Das war dann nur noch weeeeee wuuuu shzzzze...
Text: Jan Joswig, Anton Waldt aus De:Bug 129


Phillip Sollmann ist ein Wanderer zwischen den Welten – von Kunst bis Techno. Als DJ und Produzent auf Dial hat er gerade ein Jahr kopfüber im Rhythmus der Bassdrum glücklich hinter sich gebracht. Nach der Veröffentlichung seiner feinfühligen Mix-Abfahrt für das belgische Label Curle und vor seiner regenerativen Auszeit hat er sich mit uns hingesetzt und über verpasste Momente und späte Einsichten geredet – und über Parkplatzraven vor dem Stammheim in Kassel.

Josef Anton Riedl – Paper (Wergo)

Debug: Das ist einfach Papierzerreißen.

Efdemin: Ahh, sehr schön. Kann ich die haben? Zum Samplen.

Hörst du so was mit ästhetischem Genuss oder schätzt du daran nur die intellektuelle Konsequenz?

Wir hören ja noch nicht so lang, aber das gefällt mir bisher sehr gut. Das ist die einzige Klangquelle? Ja, finde ich gut. Diese Wergo-Cover sind so schön. Herrlich. Ist das eine Partitur oder schon Improvisation? Das ist ja auch interessant, dass damals für viele Sachen eine Partitur geschrieben wurde, die man später auch ohne machen konnte. Die Frage ist immer, ob sich das Ergebnis so unglaublich unterscheidet.

Hier regiert schon das Prinzip Zufall. Oder da gibt’s eine Partitur. Da steht dann: Jetzt knüllen, jetzt falten … Hast du selbst mal wieder eine Sound-Rauminstallation in Planung?

Ich bin eingeladen, im Frühjahr eine zu machen. Dafür nehme ich mir im Januar/Februar frei. Wieder mal in mich gehen. Das Leben als DJ zehrt schon sehr an Geist und Körper. Andererseits: Ich kann mich nicht beschweren. Ich mache viele Reisen, die ich so nicht hätte machen können.

Aber sind das nicht solche Reisen: einen Tag hin, auflegen im Hotelzimmer übernachten, zurück?

Ja schon, aber manchmal macht man es sich auch länger gemütlich und bleibt an einem Ort. Ich war gerade zwei Wochen in Südamerika. Das war schon toll.

Und in Südamerika spielst du dann Kompaktplatten von 93?

Auf keinen Fall. In Argentinien gibt es eine unheimlich interessierte und verständnisvolle Szene. Da möchte ich gerne bald wieder hin. Kompakt-Platten habe ich schon länger nicht mehr gespielt.

Dirk Leyers – Azur (Alma EP, Klang Elektronik 2008)

Die Platte habe ich, aber ich weiß nicht, was das ist. Gefällt mir SEHR gut. Ich frage mich gerade, von wann das ist. Ich glaube, das ist noch recht neu? Sehr schöner englischer Part gerade …

Dirk Leyers.

Der macht immer wieder ganz tolle Sachen. Der hat doch auch mit Matias Aguayo “Closer Musik” gemacht.

So was würde in Argentinien auch gehen?

Das würde gehen. Sogar sehr gut. Buenos Aires war schon sehr minimal. Da war es schwer, housigere Sachen zu platzieren. Aber Córdoba wiederum war eine sehr warme Angelegenheit, wo man auch deep spielen konnte. Brasilien hingegen fand ich schwieriger. Das sind Richkids, die auf den Minimal-Film abfahren.

Aha, da ist Minimal also das, was hier Handtaschendisco ist?

So kam es mir auf jeden Fall vor. Aber ich kann auch nur von den Clubs reden, in denen ich gespielt habe. Das ist ja nie repräsentativ.

Minimal ist in Brasilien also der Anti-Favela-Sound? Vielleicht weil es so schwer zu bekommen ist?

Ist es ja nicht mal mehr. Man kann überall alles bekommen. Es ist egal, wo man hinfährt, die Leute da sind meistens besser informiert als man selbst. Zumindest mehr als ich, weil ich mich ja hauptsächlich von Vinyl ernähre und das Internet nur zeitweise benutzen muss. Wenn ich irgendwelche Promolinks brauche. Aber eigentlich beziehe ich meine Sachen immer noch aus meinem stinkenden Plattenladen. In Portugal oder Italien oder so … da gibt es das kaum noch.

Also musst du bei deinen Bookings ansagen, dass du Plattenspieler brauchst?

Nee, die gibt’s da schon meistens noch, mit verbogenen Nadeln, und die Anlage ist schon so abgestimmt, dass sie mit Traktor super klingt. Und keine Absorber unter den Plattenspielern. Da gibt es immer Feedbacks bei jedem Break. Mit Vinyl zu spielen wird immer schlimmer. Ich habe in Südamerika auch mit Traktor gespielt, weil ich Angst hatte vor den Behörden, sonst hätte ich nämlich als DJ einreisen müssen.

Pascal Schäfer – Silhouettes (Day Return EP, Kalk Pets 2006)

Neu, würde ich sagen. Sehr gut produziert, sehr sauber, clean.

Käme das bei dir in die Tasche?

Kann ich noch nicht sagen. Finde ich vom Groove her gut. Kommt drauf an, wie sich das entwickelt. Ob der Filter irgendwann noch mal zugeht. Kannst du mal skippen? So in die Mitte? Nee, würde ich nicht mitnehmen.

Warum?

Da ist mir zu viel los. Wenn ich auflege, spiele ich Sachen, bei denen nicht so viel passiert, auch harmonisch nicht. Was ist das denn?

Das ist Pascal Schäfer. Kalk Pets. Die müsste jetzt schon zwei Jahre alt sein.

Sam Rivers – Crystals (Impulse 1974)

Kenne ich nicht, kaufe ich! Bei der Aufnahme des Stücks würde ich sagen Siebziger, auch wenn die Idee schon älter klingt. Wow, Wow ich bin beeindruckt. Toll! Und von wann ist die? 74. Die habe ich nicht, gesehen habe ich sie aber schon. Ich habe gerade wieder angefangen mehr Jazz zu hören, vor allem Archie Shepp.

Auch seine bluesigeren Aufnahmen aus den Siebzigern?

Die Sechziger fand ich sehr gut. Es gibt auch ein paar Blues-Sachen, die etwas abstrakter werden. Eine meiner Lieblingsplatten ist John Coltranes & Archie Shepps “New Thing at Newport”. Das Stück “Le Matin de Noire” ist ein Vibraphon-Trip mit durchgehendem Pattern.
Wir kennen Jazz ja nur als Schallplatte. Eine richtig gute Liveperformance habe ich nie gesehen. Wenn man sich das so vorstellt: in Italien in einem Strandclub rumzuhängen und dann spielt da Miles Davis. Oder du bist in New York: Das ist dann auch eine Hautfarbenfrage.

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Ich habe gerade gelesen: Orson Wells war total gut mit Billy Holliday befreundet. Rein platonisch, glaube ich. Er hat seinen ersten großen Film gedreht: Citizen Kane, und die Produktionsfirma hat ihm den Umgang mit Billy Holliday verboten, wenn er den Film fertig stellen will. Weil die Rassentrennung damals noch so krass war. Er war einer der wenigen Weißen, die regelmäßig in Harlem in die Jazzclubs gingen und auch Backstage unterwegs waren. Das ging halt gar nicht. Als Gast sich das reinzuziehen, ist eine Sache.
Aber ich selbst kenne das halt alles nur auf Platte. Und ich tauche dann immer in diese Welt ein.

Du hast Angst, dir das heutzutage live reinzuziehen, weil das deine Vorstellung von Strandbars und so zerstören könnte?

Das mit der Strandbar würde ich jetzt nicht überbewerten. Aber wie Jazz heute aussieht, das ist dann so ein Festival in Oberösterreich, wo Fusionmusik mit elektrischen Bässen und unglaublich gutem Sound vor eigenartigen Menschen läuft. Ähnlich wie Sun Ra beim ersten Deutschland-Auftritt 1970. Da schreibt der Spiegel dann: Sun Ra, ein Neger aus der Bronx. Ne, ein völlig durchgeknallter Neger. Und es folgt ein Bericht, was für einen Schrott der gespielt hat. Dazu dann ein Bild aus dem Publikum, in dem alle aussehen wie Adorno.

Ist das bei dir nicht so, wenn du Jazz live siehst, dass du alleine vor dem Handwerk und der Interaktion einen Heidenrespekt hast?

Das habe ich aber bei allen tollen Instrumentalisten. Ich habe einmal Oscar Peterson live gesehen. Das war eher erschreckend. Ein Schlaganfall-gebeutelter 90-jähriger Mann, der nur noch mit einer Hand Klavier spielt. Am Ende des Konzerts kam seine, ich schätze mal, 22-jährige Frau mit einem drei Monate alten Kind auf dem Arm und er brauchte eine Minute, um zu ihnen zu gehen.

Burger/Voigt – Ebertplatz (Roter Platz EP, Kompakt)

Dann machen wir mal einen Zeitsprung.

Fetter Sound. Das ist die richtige Geschwindigkeit? Moment mal, das hat doch Kompakt-Punkte. Das ist doch sehr schön. Und von wann ist die?

Aus diesem Jahr.

Auf Kompakt? Finde ich sehr schön. Diese Seite an Kompakt mag ich auch sehr gerne. Dieses Wolfgang-Voigt-mäßige Rezitieren.

Carl Craig/Moritz von Oswald – Recomposing (Deutsche Grammophon 2008)

Kommt da noch eine Kickdrum oder was kommt da? Das ist ja mal eine gut gemachte Ethno-Verwurstung. Von außereuropäischer Musik. Ich finde es toll. Was ist das denn?

Das ist die Karajan recomposed von Carl Craig und Moritz von Oswald.

Ach, das ist die, da habe ich sehr viel Gutes gehört. Die wollte ich mir aufheben, wenn ich mal Zeit habe, mir das in Ruhe anzuhören. Toll. Aber was soll es auch sein, bei zwei Titanen. Gibt es da auch einen spielbaren Technoteil? Die wünsche ich mir zu Weihnachten von meiner Mutter. Die hat auch so ein tolles Cover.

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Justus Köhncke/Dirk von Lowtzow – Weil du mich verstehst (Was ist Musik, Kompakt 2002)

Noch mal total deutsches Kulturgut. Das ist so was wie der deutsche Sebastian Tellier. Ein bisschen so, als würde man die beiden stilistischen Seiten von Dial zusammenpacken.

Interessant, das jemand das von außen so sieht.

Der Versuch, Schlager mit Zartheit zu verbinden, das interessiert dich nicht?

Nein, da kann ich nichts mit anfangen, mit Schlager hatte ich noch nie was am Hut. Aber das ist doch schöne Barmusik. Also ich habe nichts dagegen, aber ich würde das nie kaufen.

M-D-Emm – Don’t Stop We’re So Hot (Fanning The Flames EP, Republic Records 1988)

Da kommt es ein bisschen auf die Entstehungszeit an. Wenn das heute jemand macht, dann frage ich mich, warum.

Was hälst du generell von retro?

Kommt wieder drauf an. Das kann man so pauschal nicht sagen. Wenn Lawrence ein paar seiner alten Platten mitbringt, bin ich auch entzückt. Es gibt so viele Sachen, die supertoll sind und von denen ich noch nie gehört habe. Das ist ja auch eine der interessanten Sachen der Musik, dass man nicht nur nach vorne gerichtet suchen muss, sondern auch in die Vergangenheit gucken kann und immer wieder Schätze findet, die top-aktuell sind. Das hier trifft jetzt aber nicht so ganz meinen Geschmack. Wahnsinnig englisch.

Auf jeden Fall!

In England hast du halt eine Gruppe an Leuten, die haben keine Zeit, weil der Laden um drei zumacht. Die haben sich auf einen Schlag besoffen und müssen auch direkt explodieren. Da bin ich dann oft der falsche DJ. England kann schon gemein sein aus DJ-Perspektive.

Ach so. Ich dachte jetzt vom Studio her. Die haben nur eine Stunde Zeit im Studio und da kommt dann so was bei raus. Fällt dir denn eine Retro-Platte ein, die dir gefällt?

Mir fällt der Name nicht ein … Ich lege auch mit Vinyl auf, weil ich so ein schlechtes Namensgedächtnis habe. Ich merke mir einfach: OK, das ist die blaue Platte oder die rote. Bei Whitelabels wird es schon problematisch. Da mache ich mir dann riesige Bemalungen drauf.

Das sind meine Lieblingsplatten auf dem Flohmarkt: die mit Kommentaren und Kreuzen.

3M – Accu.H (Antibacterial EP, Vortex Records 1993)

Auch wenn ich die Musik nicht so mag, mag ich die Idee dahinter. Da finde ich schon ziemlich viele Elemente gut.

Die 909-Drum. Irgendwie eine Pappdrum.

Die würde ich nicht unterschätzen, im Club geht die gut auf die Brust.

Klingt aber nach Mülleimer.

Als ich noch kleiner war, gab es in Kassel das Stammheim. Davor hatte ich immer Angst. Vor diesem lauten, dunklen Blitzlichtloch.

Da warst du dann früher?

Ganz selten. Ich war ja eher von Rock und Punkkram begeistert. Und für mich war das ziemlich absurd. Aber das war schon der coolste Spot. Auf dem Parkplatz vor dem Stammheim. Das war einfach das Spannendste. 500 Autos. Alle irgendwie am Feiern im Auto vor dem Club. Und dann Großeinsatz der Polizei und aus den Fenstern flogen nur so die Tütchen und Pillen.

Du bist da als Punkkid hin?

Ich war kein Punkkid. Ich hatte nur mit Techno nichts am Hut. Ich hatte aber eine gewisse Faszination dafür. Ich bin da schon ab und an reingegangen.

Gab es denn ein Erlebnis, bei dem du gemerkt hast, wow, das ist ja doch nicht so dunkel und beängstigend?

Auf jeden Fall. Das fing an in Hamburg mit den Studio1-Sachen und Rhythm and Sound. Das hatte ja nicht nur einen Rave-Effekt, sondern auch eine musikalisch hochinteressante Seite. Und dann habe ich in der Roten Flora die ersten Male Richie Hawtin gehört, das war sehr beeindruckend. Ich habe die Faszination von diesem dunklen Blitzlichtloch und Drogen und allem etwas verspätet verstanden. Und jetzt stehe ich da selber.

Ich war gerade in Bologna in so einem supertollen Raveschuppen. Die Leute waren im Durchschnitt 20 und die wollten richtig auf die Fresse. Ich habe mir Mühe gegeben, hart und upliftende Riffs zu spielen. Nach mir kam der Resident und der hat es denen besorgt. Das war für mich so ein Spaß, das war dann nur noch weeeeee wuuuu shzzzze. Die Leute haben nur noch geschrieen. Zu sehen, dass da 20-jährige Leute immer noch auf die gleiche Musik wie vor einem Jahrzehnt stehen, finde ich toll.

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Elektronische Lebensaspekte.