechnet diese beiden sind, die mit einem dicken Virgin Science-Vertrag in der Tasche genug vom Kuchen, der aus Drum and Bass in der letzten Zeit geworden ist, abbekommen haben. Ihnen geht es also nicht ums Geld. Es geht ihnen darum, was mit der Musik, die vor noch gar nicht so vielen Jahren noch von Medien und selbst von Raveveranstaltern als kriminell gemieden wurde, heute passiert. Klar ist für sie, daß sie nicht ewig im Underground spielende Youngsters bleiben wollten, als die sie sich selber mal bezeichnet haben. Klar ist für sie aber auch, daß die Professionalisierung der Musik nicht bedeuten muß, alles andere, was vorher war, zu vergessen. Es ist das Anschmiegen an die Anforderungen als “new shit for everybody”, das sie ärgert. Too much Pop. Bei der Eroberung der musikalischen Welt ist Drum and Bass im Vergleich zu anderen Tanzmusiken englische Wege gegangen. Während es etwa bei Techno zu einer regen Zusammenarbeit zwischen allen Kontinenten gekommen ist (vgl. zum Beispiel die Hardwax Story auf S.20), blieb man bei Drum and Bass eher mal unter sich. Englische DJs benahmen sich einheimischen Szenen gegenüber gerne wie Tories bei Vertragsverhandlungen mit der EU: auf keinen Fall engerer Kontakt als nötig. Prinzipiell kam man selten früher als eine halbe Stunde vor dem Gig in den Club und blieb danach auch selten länger. “You have to build your own scene” hieß es. Bis heute ist das gemeinsame Tüfteln an Tracks wie bei Precision und No U Turn oder X-Plorer, Dee-Pulse und Matrix eher mal die Ausnahme. Anstelle eines Netzwerks, das die Musik in die Welt hinausbringt, ist es bei Drum and Bass eine eingeschworene Crew von englischen DJs, die in den Ländern herumreisen, um das Neue zu verkünden. Stars were born. Im Zuge dieser Überarbeitung sind die Sets easier geworden, und die Tracks, die rauskommen, weniger. Es reicht meist, wenn getanzt wird, denn außerdem arbeitet man an Alben. Fortsetzung Seite 05 Source Direct ärgert das. Ihre Initiation bekamen sie in Hardcore, irgendwie immer noch die Musikrichtung, die im Gegensatz zu Techno am konsequentesten medial untergegangen ist. Trotzdem ist diese Zeit für sie – ebenso wie vielleicht für Reinforced – der wichtigste Bezugspunkt überhaupt, weil es die Musik war, mit der man nicht nur gelernt hat, Tracks zu machen, sondern die gleichzeitig Vorlage für einen Lebensentwurf gewesen ist. Von dort aus hat man sich entwickelt. Für eine Musik, die als oberstes Diktum “weiter” gesetzt hatte, kann es auch nicht darum gehen, bei ihr stehen zu bleiben. Genau deshalb können Source Direct heute nicht ernst nehmen, daß Produzenten, für die Tourmanager bestellt werden, Drum and Bass immernoch mit der Fahne “Underground” markieren wollen. Ganz im Gegenteil empfinden sie Professionalität als wichtigen Part, dem es gilt, sich zu stellen, was nicht heißt, der steigende Popularität von Drum and Bass nachzugeben und eingängigere Tracks zu produzieren, sondern dem standzuhalten. In letzter Zeit haben sie sich nicht zuletzt auch deshalb immer vorsichtiger benommen. Die Eingängigkeit, die die Musik im Form von Two Step Beat und Ravestruktur mehr und mehr prägt, hat sie dazu gebracht, sich zurückzuziehen. Anfragen von Metalheadz, für die Limited Edition Box Tracks beizusteuern, haben sie abgelehnt, ebenso die Teilnahme an einem Remix Album zu Photeks letzter LP, das in ein paar Monaten erscheinen soll. Erst wollen sie selber wieder herauszubekommen, wo man mit der Musik hin will, und wie es nun weitergehen soll mit Drum and Bass. De:Bug: Ich habe gehört, ihr habt früher Hardcore-Parties organisiert? Phil: Ja, da fingen wir an aufzulegen, 13 waren wir da. Hauptsächlich gingen wir damals aus und kauften uns Underground-Platten. Jim: Phil kommt eigentlich eher vom Techno-Underground und ich vom HipHop-Underground. Wir trafen uns und kamen gleich irre gut miteinander aus. So fing das alles an: Platten kaufen, Tapes für andere Leute mixen. Mit der Zeit dachten wir uns, okay, ich glaube, wir sollten eigentlich mal Parties organisieren. Der einzige Weg auflegen zu können war damals unsere eigenen Events zu organisieren und zu promoten. Phil: Wir wollten unbedingt ein Teil von dem sein, was da gerade passierte. Jim: Wir organisierten also eine Reihe illegaler Underground-Raves. Leider wurden wir von der Polizei erwischt. Von da an mußten wir mit ein paar Tricks arbeiten. Wir verkauften etwa wie gewohnt unsere Tickets unter den jungen Leuten in Pubs und so, deklarierten das ganze aber als Geburtstagsparty, und wenn man kommen wollte, mußten sie uns ihren Namen geben. Wenn die Polizei dann mitten in der Nacht kam, konnten wir sagen: Hey, das hier ist eine Privatparty, es gibt sogar eine Liste mit 300 Namen. Das ist gar kein illegaler Rave, es ist eine Geburtstagsfeier. De:Bug: War das auf die Dauer zuviel Aufwand, oder warum habt ihr damit aufgehört? Jim: Oh, wir liebten es. Es gehörte damals quasi zum guten Ton, von der Polizei gejagt zu werden. Die Musik hatte ja einen bestimmten Ruf. Aber während wir so langsam erwachsener wurden, wurde uns langsam klar: Musik, das ist, womit wir eigentlich arbeiten wollen. Ich arbeitete damals in den BBC-Studios. Wir richteten das Licht für Rock’n’Roll-Bands im Wembley Stadion und sowas. Es machte zwar Spaß, da zu sein und so, aber letztendlich war die Musik, die da lief, Quatsch und ohne die richtige Musik: vergiß es. Man kann einen klasse Club haben, ein herausragendes Licht, geniale Projektionen, aber wenn die Musik nicht die richtige ist, ist es alles nichts. De:Bug: Es gibt diese Art von Parties in England mittlerweile nicht mehr, oder? Jim: Ja, jetzt gibt es die Criminal Justice Bill. Phil: Aber wir sollten wieder damit anfangen. Jim: We shall return. Die Criminal Justice Bill, die Kriminalisierung durch die Regierung, hinterließ schon Spuren in unserer Generation und der Partykultur. Vielleicht kann man ydas dadurch erklären, daß die Medien die Musik immer mit Drogen in Verbindung brachten. Für uns geht es deshalb viel darum, die Musik als eine wirklich eigene Form darzustellen. Ich glaube, früher war es noch nicht so wichtig, daß die Musik qualitativ hochwertig produziert wurde. De:Bug: Glaubst Du, die Vorgänge um die Criminal Justice Bill haben die Entwicklung von Drum and Bass beeinflußt, etwa weil man sich neue Orte suchen mußte, an denen man Musik hören konnte? Wenn man sich beispielsweise an die Attitude von Hardcore erinnert, könnte man gar nicht daran glauben, daß Drum and Bass mal das geworden ist, was es heute ist, oder? Ist Drum and Bass heute noch genauso radikal, wie es Hardcore mal vor einiger Zeit war? Phil: Es ist heutzutage Musik für alle Leute. Man versucht es eben akzeptabler zu machen, indem man sich danach richtet, was die Leute davon halten. Jim: Es gibt offensichtlich einen Unterschied, ob ein Track eher im Club oder eher in einem kommerziellen Zusammenhang gespielt wird. Aber wenn man die Musik produziert, hört sie keiner außer dir selber. Bei Source Direct geht das keinen außer uns etwas an. Erst dann ist es die Musik von anderen, dann können sie darüber urteilen. Wenn es ihnen gefällt, freuen wir uns. Wir verstehen die Mechanismen des Marktes und all den ganzen Scheiß, aber wir wollen keinen Kompromiß. Für Call & Response haben wir beispielsweise mit einem repetitiven Hook gearbeitet. Man erkennt den Track sofort wieder, aber er ist nicht cheesy. Phil: Diese ganze Komplexität in unseren Tracks entsteht, weil wir versuchen, uns selber mit dem was wir machen zu fordern. Wenn wir einen dieser verdammten Two Step-Tracks machen müßten, würden wir uns dabei zu Tode langweilen. Künstlerisch ist das einfach nicht interessant für uns. Wir versuchen also jeden Track einen Schritt weiterzutreiben, um unser eigenes Interesse daran zu behalten. Jim: Wenn es uns interessiert, interessiert es auch die Leute da draußen. So etwas arbeitet in beide Richtungen. Natürlich könnten wir uns hinhocken und einen eingängigen Track machen, eine nette cheesy Melodie nehmen, ein paar Vocals darüber legen und so weiter. Wir könnten auch House machen oder richtig kommerzielle Musik oder was auch immer. Aber fuck it, das hier ist Drum and Bass, oder? Phil: Das erste, was uns einfällt, ist auf keinen Fall, einen Hit zu produzieren. Wir kommen nicht auf den Gedanken, unter einen alten Hit Breakbeats drunterzulegen, weil er tausenden von Leuten bekannt ist. Das ist eher mal Marketing. Jim: Es ist ungefähr so: Wenn man einen klassischen Tune hat, der in einer bestimmten Generation eine bestimmte Rolle gespielt hat: Warum wird genau das benutzt? Warum arbeitet man nicht selbst an einer Melodie? Weil es ausgezeichneterweise extrem viele Leute gibt, die den Track damit schon kennen und kaufen. Es ist aber ein Unterschied, eine musikalische Platte zu machen und eine Platte zu verkaufen. De:Bug: Also an wen verkauft ihr die Platten? Phil: Na, true underground fans. (lacht) Fucking come on! Jim: Wir hören Geschichten über Leute, die unsere Platten kaufen. Sie sammeln jeden Track, und sie wissen genau, wann der nächste rauskommen soll. Selbst wenn ein Track schon auf einem Album war und jetzt als 12″ rauskommt, auf der anderen Seite aber ein neuer ist, kaufen sie es. Das ist Hardcore eben, wirkliches Interesse, Dedikation. Uns geht es mit der Musik genauso. De:Bug: Im Moment scheint es, als ob der Dancefloor immer kommerzieller wird. Und zwar nicht, weil eingängige Tracks von Leuten außerhalb der Szene sich durchsetzten, die man dafür verurteilen könnte, daß sie aus Drum and Bass leicht konsumierbare Musik machen, sondern es scheint aus der Drum and Bass-Szene selbst zu kommen, wiedererkennbare Tracks zu produzieren, Doc Scotts “swarm” beispielsweise. Ein komplexerer Break ist absolut abwesend im Moment, verboten quasi, weil er nicht eingängig genug scheint. Jim: Exakt. Und die DJs wollen nicht mehr mixen, sie wollen es simpel, um keinen zu überfordern. DJs sollten eigentlich da sein, um Wissen über die Musik und den Stil zu vertiefen. Aber wenn man lauter DJs hat, die nix im Kopf haben und nicht mischen können – ich nenne keine Namen – geht das natürlich nicht. So kommt es auch, daß wir selber touren. Wenn wir jemanden wüßten, der eine breitere Auswahl von Drum and Bass spielen würde, müßten wir das nicht selber promoten. Aber beinahe alle DJs benahmen sich in letzter Zeit so: ‘Wenn der Track nicht diesen Beat hat, spielen wir ihn nicht.’ oder ‘Wenn der Track nicht von dem und dem Label kommt, spielen wir ihn nicht.’ Okay, in Ordnung. Dann müssen wir eben selber kommen und auflegen. Machen wir. Ich werde bis zum Ende meines Lebens kein Bumm Chack, Bumm Chack spielen. Kein Two Step, sorry. Das ist Drum and Bass! Es tut mir leid, aber Bumm Chack ist einfach nicht genug für uns. Wo ist eigentlich dieser verdammte Vibe, der die Dinge zu Ravezeiten weitergetrieben und mitgenommen hat, hin? Die Platten, die zur Zeit herauskommen, trauen sich nicht mehr irgend jemand zu fordern. Und die DJs sehen ihre Rolle nur noch darin aufzutauchen, bezahlt zu werden und wieder nach Hause zu gehen. Darum geht es nicht. Man muß in der Musik sein, diese Musik verstehen, darum geht es. Es geht darum, etwas zu erfahren. Phil: Für uns geht es also darum, einen anderen Weg zu gehen. Wir versuchen für das, an was wir glauben, einzustehen. Und wir glauben, was wir machen und daran, daß wir wissen, was ein guter Track ist. Und das werden wir spielen, nichts anderes. Jim: Wir gehen im Moment also genau den entgegengesetzten Weg. Wir versuchen, die Sachen so schwierig wie möglich zu machen, auch das Auflegen. Einfach als Herausforderung. Wir legen auf, seitdem wir 13 sind. Sich Platten zu packen und sie auf die Technics zu legen, ist nichts besonders neues. Man macht das schon verdammt lange und es ist verdammt viel passiert. De:Bug: Warum habt ihr nie versucht, eine DJ-Karriere wie Grooverider oder Doc Scott zu machen? Phil: Es hat uns nicht interessiert, eben das haben wir getan, als wir zu Drum and Bass kamen. Wir fingen an aufzulegen, wir organisierten Parties, wir spielten unsere Tunes. Es ist nicht so, daß wir nicht gefragt werden, aber wir haben kein Bedürfnis mehr, andauernd aufzulegen. De:Bug: Geht ihr überhaupt noch aus? Jim: Ja aber klar. Wir treffen uns mit Freunden, trinken und haben Spaß. Aber das hat nichts mit unserer Arbeit, also dem, was wir als professionelles Ding sehen, zu tun. Und genau so möchten wir das sehen, als Arbeit. Zu viele Leute tun immer noch so, als ob sie Underground wären. Dabei tun sie nichts anderes und in professionellen Zusammenhängen. ‘Yeah, it is underground, oh, it is still streetstyle…’, all dieser ganze Quatsch. Es ist nicht gut, wenn man das durcheinanderbringt. Wir haben den Anspruch, das Ganze professionell zu machen. Aber oft haben wir dann doch das Gefühl, Drum and Bass ist noch nicht reif genug geworden, die Leute, die Art in der es organisiert wird, die Weise in der es betrieben wird, all das ist noch nicht wirklich erwachsen geworden. Die Leute, die es machen, benehmen sich wie kleine Kinder. Wir sind noch ziemlich jung, aber wir versuchen wenigstens die Sachen herumzudrehen. Phil: Diese Leute sind damit beschäftigt, sich darum zu sorgen welches Auto sie fahren. Weißt Du, was ich damit meine? Sie haben vier Autos. Man bekommt das Gefühl, alle rennen nur noch da draußen rum, um verdammte BMWs zu kaufen. Ein Auto, na und? Das sagt doch viel über die Mentalität, sie benehmen sich wie kleine Jungs mit ihrem Spielzeug. De:Bug: …kann ja nur noch besser werden, im Moment. Jim: Soweit es uns betrifft, wissen wir was wir tun wollen. Und wenn es bedeutet, daß wir touren müssen, um einige Tracks zu spielen, okay. Ich hoffe, daß es einigen von den Leuten, die kommen, gefallen wird. Es soll sich nicht alles darum drehen, was letzte Woche rauskam. Es sollte Qualität haben. Es sollte gut sein. Es sollte einfach etwas bedeuten. Phil: Wir haben das Gefühl, daß einige der älteren Sachen besser sind, viel besser als die meisten Sachen, die jetzt rauskommen. Jim: Wenn man sich drei Jahre alte Tracks anhört, blenden sie komplett aus, was heutzutage erscheint, als ob sie mehr Bedeutung haben. Als ob man einfach hören kann, daß viele der Leute, die heute produzieren, jemand anderen dafür bezahlen und der es für sie macht. Phil: Es scheint fast so, daß bei vielen Leuten, die schon seit langer Zeit mit der Musik arbeiten, der Enthusiasmus, der vor drei Jahren noch da war, verschwunden ist. Keiner hat mehr einen Plan, wohin man diese Musik jetzt treiben sollte. Jim: Wenn man herumfragt, was die Leute so vorhaben, hört man immer: ‘Ja, ich arbeite gerade an einigen Tracks und am Album, ja klar.’ – Na super. Wir werden ein fucking intensives Album machen, und das wird uns sehr viel bedeuten. Aber wir haben auch ein Label. Wenn man ein Label hat, dann muß man dabeibleiben und die nächste Generation unterstützen, damit dies hier eine qualitative und eigene Szene bleibt. De:Bug: Auf eurem eigenen Label, S, auf dem ihr in letzter Zeit ebenso viel veröffentlicht habt, wie auf Virgin, arbeitet ihr immer als ‘Hokusai’. Gibt es inhaltliche Divergenzen zwischen Source Direct und Hokusai, oder liegt das einfach nur am Vertrag mit Virgin? Phil: Hokusai war ein Projekt, das wir anfingen, weil Source Direct exklusiv an Virgin gesignt ist. Der Name gehört also ihnen, als Source Direct können wir nur für Virgin aufnehmen. Hokusai ist ein Projekt, das wir für unser eigenes Label geschaffen haben. Jim: Hokusai ist eigentlich ein japanischer Maler aus dem 18. Jahrhundert. Japanische Kultur und ihre Lebenseinstellung ist für uns sehr wichtig. Es geht für uns um mehr, als nur um den nächsten Tune. Bei der Benennung der Tracks versuchen wir beispielsweise, dem Track eine Geschichte zu geben, einen Plot, der durch den Namen verstanden werden kann. Zwischen beiden gibt es eine Art Link. Einer unserer Tracks heißt “The Crane”. Der Kranich ist ein sehr positives Symbol in der japanischen Kultur. “The Crane” bezeichnet aber auch eine bestimmte Kampftechnik. Der Weg, den der Track nimmt, zeichnet genau das nach. Ein Track sollte für uns etwas bestimmtes bedeuten, es sollte in Relation zu etwas anderem stehen. De:Bug: Woher kommt euer Interesse an japanischer Kultur? Jim: Wir haben in Japan getourt. Währenddessen haben wir sehr viel vom historischen, aber auch vom modernen Japan gesehen. Die Art zu Denken und zu Verstehen ist erstaunlich, bewundernswert. Das eigene Leben steht dort im Hintergrund, für alle geht es zuerst um ihre Arbeit. Alle sind sehr darauf fokussiert, was sie tun. Eben das ist etwas, was man von Japan lernen kann. Japan ist außerdem extrem weit seiner Zeit voraus, besonders was die moderne Technologie betrifft. Gleichzeitig respektieren sie die überlieferte Art zu Denken, all das, was vor ihnen geschehen ist. Sie nahmen die Dinge sehr ernst, das fasziniert uns. Beispielsweise war es Sitte, daß sich jemand die Finger abschnitt, wenn er einen Fehler gemacht hat. So sehr hat man sich mit Sachen, die man getan hat, verbunden gefühlt. Wir respektieren das sehr. Es gibt ein Buch, das auf religiöse Weise von der Kunst des Krieges handelt. Dieses Buch läßt sich erstaunlich eng mit unserer Zeit in Verbindung bringen. Wenn man es liest und auf sein eigenes Leben bezieht, ist es wirklich ein verdammt guter Ratgeber. Phil: Man glaubte damals sehr fokussiert an bestimmte Sachen, und wir finden das, was Hardcore mal gewesen ist, in dieser Herangehensweise wieder. Heutzutage werden zu viele Leute blind gegenüber dem, was sie tun, und wenn sie blind werden, verändern sie sich. Tief in uns versuchen wir also, sehr ernsthaft mit unserer Arbeit umzugehen. Natürlich wollen wir auch Spaß haben, wir wollen daß andere Spaß haben, aber wir versuchen schon das, was wir tun, sehr ernst zu nehmen. De:Bug: An was arbeitet ihr gerade? Ich vermute an eurem Album, oder? Jim: Ja, genau daran sitzen wir im Moment. Aber wir werden niemanden etwas hören lassen, bis wir uns nicht wirklich unserer Sache sicher sind. Wir können aber garantieren, daß Source Direct hart daran arbeitet. De:Bug: Man hat eine Reihe eurer letzten Tracks nicht so oft in den Clubs gehört, sie sind sehr schwer mit anderen Platten zu spielen. Jim: Viele der heutigen Platten sind vom musikalischen Spielraum her sehr beschränkt. Es kommen nicht mehr viele Platten in unserem Stil heraus. Vielleicht gibt es insgesamt 50 Platten, die unserem Stil ähnlich sind. Wenn es mehr Produzenten gäbe, die auch in diese Richtung arbeiten würden, dann hätten die DJs eine größere Auswahl an dieser Art von Platten. Photek, Peshay, Goldie – man muß sich wirklich nochmal die frühen Goldie-Sachen anhören. Es gibt nichts vergleichbares- Insgesamt ist es eine kleinere Anzahl an Leuten, die in unserem Sinne “gute” Tracks machen. Ich meine, wir könnten uns natürlich auch alle hinsetzen und jede Nacht zehn Two Step Tunes machen. Das ist wirklich nicht so schwer… Aber was mir außerdem noch komisch vorkommt: Goldie ist beispielsweise die kommerzielle Drum and Bass-Figur. Für Leute, die sich noch nicht so lange für Drum and Bass interessieren, ist er sogar quasi Drum and Bass. Aber wenn man in einen Club geht, hört man nichts von Goldie. Was hört man also? Phil: Man hört die Monotonie. De: Bug: Glaubt ihr im Moment gibt es keine Aufmerksamkeit mehr für die Skills von Drum and Bass? Jim: Es passiert das gleiche wie bei House. Two Step ist, wie Drum and Bass, House Musik. Jeder House-Track hat seinen Puls und jeder Drum and Bass-Track hat sein Bumm Chack. Nein, Danke. Nein. Drum and Bass sollte mehr besitzen, es sollte mehr können. Drum and Bass geht darum, loszulassen, es geht um Veränderungen im Sound, im Rhythmus, in den Basslines, es geht um die Veränderungen in der Sicht des DJs. Das hier soll überhaupt kein persönliches Dissing sein, aber wir werden uns nicht hinsetzten und Bumm Chack machen.

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Elektronische Lebensaspekte.