Als Produzent und DJ dürfte Oliver Koletzki der Masse mindestens als Urheber des 2005er Konsens-Hits ”Der Mückenschwarm“ ein Begriff sein und ist dieses Mal mit von der Partie bei unserer Rubrik "Musik hören mit".
Text: Ji-Hun aus De:Bug 135

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Mit seinem Label “Stil vor Talent” veröffentlicht er von Berlin aus, laut eigener Aussage, eher House als Techno und war auch für den ursprünglichen Release von Lützenkirchens ”3 Tage wach“ sowie den dazugehörigen viral explodierten DIY-Hasen-Clip verantwortlich. Diesen Monat kommt sein neues Album ”Großstadtmärchen“, das klanglich im House wurzelt, aber mit Hilfe zahlreicher Gastsänger/innen unverkennbar zur Pop-Sonne strebt.

BurialFourtet

Burial & Four Tet – Moth / Wolf Cub (Text Records/2009)

Oliver: Erkenne ich nicht, aber gefällt mir super!

Debug: Das sind Burial & Four Tet. Verfolgst du Dubstep?

Oliver: Eher am Rande, ich habe meine große Non-4/4-Beat-Zeit schon gehabt. Ich komme ja aus Braunschweig und war lokaler 2Step- und Big-Beat-Hero dieser kleinen Stadt. Das war so zwischen 1995 und 2000, als Freestylers und Fatboy Slim ihre große Zeit hatten. Dieses Dubstep-Ding ist ja ähnlich, nur ein bisschen düsterer, und düster ist nicht so mein Ding.

Debug: Und dann kam Techno dazu, als du nach Berlin gezogen bist?

Oliver: Ja, ganz klassisch. In Braunschweig gab‘s gar keine Techno Clubs, das heißt man musste sich selbstständig durch die Plattenläden wühlen. Drum and Bass ist in Braunschweig ganz groß, es ist auch heute noch größer als Techno. Deshalb waren auch 2Step und Big Beat so populär. Aber als ich nach Berlin gezogen bin … da hat voll die Techno-Klatsche zugeschlagen.

Debug:
Wie ist deine Wahrnehmung als DJ, wird Dubstep in Berlin noch mal einschlagen?

Oliver:
Keine Ahnung, da wurde so lange Hype drum gemacht, seit zwei Jahren erzählen alle, das sei das große Ding. Aber irgendwie ist das immer verpufft. Es gab ja die eine oder andere Party im Berghain, aber für mich ist es immer noch eine Untergrundbewegung, was ja eigentlich hervorragend ist.

Alter-Ego

Alter Ego – Jolly Joker (DJ Koze Remix) (Klang Elektronik /2008)

Oliver: Super Percussion. Klingt englisch.

Debug: Ist aber deutsch. Alter Ego im DJ-Koze-Remix.

Oliver:
DJ Koze finde ich super. Einer der wenigen, der sich was traut. Ich habe vorhin geschmunzelt wegen dieses Rückkopplungseffekts, das ist wirklich mutig. Wenn man das als DJ auflegt, dann denken ja alle unten auf dem Dancefloor, du machst da oben gerade was falsch.

Debug: Ich habe den Track wegen des Titels ausgesucht: ”Jolly Joker“, und zwar weil ich herausgefunden hatte, dass du zu Anfang in Braunschweig in einem Club gleichen Namens aufgelegt hast. Spielst du da noch regelmäßig?

Oliver:
Ich verbinde mit dem Laden eher Rumknutschen mit 17 Jahren. Das ist der erste Club, wo man reinkommt, da fälscht man seinen Perso und dann geht man schon mit 15 hin, trinkt seine allerersten Biere und guckt Mädchen auf den Arsch. Großgeworden bin ich im Brainklub. Das ist ein kleiner Indie-Club für 250 Leute und da war ich jahrelang Resident. Heute mache ich da auch meine Labelparties.

Debug: Wie ist es mit der Percussion in dem Track? War das eine willkommene Abwechslung für dich, als es im letzten Jahr wieder damit losging?

Oliver: Ja, ich bin voll von der House-Welle mitgespült worden. Nach diesen drei, vier Jahren Minimal fand ich es großartig, dass da wieder Abwechslung reinkam. House ist schon eher meine Musik, weil ich ja aus der melodischen Popmusik-Ecke komme. House steht ja genau dafür, da werden endlich mal Harmonien und Melodien benutzt. Es ist zwar doof, wenn man so einem Trend hinterherläuft, aber jetzt ist wieder Sommer und die Sonne scheint und House passt da einfach besser. Minimal passt besser zu dunklen, kleinen Räumen mit viel Nebel und wenig Licht.

Gustav


Gustav – Soldat _in Oder Veteran (Chicks on Speed Records/2008)


Oliver:
Gefällt mir super, ich stehe ja auf Vocals, schon seit jeher. Auf meinem Album sind auch viele Vocals drauf. Ich habe keine Probleme mit deutschen Texten, ich bin da unempfindlich, meiner Meinung nach kann man das immer machen. Das hier finde ich gut, weil viele natürliche Instrumente drin sind.

Debug: Habt Ihr für dein Album viele akustische Instrumente aufgenommen?

Oliver: Ehrlich gesagt nicht, aber das liegt daran, dass ich eine faule Sau bin. Ich kenne genug Musiker, die ich hätte fragen können, aber leider ist das jetzt fast alles Software. Ich habe auch kaum Hardware in meinem Studio, aber ich habe ein gutes Ohr dafür, was real und was künstlich klingt. Ich präsentiere das Album übrigens mit einer Band, The Koletzkis (lacht). Wir gehen im September auf Tour. Endlich wieder in einer Band spielen!

Debug: Das hier ist übrigens eine österreichische Sängerin, die unter dem Namen Gustav 2008 ihr zweites Album ”Verlass die Stadt“ veröffentlicht hat. Wir fanden den Titel einen interessanten Kontrast zu deinem Albumtitel ”Großstadtmärchen“.

Oliver: ”Großstadtmärchen“ ist schon eine Liebeserklärung von mir an Berlin. Ich bin seit acht Jahren hier und fühle mich pudelwohl. Ich und Stil vor Talent lieben Berlin. Alle ziehen aus der Kleinstadt in die Großstadt und ich kann nichts dagegen sagen, habe ich ja auch so gemacht. Ich bin eben ein Weggehtyp, ich gehe für mein Leben gern aus. Das klingt banal, aber es war einer der Gründe, warum ich nach Berlin gezogen bin. Ich hänge jetzt zwar nicht mehr jeden Montag in der Bar 25 rum, aber für mich ist das immer noch alles ein Riesenspaß.

Yellow


Yellow Magic Orchestra – Rydeen (Alfa Records/1980)


Oliver:
Super, klingt ein bisschen wie Rondo Veneziano.

Debug:
Rondo Veneziano? Diese weißgelockten Köpfe, die dann Vivaldi auf Discobeat gespielt haben?

Oliver: Naja, wie die aussahen, war mir total wumpe. Aber das war richtig Musik, Ende der 80er, so die Zeit mit Jean-Michel Jarre, das klang total fresh. Ich dachte mir, so was hast du noch nie gehört! Da waren tolle klassische Melodien dabei, da war ich ein ganz großer Fan!

Arthur Russell – I Couldn‘t Say It To Your Face (Rough Trade/2008)

Debug:
Das ist Arthur Russell, der gilt als einer der ersten Disco-Stars.

Oliver: Die Nummer klingt ja überhaupt nicht nach Disco, eher nach Doors. Ich habe ja früher in einer The-Doors-Coverband gespielt, wo wir auch viel Neil Young gespielt haben. Ich habe genau wie bei bei The Doors, die ja keinen Bassisten gehabt hatten, mit der rechten Hand ein Fender Rhodes gespielt und mit der linken Hand ein Bassmodul. Wir waren halt nicht so erfolgreich wie die, haben aber dafür in ein paar komischen Dart-Kneipen in Norddeutschland gespielt.

Das war voll 70er, halt echte Musik. Das Intro von “Light My Fire” war ein bisschen anspruchsvoller, aber das hatte ich auch irgendwann drin. Da war ich 18, The Doors kamen genau richtig zu der Zeit, wir haben unseren ersten Joint geraucht und in der Band gespielt. Dieses “Großstadtmärchen” ist deshalb auch eine Art Comeback für mich, wieder zurück zur Band. Ich habe ja auch ohne Ende Notenbücher: The Doors, The Very Best of Elton John, Abba … das habe ich als kleiner Junge gern gehört.

Alan-Fred

Alan Braxe & Fred Falke – Palladium (Vulture/2002)

Oliver:
Loveboat!

Debug:
Du bist aber keiner, der über French House zu Techno gekommen ist, oder?

Oliver:
Doch, ich war 2Step und Big Beat überdrüssig und dann war Filter- und French House ganz groß und das habe ich in Braunschweig dann eigentlich noch länger gemacht. Auch die ersten zwei, drei Jahre in Berlin. So was hier habe ich auch selbst aufgelegt … ich war ja auch ‘ne Hitschlampe, volle Kanne!

Debug: Heute immer noch?

Oliver:
Na ja, man kann Hits spielen, aber ich bin der Meinung, alles muss in Dosierungen stattfinden. Hits sind meiner Meinung nach Hits, weil sie’s ganz oft verdient haben, einfach gute Lieder sind. Wenn ich perkussiveren House spiele, spiele ich auch viele monotone Sachen, und ab und zu kann dann auch mal ein House-Hit mit einer großen Melodie kommen. Aber gerade so was hier finde ich super, Melodien, schöne Orgel, volle Kanne Siebziger-Anleihen, das kann ich mir heute auch noch anhören und ich würde mich auch trauen, das zu spielen. Wer ist das?

Debug: Alan Braxe und Fred Falke.

Oliver: Ach ja klar, natürlich, das waren ja meine Helden früher, voll!

Click box

Click Box – Berlin Shades (Minus/2009)

Debug: Das Label erkennst du aber, oder? Das ist ‘ne Minus.

Oliver:
Das hat so viele Elemente, ich hätte nicht gedacht, dass das eine Minus ist. Wird bestimmt ein Hit werden wegen dieser schrägen Synthie-Melodie. Minus war nie mein Ding, da war mir immer zu wenig drin in den Songs. Das war mir ein bisschen zu verkopft. Die sind halt unglaublich erfolgreich … gewesen, aber meins war das nie so richtig. Wenn ich druff bin, kann ich auch dazu tanzen, aber rein musikalisch ist mir das zu wenig. Ich dachte, die schräge Melodie kommt öfter, jetzt weiß ich doch nicht mehr so genau, ob’s ein Hit wird.

Ah, da ist sie wieder! Da hat man wenigstens was, woran man sich festhalten kann. Diese Melodie is schon prägnant, das werden eine Menge DJs spielen, aber im Prinzip sind die Leute ja nicht mehr so auf dem Minimal-Film. Minus hat aber eine weltweite Fangemeinde, das ist ja ein Label, bei dem die Leute blind gekauft haben. Das muss man als Labelbetreiber erst mal schaffen, Respekt. Aber was jetzt daran so toll sein soll, das weiß ich auch nicht.

Daniel-wang

Daniel Wang – Berlin Sunrise (Ghostly International/2004)


Oliver:
Was könnte das sein … Daniel Wang?

Debug: Richtig!

Oliver: Super, Metro Area habe ich auch über alles geliebt, das ist ein großer Einfluss. Über die letzten 18 Jahre, die ich jetzt produziere, ist das eine der großen Stationen. Das klingt jetzt verrückt, aber nach Beatles, The Doors und Armand van Helden ist das einer der ganz großen Einflüsse, die mich in eine bestimmte Richtung gelenkt haben. Endlich habe ich mal was richtig geraten!

Lützenkirchen


Lützenkirchen – Paperboy (Great Stuff/2008)

Oliver: Das ist ne Great Stuff, oder? Klingt nach Lützenkirchen. Der Lütze ist ein unglaublich ehrgeiziger Produzent, der sehr viele Tracks schreibt, fast ein bisschen zu viele.

Debug:
Ihr habt ja ziemlich Wirbel gemacht mit ”3 Tage wach“, bereut man da irgendwas?

Oliver: Nö, ich bereue da gar nichts, ich hab‘s ja irgendwann abgegeben an Great Stuff und Universal, bevor es dann in den Jamba-Klingeltoncharts kam, das wurde mir zu unheimlich, diese vielen Clicks auf YouTube und die ganzen Menschen, die dann selber Videos dazu gemacht haben, das war ja unglaublich. Es wurde dann voll ausgeschlachtet, mit 3-Tage-wach-Kaffeetassen und so, das ist einfach nicht mein Ding, wir sind kein Major und meine Art ist es nicht, auf Teufel komm raus den letzten Euro aus irgendwas rauszupressen.

Ich wollte einfach nur einen guten Release haben, der sich schön auf Vinyl verkauft. Wir haben 9.500 Platten davon gemacht, das war mit Abstand die meist verkaufte Platte in dem Jahr. Und ich wollte natürlich auch ein bisschen Aufmerksamkeit erregen. Ich mag nämlich Sachen, die die Leute provozieren, und es war natürlich vorprogrammiert, dass sich Gott und die Welt darüber aufregen.

Oliver Koletzki, Großstadtmärchen, ist auf Stil vor Talent / WAS erschienen.

2 Responses

  1. Dennis Kogel

    "Musik hören mit: Oliver Koletzki" auf de-bug.de, witzigerweise ohne meinen oder Felix Nölkens Namen drunter http://bit.ly/5PQ7Cj