Volumen ist ein schöner und legitimer Trick
Text: Anton Waldt aus De:Bug 116


Der Schweizer Samim betrat 2003 zusammen mit Michal Ho die Techno-Bühne, nach seinem Umzug nach Berlin war er vor allem im Doppelpack mit Jay Haze unterwegs (Bearback, Fuckpony bzw. Fuckaponydelic). Zwischendurch gab es aber auch immer wieder Solo-Releases, und zuletzt wälzte Samim mit “Heater” einen soliden Hitbrocken auf die Tanzfläche. Anfang September ist sein offizielles Solo-Debut-Album “Flow” auf Get Physical erschienen.

s1.jpg

Joy Division – Walked In Line
(Pearl Harbor!, Joy Division White, 1986)

De:Bug: So einen wummernden Bass stellst du ja auch gerne in düstere, mächtige Hallräume …

Samim: Stimmt. Und der Bass ist echt Wahnsinn. Gute Musik. Aber Indie-Rock habe ich nie ernsthaft gehört, das kenne ich eher von Freunden, Michal Holy zum Beispiel, der auch ein bisschen in Bands gespielt hat.

s2.jpg

Schoolly D – Am I Black Enough for You
(Am I Black Enough for You, Zomba,1989)

De:Bug: Lachst du wegen des Polterns oder weil du’s erkennst?

Samim: Weil es lustig ist. Ich kenne es aber nicht. Ich habe aber auch nie Vinyl gekauft oder Platten gesammelt. Seitdem ich 14 bin, lade ich Musik nach dem Verschleißkultur-Prinzip aus dem Netz. Manchmal ein paar hundert Stücke in der Woche, von denen ich mir vielleicht zehn richtig anhöre. Meistens kenne ich daher auch keine Titel, ich merke mir Dinge wie: Der und der Titel hat einen langen Namen, kommt im ersten Drittel unter “L”. Mittlerweile setze ich aber auch Tags …

s3.jpg

The Young Gods – Did You Miss Me?
(The Young Gods, Organik, 1987)

De:Bug: Das sollte dir schon geografisch nahe sein.

Samim: Deep Eightys. Dingsbums, also “Young Gods” oder so? OK, die haben in der Schweiz auch echt Kult-Status. Und erst vorgestern habe ich das neue Album gehört! “Fragmente”: ein bisschen antiquiert, aber echt cool. Und die Konzerte haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sehr laute Feedback-Orgien. Ende der 80er, da war ich 16 und einer meiner besten Freunde war Möchtegern-Industrial-Produzent.

s4.jpg

Astor Piazzola – Cite’ Tango
(Persecuta & Biyuya, Tropical Music, 1974)

Samim: Sehr schön. Von wann ist das? Ah, von 1974. Die einjährige Tochter von Miguel Torres, meinem Perkussionisten, reagiert extrem auf Tango! Du kannst ihr vorspielen, was du willst, aber bei Tango geht sie voll ab. Das ist wunderschöne Musik.

De:Bug: Wo kommt denn eigentlich die Quetschkommode in “Heater” her?

Samim: Ich war bei Freunden, Kolumbianern, die in London leben. Da musste ich im Studio bei einem Stück ziemlich hart lachen, eben wegen der Quetschkommode.

De:Bug: Hast du die Harmonika-Spur eigentlich mühsam freiseziert?

Samim: Nee, wir haben das richtig lizenziert. Bei der Exposure, die der Track hatte, ging das auch nicht anders. Meistens verfremde und verschnipsele ich meine Samples ja viel stärker. Bei “Heater” eben nicht so sehr, aber dass es genau so funktioniert, ist inzwischen wohl klar.

s5.jpg

Nicolette – No Government
(Now is Early, Shut Up And Dance, 1994)

Samim: Scorn? TripHop? Tricky? Bristol? Und jetzt auch noch ein Dubstep-Vorgriff? OK, Nicolette, super. Das klingt nach wie vor futuristisch. Und wenn man die Stimme zehn Oktaven runterpitchen würde, wäre es Dubstep. Drum and Bass hat meine späte Jugend stark geprägt. Ich habe mich sogar ein bisschen im Produzieren versucht, mit Michal Ho, der ja alleine ein ziemlich erfolgreicher Produzent war. Mir wurde das aber irgendwann zu schnell. Außerdem sitzen in den Zürcher Drum-and-Bass-Clubs immer diese Achtzehnjährigen bis zwei Uhr morgens mit ihren Hunden auf der Tanzfläche rum. Punks halt, ein bisschen die Häuslebesetzer-Szene. Jedenfalls reichlich obskur.

s6.jpg

L.F.O. – L.F.O.
(Pioneers of the Hypnotic Groove, Warp, 1991)

Samim: Die englische Antwort auf Detroit. Hat mich damals unheimlich abgeschreckt, dieser Hit. Danach habe ich sie gemieden, sehr wahrscheinlich zu Unrecht …

s7.jpg

Jan Driver – Kardamoon EP
(Grand Petrol Recordings, 2007)

(Großes Kuddelmuddel, da die Rillen von innen nach außen laufen.)

Samim: Das ist endgeil! Das ist aber auch mal was Aktuelles. Michael Mayer hat es am Wochenende in Holland gespielt. Ich habe ihn sogar gefragt, was das ist, aber dann direkt wieder vergessen. Da kommt gleich dieses super Break. Ja! Für mich das Highlight von Michaels Set. Dieses Break basiert komplett auf einer Sample-CD, ist aber sehr humorvoll. Gerade vorgestern habe ich eine Sample-DVD mit 3GB runtergeladen, indische Sounds und alles: So was mach ich jetzt auch! (lacht) Der Track ist jedenfalls sehr schlagfertig.

s8.jpg

Phuture – Your only Friend
(Trax House Masters, Trax Records, 1988)

Samim: Das wollte ich schon immer mal remixen. Das hatten wir sogar noch als Fuckpony ins Auge gefasst, das war DJ Pierre, oder?

De:Bug: Ja, als “Phuture”, Marshall Jefferson hat es produziert.

Samim: Aber mittlerweile hat sich die Retro-Chicago-Schiene echt ausgelutscht. Also, wie viel Jacking-House Re-Releases aus Westfalen braucht es noch? Es reicht irgendwie.

s9.jpg

Serafin & Roman Bruderer – Dream Sequence
(Mountain People, 2007)

Samim: Keine Ahnung. Mountain People? Alles klar, das hat mir Serafin sogar vor zwei Wochen geschickt. (lacht) Die ist extrem toll.

s10.jpg

Soulboy – Harmonica Track ´97
(Maxi Records, 1997)

Samim: Cool. So einen Track mit Dudelsack muss es auch geben, von ’92 oder so. Den würde ich auch gerne mal hören. Das ist wohl schon wieder eine “Heater”-Anspielung?

De:Bug: Nervt es dich schon?

Samim: Ich finde es superlustig und auf der Tanzfläche wäre ich auch euphorisiert, ganz klar. Aber zu viele Leute versuchen jetzt dieses Konzept … ein Instrumenten-Sample über einem Techno-Track als neu zu verkaufen und das ist lächerlich! Das wurde immer schon und millionenmal gemacht. Ich würde auch nie behaupten, dass ich auf diesem Gebiet irgendwelche Innovationen vollbracht habe.

s11.jpg

T99 – Anasthasia (Out of History Remix)
(Breaks, Bass & Bleeps 2, Rumour Records, 1991)

Samim: Bayreuth! Nee, UK-Hardcore. Ist das Revival eigentlich schon durch oder kommt das noch?

s12.jpg

Hardfloor – Acperience (Herbert’s Houseperience Mix)
(Eye Q Music, 1997)

De:Bug: Wie steht’s mit solchen etwas käsigen, aber todsicheren Effekten für die Tanzfläche?

Samim: Volumen ist immer ein schöner und legitimer Trick. Wenn man etwas erst leise spielt und dann nach vorne geht. Aber Sachen wie Sechzehntel-HiHats oder Snares und Rave-Sirenen, dieses ganze Minimal-Ding, alles nach oben gepitcht, das ist ein bisschen Borderline. Im HipHop klappt das wiederum noch mit den Pitches, weil es auf auf 90 Bpm viel cooler kommt.
http://www.physical-music.com/

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.