Das hatte ich früher auf Tape. Das ist soo cheesy!
Text: Sven von thülen aus De:Bug 119


Bei 115 Bpm zu kicken, das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Jochem Peteri aka Newworldaquarium ist einer von ihnen. Sein Debüt-Album “The Dead Bears”, das gerade auf seinem Label NWAQ herausgekommen ist, ist ein funkelndes Slow-Motion-Meisterwerk zwischen House, Techno und Elektronika. Wir haben ihm Platten aus den letzen 30 Jahren vorgespielt, um ihm mehr über seine eigene Arbeitsweise zu entlocken.

Jason Fine – Midwest A (12″ EP1, FXHE 2007)

Newworldaquarium: Was wird das hier, ein Quiz? Ich glaube, den Track kenne ich. (zögert) Ja, die Platte habe ich gekauft. Das ist genau die Musik, auf die ich stehe. Ein klassischer, bouncender, von einer 808 angetriebener Track. House Musik. Oldschool. Maschinen. Großartig. Genau mein Ding. Und verdammt schwer zu mixen. Ich hab’s gestern versucht, ich hab gekämpft, … und dann doch eine andere Platte genommen. (lacht)

Cluster – Sowieso (Sowieso, Sky 1976)

De:Bug: Du arbeitest immer nur mit einem Loop, den du dann modulierst …

Newworldaquarium: Ja. Mit meinen Filtern, am Mischpult. Ich mache alles live.

De:Bug: Reizt es dich nicht, einen Track zu arrangieren?

Newworldaquarium: Ich glaube, dafür bin ich zu faul. Ich nehme unterschiedliche Live-Takes auf und schneide sie dann manchmal zusammen. “The Twenty” auf der letzten EP bestand zum Beispiel aus drei oder vier verschiedenen Takes, in denen ich an dem Loop rumgeschraubt und später die besten Stücke zusammengeschnitten habe. Ich habe erst vor zwei Jahren angefangen, mit einem Rechner zu arbeiten.
Was ist das? Es klingt nach Klaus Schulze. Nein, es ist Cluster, sehr schön. Ich hätte auch mal Lust, in einem großen Studio aufzunehmen. Alles live. Mit viel Equipment. Aber es ist schwer, im Techno-Kontext dieses Level zu erreichen. Man läuft immer Gefahr, doch ein Wochenend-Produzent zu bleiben, weil es kaum möglich ist, davon zu leben. Die experimentellen, elektronischen Bands aus den frühen 70ern und 80ern haben das mehr gelebt als wir heutzutage. Da ging das noch. Heute muss man DJ sein und Gigs spielen, um Geld mit der Musik zu verdienen. Das Stück, das gerade läuft, ist großartig. Diese Krautrock-Sachen habe ich alle durch Soulseek und Filesharing entdeckt. Das ist die eine gute Sache, die dabei herausgekommen ist: das man mehr Musik hört und entdeckt. Ich habe da so viel entdeckt: Staalplaat, Sprung aus den Wolken, Laurie Anderson, alle diese seltsamen Projekte, an denen Brian Eno beteiligt war, und eben Cluster. Das sind Sachen, die man nicht so einfach in einem Plattenladen gehört oder gefunden hat.

Sun Ra – Mayan Temples (Of Mythic Worlds, Philly Jazz 1980)

Newworldaquarium: Dafür muss ich wirklich in Stimmung sein. Sonst komm ich da gar nicht rein. Ich hatte zwar eine Jazz-Phase, vor allem Free-Jazz. Ich habe aber nur an der Oberfläche gekratzt. Das ist eine andere Welt, für die ich wohl nicht genug Geduld hatte. Ich mag es, aber es ist nicht mein Background.

De:Bug: Das ist eine Live-Platte von Sun Ra.

Newworldaquarium: Ich habe eine Platte von ihm: “Lanquidity”. Wahnsinnig tolle, deepe Tracks sind da drauf. Ich neige dazu, mir die Soul-Tracks aus den Jazz-Alben zu suchen. Oder die Ambient-Sachen. Ich suche auf Jazz-Platten also immer nach dem, was nicht wirklich Jazz ist. Das Gute an Jazz ist, dass sie spielen, bevor sie denken. Das fehlt in Techno mittlerweile leider meistens auch.

Nebraska – Vicarious Disco (Alternate Mix) (12″ Vicarious Disco, Down Low Music 2007)

De:Bug: Der Track hat mich an ein Stück von dir erinnert: an “Trespassers”.

Newworldaquarium: Ich kenne das Sample. Pepe Braddock hat es benutzt und in einem Mobb-Deep-Track ist es auch. Vom wem ist es noch …? Freddy … , ich kann mich nicht erinnern. (hört ein bisschen zu) Sehr schön. Aber der Track ist viel arrangierter als meine Sachen. Ich benutze Samples auch nur tief im Mix versteckt. Und am Anfang. Sonst wird es immer schwierig: ein Sample zu finden, das zum Rest dazupasst.

De:Bug: Du bist ein Meister darin, zum Beispiel viele Fläche übereinander zu schichten und deinem Sound so ein sehr organisches Gefühl zu geben.

Newworldaquarium: Kompression ist der Schlüssel. (lacht). Ich loope die ganze Zeit, nehme dabei auf und komprimiere die einzelnen Teile so stark, dass sie, wenn ich sie übereinander schichte und an den Equilizern rummache, anfangen zu bewegen. Alles reagiert auf sehr dynamische Weise. Es ist wie in einem Bild, in dem ich mal dieses, mal jenes hervorhebe: “Guck dir das mal an. Oh, da ist ein kleiner Vogel im Baum, das ist schön.“ (lacht)
Was ich bei meiner Arbeitsweise außerdem an Hardware mag, ist, dass die Maschinen irgendwann, wenn der Loop, der vielleicht nur zwei Takte lang ist, ewig gelaufen ist, Probleme bekommt und untight wird. Dann werden manchmal Noten abgehackt oder es gibt komische Knackser und Geräusche. Was hören wir da eigentlich?

De:Bug: Nebraska auf Down Low.

Newworldaquarium: Das mag ich. Gutes Tempo. Wenn ich zu Hause Musik mache, mit meinen Kopfhörern auf, dann bin ich selten im Dancefloor-Modus. Ich bin zu Hause, habe wahrscheinlich meinen Schlafanzug an oder meine Hausschuhe, mein Wohlfühl-Outfit. Dann mache ich auch solche Musik. (lacht) Die meisten meiner Tracks, die etwas aggressiver, etwas mehr nach Robert Hood klangen, sind vor kurzem mit meiner Festplatte gestorben.

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Maggotron – Bass Invaders (12″ Bass Invaders, Atlantic 1988)

Newworldaquarium: Mein Gott, das ist alt. Das hatte ich früher auf Tape. Das ist soo cheesy. Damals klang das vielleicht futuristisch, aber heutzutage ist es nur noch kitschig. “Looking For The Perfect Beat” von Afrika Bambaataa & The Soulsonic Force und natürlich Mantronix waren die wichtigsten frühen Electro-Tracks für mich. Diese Tapes und mein Sony Walkman. Ich habe mir vor kurzem mal wieder “Wild Style” angeguckt und muss sagen, dass die Kids in dem Film sehr nach 2007 aussehen. (lacht)

De:Bug: NuRave.

Newworldaquarium: Aber hallo.

Patrice Scott – Motions (Original Mix) (12″ Motions, Sistrum 2007)

Newworldaquarium: Das neue Versprechen aus Detroit, Patrice Scott. Er kommt doch aus Detroit, oder?

De:Bug: Soweit ich weiß, ja.

Newworldaquarium: Den habe ich über Ra.H von Morphine Records in Venedig kennen gelernt. Er hat einen Track auf Patrice Scotts Label veröffentlicht. Ein großartiger, lustiger Kerl, der Godfather von Venedig, und irgendwie seltsam, dass er da so reinpasst, in diese neue House-Welle aus Detroit. Diese Platte ist auf jeden Fall brillant. Sie erinnert mich irgendwie an David Alvarado. Sehr hypnotisch.

De:Bug: Ein Attribut, das dir bei deiner Musik auch sehr wichtig ist?!

Newworldaquarium: Ja, definitiv. Da steckt so viel Energie und Kraft in dieser Art von House. Wenn man es “trancy” nennt, kann man sich schnell erschrecken, aber letztlich geht es darum. Ich denke, das Hypnotische ist eine der Hauptqualitäten von House. Repetition. Ich versuche das mit Melodien zu erreichen, beziehungsweise suche die Grenze zwischen Melodie und Rhythmus dafür. Das ist der Kern von House Musik.

Bloc Party – Where Is Home? (Burial Mix) (12″ Flux, Wichita 2007)

Newworldaquarium: Ein Dubstep Tune. Sehr starkes Reese-Bassline-Feel, sehr melancholisch. Von wem ist das?

De:Bug: Es ist ein Burial Remix für Bloc Party.

Newworldaquarium: Verdammt, ich habe sein neues Album immer noch nicht gehört. Ich bin neugierig. Allerdings haben mich die meisten Dubstep-Stücke, die ich bis jetzt gehört habe, nicht wirklich überzeugt. Sie werden immer irgendwann langweilig. Was ich nicht mag, dass ich in Zusammenhang mit Dusbtep immer wieder höre: “Warte, bis du das auf einem großen Soundsystem hörst, dann macht der Track erst richtig Sinn.“ Wenn eine Platte nur auf einer großen Anlage gut ist, dann, sorry, ist es keine gute Platte für mich. Ein Song sollte ein guter Song sein. Egal, wo man ihn hört. Ich höre meine Sachen deswegen auch auf allen möglichen unterschiedlichen Anlagen: auf meinem Ghettoblaster, unter der Dusche, auf meinem Walkman. Burial erinnert mich an A Guy Called Gerald in seiner “Black Secret Technology”-Phase. Ich mag das sehr, den großen, weitläufigen Sound. Das ist sehr englisch.

Joy Divison – Decades (Closer, Factory 1980)

Newworldaquarium: Brillant! Die Art, wie die Drums aufgenommen sind, ist einfach perfekt. Das ist auch very english.

De:Bug: Das ist auch very Joy Division.

Newworldaquarium: Für mich ist das bis heute ein Rätsel: Wie schafft man es, etwas so organisch klingen zu lassen? Wenn man jeden dieser Sounds hier einzeln hört, klingt es nach nichts Besonderem, aber zusammen, … pure Magie. Eine Landschaft. Ein Gemälde.

De:Bug: Wäre der Anfang nicht ein perfektes Sample für dich?

Newworldaquarium: Ja, aber was soll ich damit machen. Der Loop ist perfekt, fertig. Da gibt es nichts mehr zu machen. Deswegen stoße ich ja auf ihn. Brillant.

De:Bug: Carl Craig war gerade am Anfang seiner Karriere ein Meister darin, mit ganzen Sample-Loops grandiose neue Stücke zu machen.

Newworldaquarium: Carl Craig is a Wizzard. Ich würde ihm gerne mal dabei zuschauen, wie er alles zusammenkocht. Da kann ihm kaum einer was vormachen. Der Song ist von dem “Closer”-Album, oder?

De:Bug: Ja.

Newworldaquarium: Solche Stücke erinnern mich immer daran, wie weit der Weg für House und Techno noch ist, um dieses historische Level zu erreichen. Ich finde nicht, dass wir schon da sind. Ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll. Joy Divison und alle wirklich gute Popmusik, ich nenne das jetzt mal Popmusik, ist so viel mehr als nur eine Formel. House und Techno ist nach wie vor Musik für den Dancefloor. Wird es jemals den Sprung auf ein anderes Level schaffen? Die meisten House- und Techno-Platten haben nicht dieselbe Tiefe wie so ein Joy-Division-Album. Ein Techno-Album ist, wenn es gut ist, meist irgendwie experimentell, trotzdem für den Floor und in seiner Strahlkraft trotzdem sehr beschränkt. Ich finde, House und Techno haben da noch ein gutes Stück Weg vor sich, wirklich große Alben hervorzubringen.
http://www.newworldaquarium

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Elektronische Lebensaspekte.