Traxx aka Melvin Oliphant III ist aus Chicago, DJ seit Ewigkeiten, Labelbetreiber von Nation Records. Ein Musikverrückter, wie er im Buche steht.
Text: Ji-hun aus De:Bug 138

Wenn er über Musik spricht, dann geht es um Liebe, Wahrheit, Herz und Seele, als gäbe es nichts anderes auf dieser Erde, was ja gewissermassen auch stimmt. Ein Mann mit einer deepen Message. Daher wurden es auch nur drei Tracks, die wir gemeinsam gehört haben. Viel zu erfahren gab es dennoch, zum Beispiel über den mysteriösen mathematischen Code des Discjocks.

Psychic TV: Joy (Live en Suisse, Temple Records, 1987)

De:Bug: Erkennst du das?

Traxx: Nein, aber ich muss sagen, dass ich das wirklich gut finde. Der Stil ist sehr relevant für die Zeit, die ich als mein Dark Age der Musik bezeichnen würde, die 80er. Es ist so pur, düster und emotional.

(dunkle Stimmen kommen aus den Lautsprechern)

Traxx: Wie sich sagte, der Teufel spricht zu mir durch die Musik (lacht).

De:Bug: Es ist Psychic TV.

Traxx: Verdammt, wo du‘s sagst. Für mich ist der größte Jammer, dass ich sie gestern in Berlin verpasst habe. Sie gehören mit Throbbing Gristle zu meinen absoluten Legenden. Die habe ich ja dieses Jahr in Chicago erlebt und das war mit Abstand eines der wichtigsten Konzerte, die ich je gesehen habe.

De:Bug: Siehst du einen Zusammenhang zwischen deinen Technoproduktionen und dem Stil der 80er, den du gerade beschrieben hast?

Traxx: In Bezug auf Psychic TV muss ich sagen, dass sie einen Sound gemacht haben, bevor es eine Kategorie dafür gab. Sie bringt dich, auch wenn das häufig falsch interpretiert wird, auf eine Reise. Dieser Track gerade hat mich sofort reisen lassen. Ich bezeichne mich als Discjock und dafür ist dieser Sound eine extrem wichtige Säule. Es gibt wenige Leute, die mein Leben wirklich beeinflusst haben. Einer ist Ron Hardy und eine weitere Person ist Larry Levan, bei dem ich diverse Sessions miterlebt habe. Heute finde ich Daniele Baldelli enorm inspirierend. Was er getan hat und noch immer tut, ist nicht in Worte zu fassen. Das ist mein jetziges Bemühen, diese Momente in meine Definition von Jakbeat zu bringen. Es soll nicht nur Chicago sein, sondern ein universeller Ausdruck ohne Grenzen. Wichtig sind die Dinge, die man erreicht hat, die jenseits der Kategorie Chicago ablaufen, weshalb Ron Hardy auch so groß ist, den ich kennenlernen durfte, weil wir aus derselben Stadt kommen. Hardys Musik kennt keine Zuordnungen, keine Genres. Das ist es, was er sagen wollte: Du musst deine eigene Blaupause sein.

Revolting Cocks – 38 (Big Sexy Land, Wax Trax! Records, 1986)

Traxx: Das ist Revolting Cocks, Big Sexy Land, eine enorm wichtige Platte. Ich würde sagen, sie kommt aus den späten 80ern. Dieser Track spiegelt genau das wieder, was ich sagen wollte. Es nimmt die Grenzen weg, die Art, wie diese Nummer gemacht wurde, das Warehousefeeling, nur die wenigen Noten zu spielen, die es wirklich braucht, um diese stechende, stagnative, warme, rhythmische Offenbarung zu erzeugen. Solche Tracks haben es ermöglicht, geschmeidige Übergänge aufzulegen, hinzu kommt die Emotionalität der Vocals.

De:Bug: Wie bist du zu diesem Sound gekommen?

Traxx: Dieser Track setzt genau da an, wo Ron Hardys Music Box aufgehört hat. Bis dahin waren die Events in großen Messehallen, Hotels oder Auditorien. Dann hat sich alles aufs Medusa‘s konzentriert. Dabei rede ich vom allerersten Medusa‘s. Dort wurde etwas Nachhaltiges in den Dance gebracht, indem man EBM, Industrial und die anderen Einflüsse in einen Tribe überführte: Pigface, Front 242, dazu Acid, Tricky Disco, die allerersten Warpsachen, experimentelle Tracks aus der Stadt.

De:Bug: Beschreib doch mal, wie es im Medusa‘s abging.

Traxx: Revolting Cocks sind ja ein Nebenprojekt von Ministry und die haben den damaligen Vibe durch ihre Offenheit und ihren Mut auf ein anderes Level gebracht. Diese raue Kraft und Intensität, die in Chicago zu der Zeit eben vorherrschte. Da gab es einen Medusa‘s-Floor, wo Mixmaster Morris Ambient und Experimentelles gespielt hat, Cabaret Voltaire, Video TV, all das Zeug. Dann im zweiten Floor lief EBM, Bands haben live gespielt. Unten gab es noch einen Floor, wo alle Stile gemixt wurden. Das war ein richtiger Think Tank, von Tommy Boy Records, über Phuture oder Neal Howard, die haben alle dort gespielt. Dann kam Rush und das Konzept ging richtig aus den Fugen. Die Leute sind wahnsinnig geworden. Es gab einfach nicht mehr den Punkt, an dem man mit dem Tanzen aufhören wollte.

De:Bug: Wenn du von den damaligen Synergien sprichst, siehst du heute noch ansatzweise etwas ähnliches?

Traxx: Jetzt im Allgemeinen oder in Chicago? Weil man sagen muss, dass Chicago heute nicht mehr stattfindet, wobei ich alles in meiner Kraft stehende tue, um das wieder zurück zu bringen. In Europa ist es was anderes, gerade aus Deutschland habe ich immer besonders viel Support bekommen. Seit 14 Jahren. Aber wenn ich mich umsehe, dann muss man feststellen: Nein, so wie damals wird das alles nicht mehr. Heute gibt es wenige Leute, von denen ich glaube, dass sie das noch können. Josh Werner von Antenna International wäre so einer. Er hat viel mit DJ Sneak zusammen gemacht und arbeitet noch immer bei Grammophones Records, einem recht großen Plattenladen in der Stadt. Werner ist eine laufende Bibliothek über Musik der letzten 20 Jahren. Leute wie er bringen den Soul und das Herz zurück. Oder auch Trevor Jackson, den ich großartig finde.

De:Bug: Aber was fehlt dir heute genau in den Clubs, wenn du als DJ spielst?

Traxx: Ich bin kein DJ. Ich bin ein Diskjock! Ich mach doch nicht den Scheiß, den jeder andere macht. Ich habe noch nie nach den Regeln gespielt, mir geht es darum, Regeln zu schaffen und sie zu brechen.

De:Bug: Wie sehen diese Regeln aus?

Traxx: Dass es keine wichtigere Regel gibt, als dass Musik tief und ehrlich aus deinem Herzen kommt. Und genau das fehlt in der heutigen Musik. Promoter sind nicht mehr mutig genug, etwas auszuprobieren. Jeder Club der Welt will die sichere Nummer schieben und mit genug Geld ins Bett gehen, selbst die Panoramabar muss ihre Rechnungen zahlen, leider läuft es so. Aber die Betreiber von Läden und die Labels müssen alle eine offenere Sicht der Dinge bekommen. Man muss Leuten engagieren, die visionär sind. Ich zähle mich dazu. Auch wenn das jetzt arrogant klingt, aber man muss der Wahrheit Gehör verschaffen. Man sieht die gleichen Leute überall das Gleiche spielen. Dadurch wird der Gesellschaft so viel weggenommen, vor allem die Möglichkeit Sachen zu erfahren und neu zu erleben. Es dreht sich alles ums Optische, ums Gut-Aussehen, versuchen nonchalant zu sein. Aber was ist aus dem Tanzen geworden? Du fragst, was mit den Leuten los ist? Wieso die nicht mehr tanzen? Wieso sie unzufrieden sind? Weil sie der Musik nicht mehr erlauben Musik zu sein! Brecht die Formate!

Linkwood Family – Piece Of Mind (Firecracker Recordings 2007)

Traxx: Ich habe zwar keinen blassen Schimmer, was es ist, aber ich mag es. Darf ich das Cover sehen?

De:Bug: Gerne, es ist Linkwood Family auf Firecracker Recordings.

Traxx: Wow, das Artwork ist wirklich on fire. Das Design ist, wie der Label-Name sagt, ein richtiger Chinaböller (lacht). Es explodiert förmlich und ergänzt den Track derart perfekt. Das Cover komplettiert das Funkige, das Cosmichafte und Trippige der Nummer. Und es würde auf einer Party super funktionieren.

De:Bug: Was magst du nicht an dieser Platte?

Traxx: Gar nichts. Der Track ist cool, den mag ich.

De:Bug: Wenn du den spielen würdest, wann wäre das in deinem Set?

Traxx: Darüber habe ich gerade nachgedacht. Es ist der Ton der Musik, der einen gewissen Punkt anvisieren kann. Wenn ich performe, dann spricht eine Konstellation zu mir. Die Frage, wie man so einen Track einbaut, ist die nach dem Level. Wenn ich diesen Part hätte, mit diesen Doublesteps und Breaks, dann würde ich darüber eine Platte spielen, die nicht zu verrückt ist. Aber abhängig von der Stimmung, arbeite ich immer mit Zahlen. Also müsste ich erstmal mathematisch den Code dieser Platte analysieren. Ob ein Achttakt- oder 16-Takt-Pattern, das muss man erstmal wissen.

De:Bug: Du hast bei jeder Platte einen „mathematischen Code“ im Kopf?

Traxx: Auf jeden Fall. Den weiß ich bei jeder Platte. Denn es ist wichtig zu wissen, ob es passt, wenn ich die nächste Platte auf die Vier der 16 Takte des laufenden Tracks bringen kann, anstatt auf der Zählzeit Acht. Weil irgendwann stehen sich die Tracks gegenüber.

De:Bug: Wie sieht dann die Traxx-Formel aus?

Traxx: Jetzt mit Zählzeiten wie 8,16 oder 24 zu arbeiten, ist erstmal nur Zahlenarbeit, dennoch weißt du ja nicht, was ich exakt tue. Ich hoffe, du weißt nicht, was ich tue, sonst würdest du meine Formel kennen. Aber im Ernst, während eines Übergangs kann es ja passieren, dass die Platte springt. Wenn das passiert, muss man damit hantieren können. Angenommen ein Track springt bei Takt 23 und läuft nicht bis Takt 24 aus und die andere Platte hat 16 Takte, dann gehe ich mathematisch an die Sache ran, damit der Code wieder funktioniert. Eine Platte hat 24 Takte und dann kommt die 17 und auf der anderen Seite laufen 16 Takte, was machst du?

De:Bug: Die Differenz rewinden?

Traxx: Hmm, genau! Das ist die Antwort. Du meinst also du machst keinen Cut, sondern lässt die Platte rewind im Takt laufen bis es wieder passt?

De:Bug: Ja.

Traxx: Smart. Das ist eine meiner Formeln. Die Theorie hast du verstanden, jetzt musst du es nur noch ausführen können. Mal gucken, ob du es dann noch mit mir aufnehmen kannst (lacht). Weil gerade Disco hat ein Metronomproblem, viele Platten sind nicht tight, heute ist alles auf dem MIDI-Click, aber damals musste man diese Dinge auf untighte Beats anwenden, das ist noch mal was anderes. Ich bin weiterhin der Überzeugung, dass es nur wenige Leute gibt, die diese Kunst im Ganzen wirklich beherrschen.

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Elektronische Lebensaspekte.