Maluco sind das, was man im Rockduktus eine Superband nennen würde. Der Referenzkatalog von Max Loderbauer, Pier Bucci und Argenis Brito ist lang: Sun Electric, Crosstown Rebels, Mambotur, Senor Coconut, Cadenza, NSI, Redux Orchestra und viele mehr...
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 125


Der seltene Fall tritt ein, dass eingeladene Musiker zu früh zum ausgemachten Termin erscheinen. In diesem Falle eine ganze Stunde. Argenis Brito ist zwar nicht dabei, dafür aber Pier und Max. Zwei alte Hasen, die doch die Musikgeschichte wie Apfelschorle am Morgen runtergespült haben müssten. Wir reisen mit dem Chilenen und dem Elektroweltenbürger durch die Welt-Stile, was die beiden fast verlegen macht, weil sie nur wenige der Tracks erkennen, aber darum soll es auch nicht gehen: Über Bayern am Mississippi, eigene Remixe, die man nicht erkennt, und wieso Europäer niemals Salsa tanzen können.

Mongo Santamaria – Bata (Afro-Roots/Prestige 1972)

Wir fangen mal mit einem sehr trockenen Stück an.

M: Wo kommt das her?
P: Es ist aus der Karibik oder aus Afrika, aber auf jeden Fall schwarze Musik. Dieses Bum-Bbakk.
M: Es ist aus Finnland … (lacht)

Könnte natürlich eines der verrückten Projekte von Jimi Tenor sein.

P: Es klingt auf jeden Fall sehr ethnic.

Es ist ein Musiker aus Brasilien, der Afro-Loops spielt. Mongo Santamaria, was aber nicht typisch für ihn ist.

P: Den kenn ich. Ich mag den Part.

Für eure Musik mit Maluco, war es da wichtig, dass Musik aus aller Welt mit berücksichtigt wurde oder doch eher eurozentrisch?

M: Da haben wir uns nicht konkret mit auseinander gesetzt. Es kamen halt einfach viele verschiedene Einflüsse zusammen. Mit verschiedensten kulturellen Hintergründen. Während der Produktion denkt man nicht groß darüber nach, es passierte so. Ich komme mir vor wie im Quiz-Taxi und der Musikfrage.

Uns ist aufgefallen, dass momentan sehr viel Techno und elektronische Tanzmusik mit vielen Ethnoelementen arbeiten. Aber die wenigsten nehmen wirklich wahr, wie viel Musik in anderen Gebieten und Kontinenten produziert wird.

P: Das ist keine neue Sache, ethnische Elemente und Sounds in elektronischer Musik zu verarbeiten. Die gesamte elektronische Musik baut doch nahezu darauf auf. Wenn man sich nur die durchgehende Bassdrum anschaut. In Detroit damals war es auch schon. Das Rhythmische ist doch afrikanisch.

Habt ihr denn daran gedacht, andere Kulturen wie die karibische in eure Musik mit einfließen zu lassen? Um zu schauen, was dort mit modernen Mitteln gemacht wird, um vom reinen Tribal-Aspekt abzusehen?

M: Auf jeden Fall, aber es ist schwierig, die Dinge immer getrennt zu sehen.

Patrick Saint-Eloi – La Demande (Sonodisc/1984)

Also es ist nicht Senor Coconut.

P: Das ist brasilianisch. Das erkennt man. Das ist die typisch weiße Auslegung dieser Musik.

Das ist aber aus der Karibik, das ist Zouk.

P: Stimmt, das ist gar nicht Portugiesisch, aber Karibisch-Französisch.

M: Es ist genau das, was du meintest. Die Kombination von Tribal und modernen Technologien.
P: So als würden die Leute zum ersten Mal elektronische Instrumente ausprobieren.
M: Ich würde da an Gonzalo Martinez denken. Das Projekt von Martin Schopf und Jorge Gonzales. Hier denkt man natürlich an die Cheesiness und die Plastiksounds, aber dennoch ist das südamerikanisch, aber die furchtbaren Halleffekte auf den Stimmen.
P: Da ist auch diese schlimme Uff-Tzz-Tzz HiHat.

Mögt ihr das nun oder nicht?

M: Ich mag es, weil es aus Südamerika ist. Aber aus hiesiger Produzentensicht ist das unakzeptabel.
P: Die produzieren dort aber auch auf ganz anderen Frequenzen. Das ist total High Frequency. Sogar die Sänger und die Akkordeons sind häufig hochgepitcht.
M: Damit es sich auch auf billigen Radios durchsetzt.
P: Die haben fast die Gegenkultur zur westlichen, bassfokussierten Musik, die singen alle wie auf Helium.

Cornelius – Brazil (Point/Matador 2002)

Das ist eine Coverversion von einem sehr bekannten Lied.

M: Ein bisschen wie bei Maluco, so mit der Gitarre.

Wir dachten, ihr würdet auf eurer Platte mehr wie dieser Song klingen.

M: Für unser Album? Das kann man ja nicht planen, wir haben ja nicht extra nach brasilianischen Gitarristen gesucht.
P: Ist das Girl from Ipanema?
M: Nein, das ist Brazil.

Kennt ihr vielleicht den Künstler? Der ist nämlich Japaner. Cornelius.

P: Ah, den kennen wir. Ich mag diese Bossa-Percussions.

Habt ihr euch bei eurer Platte auf eine Stimmung wie diese geeinigt? War da ein Konzept dahinter?

P: Ganz ehrlich hat uns die Tagesstimmung am meisten beeinflusst. (lacht)

Ry Cooder – Chloe (Chicken Skin Music/Reprise 1976)

Das ist eine Platte zum Thema: Gut, ich werde alt, da kann man sich auch mal zurücklehnen.

M: Ich mochte schon immer Steel-Gitarren. Früher hab ich versucht, die mit dem Synth nachzuspielen. Mit dem Pitch Bend und so.

Mögt Ihr so Sachen wie Ry Cooder oder ist das zu weit weg?

M: Ach was, ich komme aus Bayern. Das ist davon nicht so weit entfernt. Musikalisch gesehen.

Ist das was, auf der Hollywoodliege zu schaukeln und auf dem Computer gemächlich Musik zu machen.

M: Ich mag schon eher das fokussierte Arbeiten im Studio. Gerade beim Maluco-Album ging das alles sehr schnell. Teils von Null zum Premaster an einem Tag.

Lemos – Who do you believe in (Part One/ Cécille Numbers 2008)

Nun eine Danceplatte. Würdet Ihr so was auflegen?

P: Wir sind ja beide keine DJs.

Man könnte so was auch auf einem Kindergeburtstag spielen.

P: Wenn man diese Sounds zum rechten Zeitpunkt auflegt, kann das schon funktionieren.
M: Ich habe ja immer Probleme mit Jazzinterpretationen in Dancemusik. Das ganze clashy Zeug.
P: Einfach dieses Bummbumm drunterlegen ist nicht so mein Ding.
M: Mich erinnert das an diesen bekannten Clubtrack von vor paar Jahren, mit diesem Piano: Dudummdummdüdüdum. Oder war das eine Orgel? Wie auch immer, auf jeden Fall war diese Nummer super bis zu dem Teil, wo er den Soloteil auf den Clubbeat legte. Das hier geht in die gleiche Richtung. So wie Rockbands mit Orchester. Das könnte wenn schon eine ganze Spur verrückter sein.
P: Das ist sehr loopy. Aber wer da sehr interessante Dinge in der Richtung macht, ist Guillaume and The Coutu Dumonts, der ist jazzy und freier im Ansatz, die Nummer ist zu loopy, um ernsthaft jazzig zu sein.

Hättet Ihr eine Ahnung, aus welchem Land der Produzent stammen könnte.

P: Auf jeden Fall aus Europa. Aus Frankreich?

Fast, aus Griechenland, Lemos heißt er.

Euer Album mit Maluco hat schon einen dezidierten Songansatz. Wie verlief das mit dem Songwriting?

P: Ausnahmslos spontan. Sogar die Texte sind so entstanden. Das ist halt die Mischung, wenn Max mit zwei Lateinamerikanern zusammen Musik macht, dass da sehr viele Synergien entstehen und das Spontane schnell die Überhand gewinnt. Für uns Südamerikaner ist ja Improvisation ein musikalisches Grundprinzip und auch Max ist dem ja nicht abgewandt. Er versteht das sehr gut.

Wilie Bobo – How can i say goodbye (Do what you want to do/Sussex 1968)

Das ist genau was zum Thema Herumsitzen und dabei Musik entstehen lassen. Der Typ ist auch aus Lateinamerika.

P: Das ist funky Soul in langsam.

Das ist schon sehr laid back.

M: Mit depressiven Texten.

Das ist Willie Bobo.

P: Ah klar, natürlich, aber wieso erkenne ich denn heute nichts?

Seht ihr eure Musik in einer ähnlichen Tradition wie das hier, nur mit moderneren Mitteln?

P: Traditionen, was sind Traditionen. Bei uns hat es ja funktioniert, um mehr macht man sich doch dann keine Gedanken, oder? Es geht doch vielmehr um den Moment. Wenn drei Leute zusammensitzen, dann muss es funken, und das muss man festhalten. Die Situation.

Nick Curly/ On My Way (Supernature, 2008)

Pier, du solltest diese Nummer kennen.

M: Klingt sehr bekannt.
P: Ist der aus Deutschland?

Er kommt aus der Mannheimer Ecke. Aber du erkennst das Stück nicht?

P: Ehrlich gesagt, nein.

Das ist Nick Curly/ On My Way

P: Ah, für den hab ich einen Remix gemacht.

Das ist der Grund, wieso ich frage.

P: Wie, aber nicht für diesen Track, oder?

Doch, doch.

P: Oh, verdammt. Jetzt habt ihr mich.

Ich kann ja deinen Mucha-Salsa-Remix auf der B-Seite spielen. (Platte umdrehen)

P: Stimmt, die Version kenne ich. Aber du hast mir nicht gerade das Original gespielt, oder?

Doch, das war das Original.

P: OK, gut. Oh je. Ist ja fast ein bisschen peinlich. Ich muss dazu sagen, dass ich mir eine Nummer nie in Gänze anhöre, wenn ich einen Remix mache. Vielmehr klick ich in zehn Sekunden durch die Waveform, verschaffe mir einen Eindruck und mache dann aus den Einzelspuren was Eigenes. Ich arbeite beim Remixen nur mit Einzelteilen, und teils macht man auch so viele, dass man da den Überblick verliert. Ich wusste auch gar nicht, dass die Platte schon draußen ist. Hier hab ich auch aber die ganzen Latinsachen drin. Darf ich die mal sehen?

Wie ist das, wenn man einen Remix “Mucha Salsa“ nennt. Wenn man sich die hiesige Minimallandschaft anschaut, befürchtet man nicht, dass das Publikum doch zu europäisch ist, um den Latin-Vibe so richtig zu verstehen?

P: Ich glaube, dass das schon verstanden werden kann, aber eher als kulturelles Phänomen, aber es ist schwierig für Europäer, diese Art von Musik zu machen oder sie wirklich im Ganzen zu fühlen. Das ist der Unterschied. Man hört sofort, wenn ein Europäer oder Nordamerikaner versucht, Salsa zu machen. Es ist wie ein Europäer, der versucht, Salsa zu tanzen, das geht nicht zusammen.

Du würdest dich als guten Salsatänzer bezeichnen?

P: Ich bin ja aus Chile und da ist es noch mal ein bisschen anders mit der ganzen Latin-Geschichte. Dort ist es noch eine Spur lauter. Aber ich habe eine Weile in Kolumbien gelebt und selbst in Peru gibt es eine Menge Salsa. Aber gut zu sehen, dass der Remix veröffentlicht wurde. Da muss ich mal bei dem Label eine anfordern. (lacht)

Jacob’s Optical Stairway – Solar Feelings (Claude Young’s Kyoto Soul Dub) (R&S Records 1995)

Jetzt ein bisschen Beat Science mit japanischen Sounds.

P: Plaid?
M: Das klingt nach fiesen, späten R&S. Aber das ist schon so etwas aus der Ecke, oder?

Das ist vollkommen richtig. Im Original ist das viel souliger. Das ist Solar Feelings von Jacob’s Optical Stairway und der Remix ist von Claude Young. Der Kyoto Soul Remix.

P: Klingt wie von 94 oder 95.

M: Das ist schon schwierig mit diesen Sounds. Es gab mal einen Drum-and-Bass-Remix für Sun Electric und das war dann echt nicht der Knaller.

Was ist dein Problem mit der Musik?

M: Für mich ist Drum and Bass ein Sound für Autosendungen und Fahrberichte. Es klingt halt einfach beschissen.
P: Ich finde es gar nicht so schlecht.

Könnte auch Hyper-Latin sein. Nur, dass das Gefühl vielleicht fehlt.

P: Und die Percussions fehlten dann auch.

Tim Buckley – Morning Glory (The Peel Sessions / Strange Fruit 1968)

Das ist eine John Peel Session von 1968.

P: Eine schöne Nummer. (Greift sich ans Herz) Gefällt mir sehr.

Er hatte auch einen recht bekannten Sohn. Jeff Buckley. Das ist Morning Glory von Tim Buckley.

M: Den Namen Buckley hat man natürlich gehört, hätte ich aber nicht erkannt.

Das Gegenteil von tight spielen.

M: Tight spielen ist ja auch nicht unbedingt notwendig. Es ist eher schwierig, elektronische Instrumente zu finden, die nicht tight sind.

Ich dachte an den Song, weil er ähnlich elegische Gesänge hat wie bei Maluco.

P: Das kann sein, aber dieser Tim Buckley ist ja toll.
M: Dieser Song klingt wirklich zeitlos. Hätte auch von heute sein können. Das mag ich an Songs, wenn sie über die Zeit klingen. Es ist nur eine Schande, dass wir gar nichts wussten.

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Elektronische Lebensaspekte.