Ich fühle mich dem Dance-Underground nicht verbunden aus De:Bug 111


Wenn Pharrell Williams vom HipHop kommend die Popmusik rettet, dann die Junior Boys von Techno kommend. Ihr Synth-Pop spielt das ganze Verführungsregister durch, zäumt es aber musikalisch hintenrum auf. In unserem Blinddate entlockt ihnen Cynthia ungeahnte Bekenntnisse.

The Assembly – Never Never (Mute)

Debug: Ihr werdet ja immer als die Avantgarde des neuen Synth-Pops bezeichnet, deswegen haben wir …

Jeremy: Das ist doch ”Never Never“ von The Assembly, oder?

Debug: Äh, ja. (lacht) Dann können wir ja vielleicht auch direkt zur B-Seite übergehen.

Jeremy: Wie heißt die noch … (denkt nach) ”Don’t stop irgendwas“ …

Debug: ”Stop/Start”.

Jeremy: Genau. Klar, das kennen wir. Vince Clarke ist ein Genie (lacht). Aber weißt du was, wir hören viel weniger solche Sachen, als die meisten Leute immer denken. Wir sind auch nicht von Depeche Mode oder den anderen Sachen aus der Richtung, mit denen wir immer mal wieder verglichen werden, besessen.

Matthew: Es bleibt natürlich als Einfluss im Hinterkopf haften.

Debug: Welche Stichwortgeber waren denn dann wichtiger für euch, um euren Sound zu entwickeln?

Jeremy: Du meinst aus der Zeit? Da würde ich sagen Japan, Ultravox und John Foxx …

Matthew: OMD.

Jeremy: Genau, die ersten OMD-Alben. Simple Minds.

Debug: Also eher die vollmundigen Electro-Pop-Sachen.

Matthew: Eher klassisches Songwriting im Gegensatz zu dem sleazy Electro-Disco-Kram von zum Beispiel Yazoo und Soft Cell. Im Endeffekt liebe ich aber die ganze Bandbreite.

Debug: Gutes Songwriting begeistert euch also mehr als gutes Sounddesign?

Jeremy: Ja. Naja, wir mögen beides. Die Antwort liegt irgendwo in der Mitte.

Matthew: Ich finde nicht, dass Depeche-Mode-Songs besser produziert klingen als zum Beispiel OMD. Es ist einfach eine andere Ästhetik. Letztendlich sind das alles Derivate von Kraftwerk.

Jeremy: Kraftwerk sind eine großartige Band. Vor allem, weil sie großartige Songwriter sind. Nicht nur wegen allem, was sie auf der ästhetischen Ebene geleistet haben. Ihr gutes Songwriting ist es, das die Menschen nach all den Jahren immer noch in ihren Bann zieht. Letztendlich ist die perfekte Kombination für uns, wenn du als guter Songwriter auch Interesse an dem Produktionsprozess hast. Ich denke, zu einem guten Songwriter gehört es, dass man von neuer Technologie, von neuen Instrumenten und Ideen begeistert ist.

Debug: Das heißt, ihr komponiert eure Stücke nicht mit der Akustik-Gitarre?

Jeremy: Doch, manchmal schon.

Matthew: Nein, nicht mit der Akustik-Gitarre.

Jeremy: Okay, nicht so oft. Aber am Piano entstehen manchmal Stücke. Das kommt vor. Und dann übertragen wir das Ganze auf den Computer und arbeiten da weiter. Wir haben halt diesen Dancemusic-Background, wo man sich Loops bastelt und daraus Songs zusammensetzt und arrangiert. Das ist ein etwas anderer Songwriting-Ansatz.

Brazilian Girls – Last Call (Carl Craig Remix) (Verve)

Debug: Das heißt, Richie Hawtin war ein wichtiger Einfluss für euch?

Jeremy: Ja. Vor allem aber auch, weil wir aus dieser kleinen Stadt in
Ontario kommen, Hamilton, und er aus Windsor in Ontario kommt.

Matthew: Was nur zwei Stunden entfernt ist.

Jeremy: Genau. Als wir Techno entdeckten, war Richie Hawtin schon diese legendäre Figur aus Windsor.

Matthew: Mitte der Neunziger gab es in Windsor eine Menge Leute mit Plastikman-Tattoos. Er legte auch oft in Hamilton auf, weil einige seiner Künstler auf Plus 8 aus Hamilton waren.

Jeremy: Unser Drummer, mit dem wir unterwegs sind, war zum Beispiel auch auf dem Plus-8-Sublabel Probe Records. Er hat dort eine EP unter dem Namen Teste gemacht. ”The Wipe“.

Matthew: Auch die ganzen DJs aus Detroit waren oft in Hamilton. Aus irgendeinem Grund hatte Hamilton im Gegensatz zu Toronto die besser funktionierende Techno-Szene. Keine Ahnung warum.

Jeremy: (bemerkt die Platte, die im Hintergrund schon eine Weile läuft) Das hört sich jetzt aber nicht nach Richie Hawtin an.

Matthew: Ich kenne aber die Stimme. Was war das noch … (grübelt)?

Jeremy: Das könnte alles sein. Ich habe überhaupt keine Ahnung, von wem diese Platte sein könnte.

Matthew: Ist das nicht die Sängerin von Brazilian Girls?

Debug: Stimmt. Im Carl-Craig-Remix.

Jeremy: Echt? Hört sich irgendwie gar nicht nach Carl Craig an. Er hat gerade auch einen Remix für uns von ”Like A Child“ gemacht. Es ist wirklich großartig, dass das geklappt hat.

Matthew: Er hat genau das, was auch Larry Heard immer ausgemacht hat: diese seltsame Jazz-Note, die dem Ganzen einen besonderen Vibe gibt.

Jeremy: Carl Craig ist eine Legende.

Matthew: Der Remix gefällt mir.

Jeremy: Ich mag das Tempo.

Debug: Ehrlich gesagt, habe ich das Stück etwas runtergepitcht. Das müsste gerade so auf -2 laufen.

Jeremy: Gut, lass es so.

Matthew: Wir haben auf unserem letzten Album eine Menge langsame Stücke gehabt. Unter 120 Bpm ist ein seltsames, aber extrem spannendes Tempo. Es groovt einfach cool. Es gibt nicht so viele Leute, die noch Dancemusic in dieser Geschwindigkeit machen.

Jeremy: By the way, ich wäre nie darauf gekommen, dass das von Carl Craig ist. Ich hätte auf etwas Deutsches getippt.
Matthew: Die Bassline hört sich schon nach Carl Craig an.

Debug: Kode 9 hat auch einen Remix für euch gemacht, oder?

Jeremy: Ja. Kode 9 ist übrigens indirekt mitverantwortlich, dass wir entdeckt wurden. Wir wurden gesignt, weil unser damaliges Label Songs von uns auf seiner Webseite Hyperdub gehört hatte. Die Webseite gibt es glaube ich gar nicht mehr. Dafür heißt sein Label ja jetzt Hyperdub. Er ist ein alter Freund von mir. Wir haben eine Weile zusammen gewohnt. Als Teenager habe ich eine Zeit in England gelebt. Er hat die ersten Junior-Boys-Songs, die ich ihm damals geschickt hatte, auf seine Seite gestellt und dazu ein kleines Feature geschrieben. Daraufhin hat sich KIN Records, wo wir dann später unsere ersten Platten gemacht haben, bei uns gemeldet. So fing alles an.

Cynthia – Highway (Polydor)

Jeremy: Die Sängerin hat Englisch definitiv als zweite Sprache gelernt. Was sie singt, macht überhaupt keinen Sinn. Außer natürlich, es wäre Kate Bush. (lacht) Aus welchem Land kommt das?

Debug: Italien.

Jeremy: Dachte ich mir.

Debug: Ich stehe ja darauf, dass in diesem Song fast nichts drin ist.

Jeremy: Wer hat das produziert? Das habe ich noch nie gehört.

Debug: Ich weiß es gar nicht. Auf jeden Fall nicht Tony Carrasco.

Matthew: Ich mag den Song. Er hat diesen italienischen Eisdielen-Vibe.

Debug: Ich finde, so was ist nur einen Schritt von zum Beispiel “Japan“ entfernt. Die Atmosphäre ist sehr ähnlich.

Matthew: Stimmt. Aber das ist ja auch das Lustige an den Achtzigern. Pop. Wenn mich jemand fragt, was für Musik wir machen, sage ich auch immer Pop. Das ist die beste Beschreibung. Ich fühle mich dem Dance Underground nicht verbunden und definitiv habe ich keinen Bezug zu der Indie-Rock-Szene. Uns wird immer mal wieder nachgesagt, dass wir eine Achtziger-Retro-Band sind, und mich machen solche Kommentare fuchsig. Nur weil wir Synthesizer benutzen, um Pop zu machen, sind wir noch lange keine Retro-Band. Was uns natürlich mit den Bands aus der Zeit verbindet, ist die technische Herangehensweise an Pop-Musik. Nachdem ich das losgeworden bin, kann ich jetzt ja auch zugeben, wir sind natürlich eine Achtziger-Retro-Band. (lacht) Aber danke, dass ihr Cynthia in mein Leben gebracht habt.
http://www.juniorboys.net

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Elektronische Lebensaspekte.