Eine Revolution reich: Radio als Filesharing
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 115

Auf Basis eines ausführlichen Interviews mit den Machern von Last.fm stellt Sascha Kösch fest, dass hier mehr aus dem Radio rausgeholt wird, als der Einzelne in seinem Leben ausschöpfen könnte – auch wenn wir alle 100 werden.

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Kaum etwas hat sich in den letzten zehn Jahren so sehr verändert wie die Musiklandschaft im Netz. Zwar ließen sich 1997 schon viele der Dinge erahnen, die jetzt längst mit all ihren rechtlichen Hürden Realität geworden sind, aber manche Dinge überraschen einen im Rückblick doch.

Träumte man zwar damals schon von dem digitalen Musikvertrieb und vielleicht auch, wenn man etwas futuristisch veranlagt war, davon, dass das Vinyl verschwinden könnte zugunsten digitaler Auflegmöglichkeiten, und war einem damals schon klar, dass das Internet zum Radio der Zukunft werden würde, auch Kompressionsarten wie MP3 existierten damals schon, auch wenn erst 1997 mit Winamp wirklich ein verbreiteter Player zur großen Popularität führte, doch dachte man gerne im neuen Medium an das alte. Alles wird anders, aber vor allem eben digital. Radio würde Internetradio werden, der Plattenladen im Netz sein. Aber dann kam Filesharing und veränderte die Welt für immer. Während in den Anfangsjahren im Netz der Gedanke daran, dass jeder ein Server sein kann, noch weit verbreitet war, war das 97 fast schon vergessen, und Filesharing erinnerte einen daran, dass ein Netzwerk nicht nur eine Richtung hat.

Wie werden wir wie Filesharing?

Mit Filesharing (und vor allem Napster kurz vor der Jahrtausendwende) veränderten sich nicht nur die Hörgewohnheiten, sondern es kam auch die Idee auf, Musik als eine vielschichtigere Vernetzung zu sehen, die alle Eckpfeiler aus Produzenten, Distribution, Medien und Hörer verändern sollte. Durchs Filesharing wurden die Hörer zur Distribution, und so entwickelte sich schnell ein Verständnis und eine Verfügbarkeit von Musikgeschichte, die bis dahin völlig undenkbar war, außer in den Kammern diverser Sammler und Spezialisten.

Musik hören, Sammeln und Verteilen war – bei aller Ähnlichkeit zur früheren Piraterie – plötzlich zum Spiel geworden, an dem jeder teilnehmen konnte. Das im Jahrzehnt davor oft beschworene Geheimwissen war nur noch eine Frage des richtigen Suchbegriffs, und die Jahrzehnte wirbelten so wild durcheinander wie noch nie. Fast schien Internetradio schon zu einer altmodischen Vorstellung zu werden, denn wenn man alles finden kann, was man will, braucht man sich nicht mehr auf ein lineares Programmkorsett zu verlassen. Die Frage, die sich Internetradio zur Jahrtausendwende stellen musste, war: Wie werden wir wie Filesharing?

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Als kurz danach das von Richard Jones an der Universität von Southhampton entwickelte Audioscrobbler die Bühne betrat, verschoben sich die Parameter von Musik im Netz noch einmal, wenn auch – bislang – nicht mit einem so massiven Nachhall. Klar, man konnte alles hören, aber warum sollte die Kommunikation über Musik nach wie vor so laufen wie zuvor, durch das Darüberreden auf Webseiten, in Mails, in Chats? Der Grundgedanke war so einfach wie genial. Rechner merken sich eh alles, und da via Filesharing der Rechner zur heimischen Musikzentrale geworden war, warum nicht der Welt automatisch vom Rechner sagen, was man alles hört, ohne dass man mehr dafür tun muss, als ein Plugin in den eigenen MP3-Player zu installieren und damit herausfinden, was andere mit ähnlichem Musikgeschmack sonst noch so hören.

Und seitdem strömen Metadaten von Millionen Musikhörern bis aufs letzte MP3-File genau durchs Netz. Felix Miller, Martin Stikse, Michael Breidenbrücker und Thomas Willomitzer erkannten das Potential von Audioscrobbler sofort und verbanden ihre Vorstellung der überfälligen Revolution des Internetradios, die sie – sehr passend – Last.fm nannten, sofort mit Audioscrobbler und gründeten 2002 ihre Firma, die sich langsam den Ruf erspielt hat, vielleicht wirklich zum letzten Radio werden zu können, das man braucht. Einen Endpunkt markiert sie auf jeden Fall, auch wenn mit Last.fm das Radio als solches kaum noch wiederzuerkennen ist.

Von Audioscrobbler zu Last.fm

Ließen sich über Audioscrobbler Daten, vor allem Hörgewohnheiten, ermitteln, die Marktanalytiker zum neidvollen Sabbern brachten, Kids ihre Charts austauschen ließen und Hörer zu kollaborativen Filtern machten, die leider viel akustische Vorstellungskraft erforderte, pfropfte Last.fm dieser Konstruktion wieder Musik auf, und von nun an konnte man nicht nur wissen, wer wann was hört, sondern dass eben auch direkt wieder hören. Aber nicht nur der MP3-Sammlung anderer hinterherlauschen war die Idee von Last.fm, sondern das Potential kollaborativer Filter bis ins Letzte auszuspielen. Und wenn die Welt mehr Sinn machen würde, dann wäre Last.fm das herausragende Vorzeige-Web-2.0-Projekt geworden, nicht Myspace, und das nicht nur, weil sie früher da waren, sondern weil ihr Potential, die Musikwelt zu verändern, so viel größer ist.

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Wenn man sich heute als Neuling zum ersten Mal auf die Last.fm-Seite verirrt, ist man fast schon überfordert mit den endlosen Streams. Jeder User, jede Band, jede Sammlung von Bands oder Acts, jedes Genre, jede Sammlung von Freunden, jeder Tag ist eine eigene Radiostation. Wann immer man auf eine Gruppe von Geschmack trifft, die den eigenen Geschmack trifft, findet man einen Stream dazu. Das ist kein Spartenradio mehr, kein Gedudel von irgendwie ermittelten Pseudoähnlichkeiten, sondern eine Atomisierung der Playlists und Geschmacksnuancen bis ins letzte Detail.

Nur auf der Oberfläche ist Last.fm noch viele Millionen lineare Radiosender, denn dahinter verbirgt sich das Radio als Abbildung des Hörens von Musik, nicht das Radio als Vermittler von Geschmack oder Wirtschaftsinteressen. Aus dem ehemals klassischen Medium mit Sendern, Kanälen und Empfängern ist auf einmal ein Kurzschluss geworden, in dem jedes Empfangen ein Senden ist, jeder Kanal eine Vernetzung. Letztendlich ist es gar nicht so schlimm, wenn Musik eine große Datenbank geworden ist, Hauptsache sie wird so intelligent programmiert wie bei Last.fm.

Von Last.fm zu CBS

Klar bekam Last.fm mit der Welle von Web 2.0 einen weiteren Boost, und eigentlich war es fast verblüffend, wie lange es gedauert hat, bis auch sie in die Spekulationswelle der Investitionen gerieten. Anfang dieses Jahres war der Deal dann perfekt und das hierzulande vor allem als US-Fernsehsender bekannte CBS kaufte Last.fm für überraschend billige 140 Millionen. Doch hinter CBS steckt nicht nur das drittgrößte US-Radiokonglomerat, das aus den Daten von Last.fm irgendwann vielleicht den Sprung zu einer Revolution auch des klassischen Radios schafft, sondern auch Sumner Redstone und damit auch der ehemalige Firmen-Partner Viacom und damit der Hauptanteil des weltweiten Musikfernsehens. Und genau hier liegt auch der nächste Fokus von Last.fm. Die Verschmelzung von Musik und Video. Doch eine Revolution wie beim ersten Mal wird ihnen hier wohl kaum gelingen. Braucht aber auch niemand, denn schon jetzt kann Last.fm mehr, als man in seinem Leben ausschöpfen könnte.
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Elektronische Lebensaspekte.