Tama Sumo gehört seit Jahren zum Inventar des Berghains im Allgemeinen und der Panorama Bar im Besonderen. Jetzt hat die ausgewiesene Deephouse-Expertin hat jetzt ihre erste Mix-CD auf dem Club-eigenen Label vorgelegt. Anlass genug für den zweiten ausgewiesenen Deephouse-Experten der Republik, Finn Johannsen, ihr Platten vorzuspielen. Ein Gipfeltreffen.
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 137

A.R. Kane – A Love From Outer Space (Rough Trade) 1989

Tama Sumo: Ich mag die Grundstimmung, das ist schon sehr cheesy, sehr fröhlich … Er kann gar nicht oft genug “She loves me” singen und in der Musik kommt diese Happiness auch ganz gut durch. Wäre trotzdem keine Platte, die ich mir kaufen würde. Ist das aus den 80ern?

De:Bug: 1989, von der englischen Band A.R. Kane. Das kommt von einem Doppelalbum, wo die eine Seite experimenteller Noise-Kram ist und die andere Hälfte komischer Pop-House.

Tama Sumo: Irgendwie ganz süß, nur: Würde ich mich dazu auf der Tanzfläche bewegen? Das ist vielleicht auch nur das platte DJ-Ohr, aber Gitarren-Pop tickt bei mir nicht wirklich an. Gib mir einen Shaker und Claps und ich habe ganz viel Glücksgefühlausstoß.

Yellow Magic Orchestra – Taiso (Alfa) 1981

Tama Sumo: Ich mag dieses Zwischengeräusch. Das Schlagzeug gefällt mir nicht, zu rockig, dafür gefällt mir das Klavier total gut. Es kriegt etwas leicht Melancholisches, das kriegt mich sofort … aber jetzt nervt es mich komplett. Jetzt hat es verloren.

De:Bug: Das ist von Yellow Magic Orchestra von 81.

Tama Sumo: Irre, für die Zeit der Hammer. Aber das Stück hat viele verschiedene Gesichter. Eben noch schön chillig, lässig und jetzt passiert mir wieder zu viel auf einmal.

Lowtec – Angstrom (Polyfon) 2009

De:Bug: Etwas ganz Aktuelles, ein Redaktionshit.

Tama Sumo: Okay. Das finde ich tatsächlich ganz hübsch. Ein bisschen düster, aber gleichzeitig auch ganz entspannt, da kann man sich reinlegen und dahinfließen, aber man kann auch schon ein bisschen Wackeln. Kann ich mir für ein Anfangsset zum Reinkommen superschön vorstellen.

De:Bug: Das ist eine neue Lowtec.

Tama Sumo: Wo du es sagst, ist es gar nicht so abwegig.

Terre Thaemlitz – Hush Now (DJ Sprinkles Broken Record Mix) (Public Record) 2006

Tama Sumo: Alt?

De:Bug: Ulkiger Weise nicht. Das Knacken ist Konzept, es gehört dazu.

Tama Sumo: Das ist mir ein bisschen zu inflationär eingesetzt. ein bisschen dezenter fände ich angenehmer. Und ich finde das Vocal-Sample total blöd, dieses zu coole “Hey Hey Hey”. Nicht mein Track.

De:Bug: Das ist Terre Thaemlitz im DJ Sprinkles Remix.

Tama Sumo: Das ist schade, weil an sich wäre es toll. Ich würde das Sample rausnehmen und das Knistern reduzieren, dann wäre es echt super. Denn es hat einen tollen Oldschool-Charakter, eine schöne Stimmung.

De:Bug: Eigentlich eine sehr konsequente Haltung, etwas so Schönes zu verhunzen.

Tama Sumo: Das ist natürlich ein Argument, aber was nützt eine konsequente Haltung, wenn es mich nervt.

K.E.L.S.E.Y. – Baby Can (Infonet) 1992

Tama Sumo: Nehm’ ich. Ist das auch Anfang der 90er?

De:Bug: Ja, das ist von 92, K.E.L.S.E.Y., also Mark Kinchen. Er hat ja diese sehr merkwürdige Art Vocalsamples zu machen.

Tama Sumo: Ich finde die ja geil. Sehr leidenschaftlich, ein bisschen leidend. Aber ohne dass es nervt. Sehnsuchtsvoll.

De:Bug: Das ist die klassische Deep-House-Orgel, die in Hunderten von Tracks vorkam. Hast du so etwas gespielt, als du angefangen hast aufzulegen?

Tama Sumo: Auch, das waren dann die guten Sachen, aber es gab auch viel Schlechtes! (lacht) Ich fand damals beispielsweise Junior Vasquez toll, obwohl ich ihn inzwischen echt schlimm finde, ganz gruselig.

De:Bug: Also ein bisschen Großraum-House-Imperativ?

Tama Sumo: Genau. Der Witz ist, dass ich mir damals manchmal Platten gekauft habe, weil mich irgendjemand im Hardwax dazu überredet hatte und ich erstmal dachte: “Ja, ganz schön, aber nicht für den Club.” Wenn ich diese Platten heute wiederfinde, bin ich froh, dass ich sie zu Hause habe. Ich habe diese Musik also auf dem zweiten Bildungsweg entdeckt. Früher habe ich dagegen eher Sachen wie Junior Boys Own, Strictly Rhythm oder diesen treibenden England House gespielt. Aber Mark Kinchen habe ich damals auch schon ab und zu gekauft, etwa das großartige “Burning”.

Never On Sunday – Memories Of You (430 West) 1996

De:Bug: Nochmal Detroit – woran merkt man das eigentlich immer sofort?

Tama Sumo: Gute Frage. Das ist ein bestimmtes Gefühl, von dort kommt sehr viel Melancholie. Chicago ist dagegen eher dieses “Checking, Na Na Na”. Detroit ist dagegen schöner Weltschmerz.

De:Bug: Flötenhouse, despektierlich gesagt.

Tama Sumo: Genau. Relativ dezent, eben nicht mit dem Ausrufezeichen, es muschelt sich schön rein. Dieser Track ist ganz großartig! Da gehen bei mir alle Lampen an, da kommt fast Gänsehaut! (Seufzt sehnsüchtig) Ich schmelze dahin. Schön. Einfach nur bezaubernd.

De:Bug: Das sind Octave One von ´96.

Tama Sumo: Können wir mal kurz auf Discogs gehen? Das kommt auf meine Wantlist, die ist inzwischen ellenlang. Auch wenn es mir für kleine Second-Hand-Läden Leid tut, aber bevor ich durch tausend Läden renne, gucke ich halt auf Discogs.

No Guilt – Playtime (Pow Wow) 1992

Tama Sumo: Da leidet jemand. Das Stück wirft mich gerade von links nach rechts, ich weiß noch nicht so genau. Das ist ein Gefühl im Bauch, als ob eine Transe vor mir stehen würde. (lacht) Das Bild krieg ich jetzt nicht mehr raus. Da könnte man was draus machen. (lacht)

De:Bug: Der Track ist von Pal Joey.

Tama Sumo: Nein! Okay.

De:Bug: Diese Version ist nur auf einer Compilation rausgekommen, die Vocals kommen von Ultra Naté. So etwas ist heute schwierig unterzubringen, oder?

Tama Sumo: Aber wenn es diesen einen richtigen Moment gibt, kann das Stück der Hammer sein – in so einer Sonntagnachmittags-Stimmung in der Panorama Bar.

De:Bug: Aber zu diesem Punkt muss man erstmal kommen.

Tama Sumo: Genau. Dafür gibt es im Jahr vielleicht zwei, drei Momente und wenn man sie dann aber dabei hat, ist es ganz großes Kino.

Wall Of Sound – Critical (Eightball) 1993

Tama Sumo: Erinnert mich schon wieder an die frühen 90er, ist aber alles zu honigsüß, zu nett, zu … Obwohl, es ist nicht ganz furchtbar, eher so mittendrin.

De:Bug: Das ist Mood II Swing.

Tama Sumo: Ok. Mood II Swing ist bei vielen Sachen zu luftig, zu “Haa Haa”. Da würde ich im Club stehen und denken: “Na ja, dann warten wir nochmal so drei-vier Stücke ab.”

De:Bug: Wie oft kommt es heute noch vor, dass du eine Vocal-House-Platte findest, die du sogar spielen würdest?

Tama Sumo: Relativ häufig, aber dabei sind die Vocals reduzierter. Schon ein bisschen trackiger und gerne auch dreckiger.

Coke Escovedo – I Wouldn’t Change A Thing (Mercury) 1976

Tama Sumo: Ich habe lustige Bilder im Kopf. Witzigerweise vom Strand. Irgendwas à la “Miami Beach”.

De:Bug: Wir hören aber ein altes Soulstück von 1976.

Tama Sumo: Seine Stimme mag ich ganz gern, die Frauenstimmen sind nicht so meins, da mag ich eher ein bisschen tiefere, ich stehe eben mehr auf schwarze Stimmen.

De:Bug: Wie ist denn dein Verhältnis zu Disco?

Tama Sumo: Eigentlich ganz gut. Ich mag sehr viele Sachen, aber ich kann auch gut nachvollziehen, warum House Disco ein wenig abgespeckt hat. Diese Disco-Musik aus den 70ern ist zu viel, zu opulent. Da knallen bei mir manchmal die Synapsen durch.

Traxx – Introspective (Nation) 2009

Tama Sumo: Fast schon 60er-Jahre mäßig. Da lugt etwas durch. Ich kriege nicht wirklich eine Schublade dazu auf und das muss gar nicht schlecht sein.

De:Bug: Das ist das erste Stück vom anstehenden Album von DJ Traxx.

Tama Sumo: Interessant gemacht. Bisschen düster, geheimnisvoll und macht neugierig. Auf eine Art erdet es und das kann für vieles der Grundstein sein.

De:Bug: Schön primitiv zusammengehauen ist es auch.

Tama Sumo: Finde ich prima. Bei neuen Produktionen klingt zu viel so clean, ein bisschen zweidimensional. Dieser Track ist dagegen nicht ganz perfekt, diese Maschinen machen nicht alles hundertprozentig und das macht es so charmant.

De:Bug: Du magst den analogen Sound.

Tama Sumo: Total, ja. Das ist auch ein Grund, warum ich so lange nicht produziert habe, weil ich gar nicht so viele Geräte besitze. Ich brauche die Haptik und ich finde es auch von den Sounds her toll. Bei ganz vielen neuen Produktionen hört man, dass es Rechnermusik ist und das ist tatsächlich nicht so griffig, zu sauber. Wahrscheinlich ist das der Berlin-Einfluss, ich fand es auch in Clubs immer ein bisschen dreckig viel netter. Ende der 90er war es ja mal eine zeitlang modern von dem ganzen Keller-Gedöns wegzukommen und schicke Clubs zu machen. Aber da funktioniert für mich Party nicht. So ein bisschen gepflegter Dreck gehört für mich dazu.

Boards Of Canada – Trapped (Short Slow Mix) 2007

Tama Sumo: Mmmh – Nein! Ich mag das Original schon sehr gern. Da muss ich wieder die Sehnsucht bemühen: Die Stimmung, die das Original von Colonel Abrahams erzeugt – dieses Longing …

De:Bug: Das sind Boards Of Canada in einer unreleasten Version.

Tama Sumo: Die haben schöne Sachen gemacht, die ich sehr mag, aber das ist ganz schlimm. Ich seh da den Sinn nicht, wieso muss man sowas tun?

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. isabell

    Wirklich spannend und sehr interessant zu lesen, vielen Dank für das Interview! 🙂