Text: Verena Dauerer, Mercedes Bunz aus De:Bug 77

Clip

The White Stripes: The hardest button to button, Regie: Michel Gondry (2003)

Michel Gondry, der manchmal auch Kinofilme (“Human Nature”) ausprobiert, spielt seine Ideen ohne visuelles Schick-Sein durch. Ästhetischen Feinschliff mag er nicht und setzt statt perfekter Werbe-Glattheit auf Körperaction mit Perfomance. Aussagekräftig ist sein Clip für Daft Punks “Around the world”, wo sich, zusammen gezogen gesagt, Menschen mit Tüten auf dem Kopf oder Mumien auf einem kuchenartigen Rundpodest mit verschiedenen Ebenen im Kreis fortbewegen. Bei Gondrys dritter Arbeit für die Whites Stripes hat er keinen Bock auf übliche Typen mit Gitarre am Mikro und setzt als Ausgangspunkt auf die Schnelligkeit vom durchrockenden Stück. Mit Stoptrick packt er die Gerätschaften der Musiker in Serie: Verstärker und Schlagzeug. Die werden entweder immer eins mehr im Takt, dass bei jedem Trommelschlag ein Schlagzeug dazu schwubst. Genauso passiert das dem Verstärker. Oder sie vervielfältigen sich, bilden Formationen und schlagen aus wie ein Laustärkepegel zur Gitarre. Das ganze wird schön aus dem Kontext geschnitten und malerisch in Grünanlagen, Gehwege und U-Bahnstationen in Harlem positioniert. Der Clip ist nicht nur beim Stoptrick alte Schule: Gondry hat in der Post die Musiktools eben nicht digitalkopiert und reingesetzt, sondern original je 32 Schlagzeuge und Verstärker zusammengetrieben und hintereinander nacheinander aufgestellt. Das war auf dem Set bestimmt extrem lustig für die Träger, die dauernd das Equipment hin- und wieder wegschleppen mussten.[VERENA]

OutKast: Hey Ya! Regie: Bryan Barber (2003)

Zu Besuch in London beim Fernsehen und das Haus rockt, ist ja klar. Man sieht eine vierköpfige Band mit Background-Chor und vor allem weibliche Fans, die ihren kreischenden Spaß haben. Seinen gescheitelten Pilzkopf im Takt shakend ist der schick twistende Sänger the Leader of the Pack, in traditionellster 60ies-Bandweise sozusagen, in der man noch zeigen musste, dass auch Bands ihre (hierarchische) Ordnung haben. Eine Kleinfamilie rockt vor dem Fernseher, der Vater wippt im Sessel, die jüngste Tochter, sagen wir mal so fünf, schlängelt sich bereits anmutig im Takt wie eine sexy junge Frau. Schnitt zurück zur Band und hopp springt ein entbranntes Chick auf die Bühne der Fernsehshow. Quer durch dieses ganze Setting im ästhetisch kalten Grün läuft nun eine Reihe von Verschiebungen. Alle Rockbandmitglieder – der Sänger, verschmitzt-schüchterne Keyboarder, der ganz dem Rock hingegebene Gitarrist, sowie der Schlagzeuger mit englischer Krone auf dem Kopf und die 3 Backgroundsänger in Reitstiefel und mit Reitkappe – haben das Gesicht von OutKast Andre 3000. Wenn Elvis also auszog und den Schwarzen sozusagen den Blues klaute, ist das hier die schwarze Antwort: Hiphop-Boy eignet sich das weiße Modell an und setzt unterstützt von tricktechnischen Verfahren dem derzeitigen Hype der weißen The-Jungsbands als Band “The Love Below” (Albumtitel!) ihr englisches Original entgegen. Gleichzeitig und einen Tick weiter wiederholt Andre 3000 damit nochmal die Geste der schwarzen Discoband “Chic”. Auf einem ihrer Cover klauten die Anfang der 80er die Geste der Weißen, sich als schwarze Mohren zu verkleiden, kehrten die um und posierten als altenglische Bostoner Weiße. Eine Aneignung der Aneignung also, das zeigt nicht zuletzt das Publikum in “Hey Ya!”, bei dem die Weißen zur unwichtigen Minderheit geworden sind. Dass das Mediale dabei im Video stark gekennzeichnet wird – die Fernsehshow landet als Cutcopypaste-Verfahren im Fernseher der Kleinfamilie oder auf den Polaroid Fotos der Fans – kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich spielt das Medium im Grunde die Rolle der Band, denn Andre 3000 hat seinen Teil des neuen Doppelsoloalbums von OutKast nicht nur produziert, sondern auch fast alles selber eingespielt. Und der Track kickt ebenso, wie diesen Verschiebungen zu folgen. Was man mit Hiphop alles cooles kluges anstellen kann, haut einen manchmal um. Shake it! [Mercedes]

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Elektronische Lebensaspekte.