Blinddate im Sound-Garten
Text: Thülen/Joswig aus De:Bug 110


Stefan Betke hat als Pole Dubtechno-Geschichte geschrieben. Auf seinem neuen Album “Steingarten” entkommt er den Beschränkungen seiner eigenen Schule, ohne sich neu erfinden zu müssen. In unserem Blinddate erkennt der perfektionistische Sounddesigner nicht alle Künstler, aber er kennt alle Sounds.

Shackleton – Blood On My Hands (Skull Disco)

Pole: Ich mag diesen Chord total gerne, der da im Hintergrund schwebt. Ich weiß im Moment nicht, was es ist, aber es klingt zu sauber, um wirklich alt zu sein. Deswegen würde ich mal auf Anfang der Neunziger tippen.

Debug: Nee, das ist noch neuer.

Pole: Echt? Das kommt aber nicht aus der Londoner Dubstep-Szene, oder? Da mag ich eigentlich nur Skream und Burial. Und von denen ist es keiner von beiden. Also wer ist es?

Debug: Shackleton. Kommt auch aus London.

Pole: Kenne ich nicht. Aber wie gesagt, den Chord, der das hier alles zusammenhält, finde ich sehr schön. Tablas finde ich da schon eher schwierig, weil das so schnell in die Eso-Ecke abdriftet. Hier ist es aber sehr schön.

Debug: Wie kommst du denn generell mit so unbearbeiteten Percussion-Sounds klar?

Pole: Selten. Eigentlich nicht so gut. Alles was mit Bongos und Congas zu tun hat, geht außerhalb von Kuba gar nicht. Bei neuen Sachen. Wenn ich mir alte Platten anhöre, sagen wir mal Afro-Beat-Stücke von Fela Kuti, dann kann ich mir das gar nicht ohne vorstellen. Aber das ist ja auch eine ganz eigene Geschichte. Wenn Leute solche Sounds heute benutzen, werde ich damit meistens nicht warm. Auch wenn man sie bearbeitet. Ich weiß nicht, wie man eine Conga bearbeiten soll, dass sie nicht mehr klingt wie eine Conga. Da kann man sie dann auch lieber weglassen. Aber er hier hat seine Geschichts-Hausaufgaben gut gemacht. Er weiß, wo er es herholt, verwendet diese Einflüsse aber ein bisschen eigenständiger als manch anderer in der Dubstep-Szene. Ich mag das ja prinzipiell ganz gerne, muss aber sagen, dass ich das Neue, das Dubstep immer wieder angedichtet wird, nicht so höre. Oft ist es entweder sehr ravig, sehr Drum-and-Bass-lastig oder mit ganz klar klassischen Dub-Einflüssen. Wenn ich so was hier aber höre, oder eben bei Skream und Burial, da sind für mich dann wieder Potenzen drin, die man ausbauen kann, die wirklich großartig sind. Die Jungs sind ja auch alle ziemlich jung, da kann ja noch einiges kommen.

Debug: Die Auswahl der nächsten Platte wurde vom ersten Stück auf deinem neuen Album inspiriert.

Pole: Da bin ich aber gespannt.

Mark Stewart – Stranger (Mute)

Pole: Das kenne ich auf jeden Fall …, was ist das noch?

Debug: Das ist das meist gesamplete Klassik-Thema der Musikgeschichte, oder?

Pole: Ist das jetzt auch gesamplet?

Debug: Ja. Gleich kommt der Einsatz. Das ist eins meiner liebsten Kitsch-Stücke.

Pole: Das könnte ja jetzt alles sein. (lacht) Von wem ist denn jetzt noch mal das Original?

Debug: Erik Satie.

Pole: Nee, das kenne ich nicht. Ich wusste ja, dass ihr hier mit solchen Platten ankommt, die kein Mensch kennt. Aber das Stück ist echt geil. Dieser Basslauf … Was ist das denn jetzt?

Debug: Mark Stewart.

Pole: Wirklich? Bei dem Gesang habe ich kurz an ihn gedacht, aber der Rest ist eigentlich viel zu nice für Mark Stewart. Bei Mark Stewart wird ja irgendwie immer nur die Krach-Abteilung gewürdigt. So was wie das hier würde man nicht von ihm erwarten. Und dass Adrian Sherwood bei so einer leicht angezerrten HiHat-Figur die Finger mit im Spiel hat, auch nicht.

Debug: Hast du denn damals Pop Group gehört?

Pole: Weniger. Ich stand eher auf Richard Hell, Chrome und Hansaplast. Düsseldorf halt. Ratinger Hof. Da fand Pop Group nur nebenbei statt.

Debug: Ich habe beim Hören des ersten Stücks auf deinem neuen Album ja eine Privat-Theorie entwickelt und die nächste Platte ist auch dazu da, diese zu stützen.

Do The Maru – Just … My Crazy Mind (Object Music)

Pole: Ahh, du steigst also bei dem Stück von mir auf diese Gitarre, beziehungsweise diese Pseudogitarre ein?!

Debug: Ist das eine Gitarre oder ein Bass?

Pole: Eigentlich ist das ein PlugIn-Synthesizer, den ich so geschraubt habe, dass es so eine Art Nylon-Saite ist, die die ganze Zeit emuliert. Damit habe ich das dann gespielt.

Debug: Ich fand nämlich, dass das die Vermählung zwischen Krautrock und No New York Funk ist.

Pole: Also an No New York hätte ich gedacht. An Krautrock denke ich bei meiner Musik so gut wie gar nicht. Erstens finde ich Krautrock persönlich mittlerweile todlangweilig. Vielleicht auch, weil ich damit aufgewachsen bin. Und zweitens ist das Jan Jelineks Thema, der hat da viel mehr zu zu sagen. Da halte ich mich schön raus. (lacht) Mich wundert das aber. Ich hätte jetzt gedacht, dass die Referenz, die du aufmachen willst, sich mehr auf den Beat bezieht. Auf die Handclaps. Es gibt ein Stück auf der ersten Dabrye-Platte, das super langsam ist, so 70 bpm, das hat ein sehr ähnliches Feeling. Auch mit vielen Claps, teilweise verzögert und irgendwie immer ein bisschen falsch noch eine oben drüber gespielt. An das Stück hab ich beim Produzieren von meinem Album-Opener eher gedacht. Bei der Gitarre am Anfang hätte ich dir noch zugestimmt, aber jetzt geht das ja in eine ganz andere Richtung.

Debug: Hörst du denn darin Krautrockiges?

Pole: Ja klar. Ich weiß jetzt nicht, was es ist, aber es hört sich ein bisschen wie kitschige Popol Vuh an. Oder auch Proberaumsessions von Can oder so. Okay, das Keyboard passt jetzt nicht ganz. Aber es gab da ja massenhaft Zeugs, das in diese Richtung geht.

Moebius & Plank – News (Sky)

Pole: Das ist richtig großartig. Was ist das, African Headcharge?

Debug: Nee.

Pole: (nimmt das Cover) Moebius! Mit Conny Plank zusammen. Wo hast du die denn aufgetrieben? Ich war damals zu jung, um Platten zu kaufen, und hab mir die Sachen immer auf Kassetten aufgenommen. Ich bin ja schon die Nachfolgegeneration. Das Spannende an Düsseldorf war, dass man an Krautrock gar nicht vorbei kam. Da hingen dann aber auch noch Tommi Stumpff und Peter Hein rum. Das war so eine Überblendungszeit von Krautrockigem zu immer eindeutigeren Rock-Geschichten. Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger. Das war so der Nährboden für uns. Da haben wir lange unsere Form gesucht und sie dann irgendwann in der Elektronik gefunden. Wenn ich mir alte Proberaum-Aufnahmen von meinem damaligen Projekt ”Perlen vor die Säue“ höre, kann man diese Einflüsse aus dieser Rother-, Can-, Kraftwerk-, Conny-Plank-Studio-Ecke heraushören. Wir wollten ja am Anfang auch noch so sein, so klingen. Eigenständig wurde das erst später.

Debug: Wobei sich die Frage nach der Eigenständigkeit heutzutage gerade auch in der elektronischen Musik wieder mehr denn je stellt.

Pole: Ich sehe das ähnlich. Ich glaube, es ist im Moment auch nur bedingt möglich. Es gibt wie ich finde auch Parallelen zu den späten Achtzigern, wo man auf eine Entwicklung zurückschauen konnte, die extrem spannend war und viel hervorgebracht hat, sich die Formen und die Inhalte aber irgendwann wiederholt haben. Das geht mir ja mit meinem neuen Album auch so. Ich mag das total gerne und ich denke auch, dass es eine solide handwerkliche Arbeit ist und ein gutes Album darstellt. Aber neu ist das mit Sicherheit nicht. Die Eigenständigkeit kommt da eher mit dem Sounddesign, das mir anhaftet.

Und da bin ich dann ganz schnell bei einer Frage, die mich in letzter Zeit oft umtreibt, nämlich Sounddesign versus Song. Es funktionierte ja lange Zeit sehr gut, mit purem Sounddesign einen guten Track zu machen. Das hat bei mir ja drei Alben lang funktioniert. Das war ja auch nichts anderes als Sounddesign. Nach dem dritten Album konnte ich Rauschen nicht mehr hören. Seitdem suche ich so ein bisschen mein neues Sprachrohr, ohne mein Vokabular zu verlieren. Irgendwie das Interessante aus den alten Sachen beizubehalten und das in eine neue Richtung zu treiben. Und ich glaube, das ist es auch, was die meisten Produzenten heutzutage machen. Vor allem die jungen. Die suchen nach den Interessanten Dingen, die es schon mal gab, und gucken, wo man das dann hinbringen kann. Das ist der einzige Weg, um irgendwann vielleicht mal wieder auf was Neues zu kommen. Planbar ist das aber definitiv nicht.

Ebenfalls in De:Bug 110: Coverlover – Pole vs M.I.A.
http://www.pole-music.com

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Elektronische Lebensaspekte.