Der Produzent und DJ Ruede Hagelstein gehört zur neuen, umtriebigen Berliner Minimal-Schule. Für uns hat er den schlechten Soundverhältnissen unseres Redaktions-Soundsystems getrotzt und als kritischer Gast-Reviewer seinen Daumen gehoben oder gesenkt.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 101


Blackstrobe – Nazi Trance Fuck Off (Holden Remix) (Crosstown Rebels)

Ruede Hagelstein: Ist das schon gemastert oder klingt eure Anlage so scheiße?

Debug: Der Track ist schon gemastert. Muss die Anlage sein.

Ruede Hagelstein: (schüttelt den Kopf) Eine Musikredaktion mit so einer Anlage … wie soll man denn da die Stücke vernünftig bewerten. (grinst) Kauft euch mal neue Boxen. Egal, vorhin dachte ich kurz, das klingt wie Aardvarck. Aber jetzt brummt das fast schon Industrial-mäßig los. Komischer Track. Total verpeilte Ketamin-Musik. Ist der gleich vorbei?

Debug: Der geht noch knapp sieben Minuten.

Ruede Hagelstein: (ungläubig) Der Track ist wirklich total kaputt. Ich kapier den auch gar nicht. Wo will der hin? Das Einzige, was da so halbwegs eine Linie reinbringt, ist dieser Basslauf, der durchläuft, aber alles andere ist ja nur Spielerei. Der Track scheißt komplett auf eine Struktur. Keine Ahnung, wie sich das noch entwickelt. Ganz klar Drogenmusik. Ich weiß gar nicht, wo man sonst so etwas konsumiert, außer auf Drogen in einem ganz dunklen Raum mit der Gewissheit, dass es noch mehr Drogen gibt (lacht). Nee, das ist schon irgendwie gut. Der komplexeste Schrotthaufen, den ich seit langem gehört habe. Was ist das denn jetzt?

Debug: Ein Holden-Remix von Blackstrobe.

Ruede Hagelstein: Echt? Wie heißt der Track?

Debug: ”Nazi Trance Fuck Off“.

Ruede Hagelstein: Mit dem Titel sind sie ja bei Holden richtig (grinst). Zwischenzeitig hab ich kurz gedacht, dass er das sein könnte. Aber dann klingt das auf einer guten Anlage mit Sicherheit auch richtig gut. Trotzdem ganz schön kaputt. Der Holden sieht doch immer so normal und brav aus. Mit Cola in der Hand und so. Ich weiß auch gar nicht, wie man so was produziert. Das geht einem doch total an die Substanz, wenn man das immer wieder hört. Kannst du mir die CD mitgeben, ich würde die ja gerne noch mal in Ruhe zu Hause hören.

The Knife – Silent Shout (Troy Pierce Barodo en Locombia Mix) (Rabid Records)

Ruede Hagelstein: Ist das eine Katze, die da schnurrt? Ich muss noch mal über die Boxen meckern, wie schreibt ihr denn da Reviews?

Debug: Die machen wir natürlich zu Hause. So schlimm ist die Anlage doch gar nicht. Ein bisschen dumpf vielleicht.
Ruede Hagelstein: Die Vocals find ich langweilig. Klingt ein bisschen wie Testdurchlaufsmusik, wenn man die Geräte im Studio warm laufen lassen muss. Da weiß ich auch nicht so genau, wo das hin gehen soll. Die Hälfte des Tracks ist die Grundstimmung so unterkühlt und man wartet, dass noch etwas passiert … und dann kommt so eine Bassline. Und die Vocals müssten auch nicht sein. Nee, mag ich gar nicht.

Debug: Das ist ein Troy-Pierce-Remix von The Knife.

Ruede Hagelstein: Das klingt im Club wahrscheinlich super, aber mir ist hier die Aussage dahinter überhaupt nicht klar. Find ich nicht gut, auch wenn ich Troy Pierce als Künstler sonst sehr schätze.

Hot Chip – Over and Over (Solid Groove Remix) (EMI)

Ruede Hagelstein: Das finde ich schon catchy. Allerdings hab ich bei dem Track auch das Gefühl, dass jetzt nichts mehr passiert. Man wartet die ganze Zeit, das hatte ich bei den beiden Tracks davor auch schon. Vielleicht liegt es aber auch an mir. Gibt ja Tage, an denen gefällt einem keine einzige Platte. Passiert denn jetzt noch was? (beugt sich über die Platte) Oh, Solid Groove!? Ja, ist ganz nett. Was ich aber schade finde, dass dieser Vocal-Loop so englisch House-mäßig durchgezogen wird. Wenn sie den mit Effekten bearbeiten und damit Räume öffnen, ist das super, aber hier läuft ja immer derselbe Loop durch. Ein paar mehr Brüche wären gut. Vielleicht nicht so viele wie bei Holden vorhin.

Misc – Frequenzträger (Pan-Pot Remix) (Sender)

Ruede Hagelstein: Das könnte Pan-Pot sein. Oder Phage. Wie die Vocals hier bearbeitet sind, erinnert mich total an Phage. Der ist ja auch bei Pan-Pot mit dabei.

Debug: Du liegst richtig. Das ist ein Pan-Pot-Remix für Misc.

Ruede Hagelstein: Hört man sofort. Sehr eigener Sound. Wie die einzelnen Sounds und Vocalfetzen rein und raus gehen, ist schon sehr typisch. Finde ich sehr gut. Beste Platte, die du mir vorgespielt hast.

P.S.: Einen Tag später eine SMS von Ruede: “Holden auf richtigen Boxen. Supernazi!”

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Elektronische Lebensaspekte.