Der Wiener Christopher Just, bereits seit Dekaden unter zahlreichen Pseudonymen als Produzent und DJ unterwegs, hat für uns aktuelle Arbeiten der werten Kollegenschaft abgehört und knallhart kommentiert.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 103


Gui Boratto – AM14 (Superstition network)
Ich habe das Gefühl, diese Platte gibt es schon 500 Mal. Immer die gleichen Chords, das ist so was von gegessen. Track zwei ist besser, weil der federt nett dahin, die Chords sind auch eher unten gelassen. Die Strukturen kennt man aber insgesamt schon alle. Der Typ produziert auf etwas hin, was schon durch ist, allgemein bekannt klingt: Die Sounds, die zueinander gehören, sind da, genau die richtige HiHat zum richtigen Keyboard und so weiter, das ist Klischee. Regt mich gar nicht auf.

Gwen Maze – I hate nothing (Dialect 007)
Die finde ich interessant, weil da wird eine schöne Atmosphäre erzeugt. Das ist so ein bissl Story-mäßig. Was mich stört, was ich weggelassen hätte, ist die Stimme, die im Hintergrund Sachen murmelt. Diese Art von runtergepitchten Stimmen – tausend Mal gehört und momentan auch gar nicht aktuell. Schade, weil die Atmosphäre ist sehr nett. Dazu habe ich irrsinnig viele Assoziationen, extrem 80s beeinflusst, ich höre ein bissl Yellow, ein bissl Art of Noise, dazu sehr unübliche Sounds.
(Wir offenbaren, dass er Gwen Maze hört, der einmal hauptberuflich Blues- und Jazz-Sänger war.)
Es wäre besser, wenn er das Singen sein lassen würde und nur noch produzieren würde …

Basbin Twins – The dogs/Gun down (Marine Parade)
Ah! Der Mylo-Bass! Irgendwie mag ich´s, weil es echt trashy ist. Und das Hunde-Sample erinnert mich an mein erstes Sample: Da habe ich ein Keyboard von meinem Bruder aus New York bekommen, das konnte vier Sekunden speichern und da war ein Sample drin, das ist fast der gleiche Hunde-Sound. Und der Bass ist halt der vom Freeform-Five-Mylo-Remix (Muscle Car). Der ist so markant für diese Nummer, dass es einfach ein böser Rip-Off ist – wobei ich auch ein Freund von Rip-Offs bin. Aber zwischen diesen Parts ist nicht viel da. Was mir gut gefällt, ist der Mut zu absolut abgeschmackten Klischee-Sounds, wie die Trillerpfeife oder dem Hundebellen, das finde ich lustig, der Typ hat zumindest Humor, aber die Platte ist schon ein extremes Remake.

Henry Saiz – You, the living (logicalnoise)
Da weiß man überhaupt nicht, wo der hin will. Ich fand das aber sehr nett, wie er seine ganzen Rides, die er am Keyboard hat, eine nach der anderen vorgeführt hat. Dann wird´s Glocken-mäßig und erinnert an Underworld, ist dafür aber doch zu cheesy. Dann kommt ein Tech-House-Progressive-Part und anschließend ein Hoppe-Hoppe-Reiter-Teil. Jetzt kommen auch noch ganz eklige Keyboards. Der ufert unglaublich aus, ich bin vor den Kopf gestoßen. Da passiert zu viel komisches Zeugs. Bei beiden Tracks denkt man am Anfang, dass das richtig gut losgehen kann in der Disko, aber dann ufert es aus und eigentlich werden dauernd neue Tracks angerissen, das ist verwirrend. Der Mann hat wahnsinnig viel zu sagen, nur will er das alles in einem Track machen und das ist natürlich unerträglich. Total hysterisch und liebenswert, aber eigentlich ein Drama. Vielleicht muss man das eher als Hörspielplatte beurteilen, für zu Hause. Da kann man versuchen, dessen Reise nachzuvollziehen. So rum eigentlich viel interessanter als hunderttausend mal gehörte Minimal-Platten.

Cosmo Vitelli (Cliche 09)
Die ist am Anfang interessant, weil funky. Aber dann beginnen die Oktaven-Transpose-Dinger und da wird´s mir zu kitschig. Dann kommen noch Orgeln dazu, das spaced mir zu sehr weg. Weiß gar nicht, in welchem Kontext ich das auflegen könnte. Die zweite Seite ist aber schon besser, so Burundi-Black-Beat-mäßig, diese schweren Percusssion-Rolls. Als Anhör-Track ganz interessant. Aber auflegen?

Newcleus – Destination Earth (Deeplay Soultec)
Gefällt mir nicht, kann ich nichts mit anfangen. Der Song ist von der Melodie nicht besonders aufregend und die Sounds dazwischen sind auch nicht aufregend. Auf den diversen Mixes wird versucht alles abzudecken, um am House-, am Techno- oder am Electro-Floor stattfinden zu können, aber das ist auf keinem der drei Ebenen bewegend. Unnötige Platte.

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Elektronische Lebensaspekte.