Warum ein großes Studio finanzieren, wenn man eine Playstation hat!? Musik auf der Konsole ist ein alter Hut, ob aber ein neues System wie Jesters "3000" wirklich ausreicht für gute Tracks, weiß Nils Dittbrenner. PS2 vs. Tradition.
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 84

Jesters “3000”
Musik auf der Playstation
In the Mix

Der Gedanke, Konsolenhardware zum Musikmachen zu gebrauchen, ist nicht sehr neu. Bereits Mitte der 80er wurde mit dem Famicom Keyboard gespielt, kleine Sequenzer erschienen, um Soundchips anzusteuern; doch erst seit der ersten Playstation wurde der Fernsehbildschirm auch zum Verschieben von Samples benutzt. Dies geschieht seitdem in der altbekannten Music-Maker-Manier, sprich: Allerlei vorgefertigte Klänge (Riffs) sind in Bänken (Drums, Bässe, Melodie, …) abgelegt und dürfen nach Gutdünken miteinander kombiniert werden, um mehr oder weniger abwechslungsreiche Tunes zu schaffen. Die in diesem Marktsegment führende ”Music“-Reihe der englischen Software-Schmiede Jester ist nun mit ”3000“ in der dritten Generation erschienen und wartet mit allerlei Altem und ein wenig Neuem auf. Die Qualität der mitgelieferten Samples ist dabei weiterhin ein Punkt, an dem sich die Geister scheiden dürften. Schließlich sind sie das wichtigste klangästhetische Merkmal im am Ende erklingenden Track. Das Riff-Rohmaterial gliedert sich auch bei Music 3000 in Kategorien wie Trance, Garage oder HipHop, welche uns schon mal vorwarnen. Doch Augen zu und durch, nach ein wenig Durchhören lassen sich die interessantesten der Riffs mit dem Pad ein wenig umständlich zwar aber doch schlüssig unter- und nebeneinander arrangieren. Das Sequenzerfenster ist dafür zwar recht fisselig, aber das Anklicken winziger Icons auf der Mattscheibe sowie das Entziffern von Kleinstfonts will bei Music 3000 eh gelernt sein. Optional zu Music 3000 gibt es einen kleinen USB-Sampler, der einen Line- und Mic-Eingang samt dazugehörigem Mini-Mikrofon bietet. Mit diesem lässt sich eine nette Neuerung verwenden: das ”V2M“ (Voice to Music)-System, welches eine eingepfiffene Melodie dank eingebauter Samplebank zu eigenen Melodie-Riffs umwandelt. In der Praxis zeigte sich dieses Gimmick mäßig überzeugend. Der Sampler an sich funktioniert recht zuverlässig, auch wenn die Soundqualität insgesamt nicht mit dem richtigen Computer mithalten kann und eine 8MB-Playstation-Memorycard leicht an ihre Grenzen stößt. Beim kreativen Sequenzen stört vor allem die nicht vorhandene Möglichkeit, Riffs auch zu unterbrechen, um Breaks einzuarbeiten. Das Programm gibt sich taktbasiert, da gibt es kein Rütteln. Und wenn ein Riff mal vier Takte lang ist, wir aber nur die letzten zwei benutzen wollen!? Pech gehabt … Abhilfe schafft hier erst das Selberbasteln im Riff-Editor, wo auf die gesamte Einzelsample-Bank zugegriffen werden kann und diese dann in guter alter Tracker-Manier zu neuen, wirklich eigenen Riffs zusammengesetzt wird. Selbst ein Sample-Editor ist vorhanden, dieser kommt aber ohne wirklich interessante Editing-Parameter aus. Neben dem Sequenzer beinhaltet Music 3000 auch einen Mix-Modus, welcher jedoch keinen Zugriff auf eigens eingesampletes Material bietet, sondern nur auf vorgefertigte Sets von Riffs. Angesichts der funky Remix-Modus-Konkurrenz der Musikspiele Frequency und Amplitude, die ebenso auf Vorgekautem basieren, tut sich der Mix Modus aber recht schwer. An Effekten gibt es leider nur 4: einen recht flachen Lowpass-Filter, ein Delay, einen Chorus und einen Hall. Mit je zwei Parametern nicht gerade das Parameter-Paradies, aber das darf man wohl auch nicht erwarten. Leider kommt Music 3000 auch noch ohne bedruckte Anleitung daher und die Tutorials erklären zwar alles mal so lala, aber nicht zusammenhängend an z.B. einem Track und so bleibt die Software nur für wirklich verzweifelte, computerlose Produzenten zum Musizieren mit der Playstation2 die erste Wahl; Spielkinder, die nach dem ersten eigenen Trance-Track gleich noch ein Video dazumischen wollen, werden sich nach ein bisschen Einarbeitungszeit über die Ergebnisse freuen. Alle, die bei selbst produzierter Musik jedoch auf annehmbaren Klang und auf eine leichte Bedienung der Komponierhilfe Wert legen, vertrauen doch lieber auf die vielfältigen, professionelleren Lösungen, und sei es einer der vielen Music Maker für Personalcomputer, welche in der letzten Zeit ja auch schon überraschend weit aufgeholt haben. Da reißen auch die wechselbaren Skins und die vielfältige Sampleauswahl nicht viel raus.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.