Mit drei EPs auf Third Ear Recordings hat sich der Jungspund schon tief in die Herzen der House-Afficionados gespielt.
Text: Sven v Th aus De:Bug 139

Dank seiner älteren Geschwister wurde dem 23-jährigen Wbeeza schon früh ein Paralleluniversum fernab des sonst dominierenden Gangsta-Rap eröffnet. House Musik. Mit seinen drei EPs auf Londons Edel-House-Label Third Ear Recordings hat sich der Jungspund schon jetzt tief in die Herzen der House-Afficionados gespielt. Nach seinem ersten Berlin-Gig im Tape Club haben wir zusammen ein paar Platten gehört.


Trus’me – Sucker For A Pretty Face (Fat City, 2009)

Wbeeza: Singt der “I am just a sucker looking for some sugar!”? Ha, cool. That’s pimping. Das groovt wie Sau, da bin ich sofort dabei. Wer ist das?

De:Bug: Trus’me aus Manchester. Von seinem neuen Album. Die Vocals sind von Paul Randolph aus Detroit.

Wbeeza: Die Namen sagen mir was. Ich glaube Guy (McGreery, Labelboss von Third Ear) hat die mal erwähnt. Ich fange gerade erst wieder an, richtig Musik zu hören. Seit ich selber Musik mache, habe ich mich auf meine eigenen Beats konzentriert, kein Radio mehr gehört und bin nicht mehr ausgegangen. Vier Jahre lang gab es nur mich und mein kleines Zimmer, in dem ich an meinem Rechner saß. Ich konnte nicht anders, ich war auf einer Mission. An Beats basteln macht süchtig.

Wenn mich meine Freunde sehen wollten, dann mussten sie zu mir kommen. Aber es hat sich gelohnt. Nur zu Besuch bei meinen älteren Brüdern, habe ich bewusst Musik gehört. Und bei denen lief Soul und Funk. Alte Tapes, Vinyl. Die Musik, die meine Freunde, die meisten Kids bei mir in der Gegend hören, interessiert mich nicht sonderlich. Ich höre auch Gangsta Rap, aber ich liebe House. Meine Freunde verstehen House nicht. Hätte ich keine älteren Geschwister mit großer Plattensammlung, wäre ich wahrscheinlich auch nie auf die Idee gekommen, meine Ohren für House zu öffnen.

Ich kann mich auch an ein Tape erinnern, das über die Jahre immer wieder lief. Es war eine Radioshow aus den USA und der Moderator hatte diese seltsame Roboter-Stimme, die mich total irritiert hat. Aber die Tunes, die er gespielt hat … unfassbar. Ich weiß bis heute nicht, wer der Moderator ist und das Tape ist leider mittlerweile kaputt. Aber ich habe damals angefangen, alles aufzusaugen. Als ich elf war, hatte mein Freund Mark ein Tape, auf dem stand nur “US Mike Huckaby”. Das war auch so ein legendäres Tape. Jedes Mal, wenn ich bei ihm war, habe ich ihn danach gefragt, aber er wollte es mir nie leihen. Ohne es zu wissen, habe ich so eine Menge gelernt, was ich erst bemerkte, als ich selber mit dem Musikmachen anfing. Ich wollte nie nach London klingen. Mein Sound sollte global sein.

Raze – Break 4 Love (Champion, 1988)

Wbeeza: Oh, das klingt so fröhlich. Von wann ist das?

De:Bug: Späte Achtziger. War ein großer Hit in Großbritannien.

Wbeeza: Achtziger … wow. Das höre ich viel lieber als diesen modernen Scheiß. Es klingt roher. Pur, hat mehr Energie. Ich liebe auch Sachen aus den Siebzigern: Roy Ayers, Donald Byrd. Das inspiriert mich. Ich sample eine Menge, verwende lieber ein Trompeten-Sample von einer Funk-Platte aus den 70ern als ein Soft-Synth-Preset. Diese MIDI-Scheiße. Das klingt alles künstlich. Fake.

De:Bug: Und jetzt gehst du regelmäßig zu deinen Brüdern und stöberst durch deren Plattenregale?!

Wbeeza: Auf jeden Fall. Früher lief es meistens so, dass wir Xbox gespielt haben und nebenbei lief Musik. Und immer, wenn ein Tune kam, in dem mich etwas gepackt hat, ein Trompeten-Solo, ein Gitarren-Lick, habe ich mein Telefon rausgeholt und den Track aufgenommen. Das habe ich dann meinem Bruder oder seinem besten Kumpel Ammo vorgespielt, damit sie mir die Platte raussuchen. Das ist meine musikalische Ausbildung. Ich spiele kein Instrument, aber wenn ich zum Beispiel Roy Ayers höre, dann lerne ich, wie er spielt. Ich lerne seine Virtuosität, die Musikalität zu schätzen. Guy hat mich gerade auch mit einer ganzen Menge Musik versorgt. Vor allem Miles Davis. Sampling ist tricky. Jeder kann es und es gehört nicht viel dazu. Aber es ist höllisch interessant, wenn jemand kreativ mit Samples umgeht.

Archie Bell & The Drells – Strategy (Philadelphia International, 1979)

Wbeeza: Ja, das ist es! Das ist der Sound, den ich jetzt höre. Den ganzen Tag (summt die Melodie mit). Siehst du, ich habe keine Ahnung, von wem der Track ist, aber ich kenne die Melodie. Wer ist das?

De:Bug: Archie Bell.

Wbeeza: Großartig. That’s the jam!

Juju & Jordash – El Silencio Parte 1 (Deep Explorer, 2008)

Wbeeza: Cool. Schon wieder so eine Platte, die einen großartigen Groove hat. Schön langsam. Die haben Soul. Wo kommen die her, aus Deutschland?

De:Bug: Das sind Juju & Jordash, die kommen aus Tel Aviv, wohnen aber seit einer Weile in Amsterdam. Bevor sie angefangen haben, elektronische Musik zu machen, haben sie vor allem in diversen Jazz-Bands gespielt.

Wbeeza: Aus Israel? Mann, es ist so verrückt, meine Freunde würden sich das nie anhören. Dabei kann man dabei so viel lernen. Es ist wichtig zu wissen, wo was herkommt. Dass man die Geschichte und die Hintergründe zu der Musik kennt.

De:Bug: Wann hast du eigentlich wieder angefangen Musik zu hören?

Wbeeza: Als ich vor zwei Jahren Guy getroffen habe. Ich hatte damals keine Ahnung, wer er war. Die Freundin eines Kumpels lud uns ins Fabric ein, vorher war ich noch nie wirklich clubben. Als ich dann auf dem Mainfloor stand, war ich für einen Augenblick vollkommen überfordert. So viele Menschen und dann dieser kristallklare Sound. In der Nacht stand ein “Third Ear”-Showcase mit Norm Talley, Delano Smith und Mike ‘Agent X’ Grant auf dem Programm. Beatdown.

Die drei haben in Raum Drei gespielt, der kleinste und intimste in der Fabric. Ich war total geflasht, wie sie nach Belieben das Tempo wechselten und dabei nichts an Intensität einbüßten. Und dann habe ich Guy gesehen, mit seiner gelben Sonnenbrille, wie er durch den Raum wirbelte. Kurz darauf wurden wir vorgestellt. Und später sind wir dann alle mit ins Hotel und haben mit Delano, Norm und Mike noch ein bisschen gechillt und Musik gehört. Die Beatdown-Jungs sind Legenden. Oldschool Cats.

Die machen als DJs, was sie wollen, haben den Groove. Es gibt beim Auflegen keine Regeln, hat Mike zu mir gesagt. Spiel, wie du willst. Das hat mich inspiriert. Mike ist dann noch ein paar Tage in London geblieben und kam zu mir ins Studio und hat sich meine Tracks angehört. Er fand sie so gut, dass er direkt Guy anrief. Der ist dann mit einem Taxi vorgefahren, hat sich alles angehört ohne etwas zu sagen, und ist dann wieder verschwunden.

Imagination – Changes (Larry Levan Remix) (Black Beats, 2003)

Wbeeza: Das kommt aus den Achtzigern, oder? Super. Es war so viel härter, damals Musik zu machen. Heute brauchst du nicht mal mehr ein Keyboard. Als ich angefangen habe, habe ich alles mit der Maus programmiert. Mittlerweile arbeite ich anders, aber am Anfang saß ich einfach nur stundenlang gekrümmt vor meinem Rechner und habe Kästchen hin und her geschoben. Das klang dann auch genauso steif. Ich wusste es noch nicht besser. Ein Produzent, auf den ich in letzter Zeit total abfahre, ist Armando.

Seine Sachen sind so direkt, so roh und so simpel. Aber es geht um die Idee, die Intensität. Er ist vor ein paar Jahren gestorben, oder? Eine Schande. Meine Generation kann sich von ihm noch einiges abgucken. Am Wochenende im Tape Club hier in Berlin kamen Leute zu mir und meinten, dass ich der Londoner Omar S wäre. Ich weiß ehrlich nicht so genau, was ich damit anfangen soll. Aber Feedback ist wichtig für mich. Ich versuche nur meine Hood zu repräsentieren, Peckham. Es gibt ja sonst niemanden, der dort House produziert. Obwohl ich auch schon HipHop-Beats gemacht habe – für meinen Kumpel Giggs.

Er hat mittlerweile eine Menge Fans. Die ganzen Kids hören seine Tracks auf ihren Handys, was man halt so macht. Letztens war ich im Supermarkt und zwei kleine Stresser gucken mich im Gang des Supermarkts schief an, während ich auf der Suche nach meinen Crisps bin. Sie taxieren und mustern mich. Aus ihren Handys plärrte ein Beat, den ich für Giggs produziert hatte. Da musste ich lachen. Das ist eben Peckham. It’s all good!

2 Responses

  1. De:Bug Musik » The House Sound Of London

    […] Nach drei EPs erscheint im November das Debüt-Album des Londoner Deep-House-Youngsters Wbeeza auF Third Ear Recordings. Das bis jetzt noch namenlose Album soll 17 Tracks featuren. Sobald wir mehr Infos haben, melden wir uns wieder. Bis dahin wollen wir euch noch mal unser “Musik hören mit”-Interview mit dem sympathischen 23-jährigen ans Herz legen. Das findet ihr hier. […]