Text: ed aus De:Bug 27

Aus dem gewöhnlich so überzeugenden Hause AshRip kommt die Compilation ANTITRADE mit vielem Unveröffentlichtem von Leif Elggren, Hazard, S.E.T.I., Disinformation, aer und Bruce Gilbert. Fast all die genannten Projekte bewegen sich im seit fast einem Jahrzehnt schon klassisch anmutenden Knortz-Umfeld. Leider muss eine detaillierte Besprechung noch immer aus Mangel an treffendem Vokabular ausbleiben. Es bleibt festzuhalten, dass ihr digitales Rattern und Knottern wie gewusst zu nichts führt und eben daran der Hörgenuss festzumachen ist. Die Franzosen ZONE NORD haben ein wenig mehr Feuer im Arsch. Das Berliner Label Tochnit Aleph war in der Tat so beeindruckt vom Remix des eigenen Materials, dass flugs die CDR “Salbutanol” erschien. Nach dem spannungsgeladenen, mehrminütigen Intro gesellt sich zu dem hinreissenden Sackwabern ein mortzfieses Brodelzischen. Seltsamerweise verliert die CD trotz ihrer Länge und wenigen Alternationen nie an Anziehungskraft. Noch ein Niveau höher in Richtung Ohrenkratzen klimmt die CD “Elfde Uni” von THU 20 auf dem von MSBR betriebenen Label Flenix. Ein gewisser Herr de Waard bestätigt im beiliegenden Folder, dass es sich hierbei um Musik handelt. Das war’s dann auch schon: “To write about something that is stored on a shiny, silver plastic disc and which is emitted from a couple of pieces of plywood and some electronic circuitry, is difficult, if not impossible.” Recht hat er! Und die Band fügt dem vielleicht hinzu: “This is all bullshit – just LISTEN!” Das ist sicherlich kein besonders neuer Hinweis, lohnt aber, vor der Konfrontation mit einer neuen CD von BERNHARD GÜNTER wiederholt zu werden. Auf “Buddha with the Sun Face/-Moon Face” (Digital Narcis) wird ein weiteres mal auf präexistentes Material zurückgegriffen (field recordings von JEPH JERMAN). Leider fehlt es den fast 22 Minuten an der kühlen Ferne jeglicher Präsenz bzw. der erfrischenden passiven Würze früherer Werke. Eher klingt sie in ihrer Schlichtheit etwas überreif und hinterlässt auf dem lebensfreudigen Schnee im Ohr hier und da ein paar dreckige Plocken. Der Schweizer SUDDEN INFANT gibt sich aktiv wie nie zuvor: vor vier Wochen ein neues Tape und die 7″ mit NO IS E auf Cut-Up Constructions und heute die vollbepackte CD “Species” (Solipsim). Das Werk ist auf 100 benummerte Exemplare limitiert, kann über 20 neue Tracks aufweisen, und die Summe der Ziffern mal deren Quersumme ergibt die Anzahl der in Brüche gegangenen Schallplatten während der Aufnahmen. Wenn hier jemand noch mal das Wort turntablism schreibt, sollte er oder sie sich der ausgefeilten, aber weinerhaften Zaghaftigkeit von Gesellen ‡ la Mix Master Mike bewusst sein und den Terminus wie auch SUDDEN INFANT in die Nähe des großen Meisters Otomo Yoshihde verorten. Auf jeden Fall knallt’s hier am besten im Monat August! ed

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Text: der ed aus De:Bug 28

Allerorts hört oder redet man von DAVID TOOP. Sein reiches Wissen über die Musik dieses Jahrhunderts kann ihm niemand absprechen und für seine Essays und Bücher danken wir ihm. Aber zu seiner neulich auf Barooni erschienenen CD “Hot Pants Idol” gibt’s leider nur ein riesiges “Igitt!” Nie zuvor habe ich Lesungen mit einer solchen Schlafmützenstimme und dazu mit solch träger Sirupuntermalung gehört (Bill Laswell, Scanner, Paul Schütze, Talvin Singh etc.). Mehr iss nich und geht nich. Wesentlich besseres kommt von dem mir unbekannten DAVID IRELAND & GX JUPITTER-LARSEN aka The Haters auf Vinyl Communications. Hier bahnen sich drei Achtzehnminüter kraftvoll ihren Weg: “Anti-Time” zieht sich rhythmisch in ein tiefes, statisches Pulsieren hinein, auf “Kettleday” tobt sich Jupitter-Larsen auf stark verkümmertem Hochfrequenzteppich in destruktiver Haters-Manier aus und “Xyclowave” trümmert sich gefrässig monoton seinen Weg zum Kern der Sache. Die wahrscheinlich unspektakulärste CD des Monats. Und noch ne Kollaboration: NEGATIVLAND und CHUMBAWAMBA nahmen “The ABCs of Anarchism” auf und veröffentlichten auf Negativlands hauseigenem Seeland. Zu hören sind da allerhand rasante Wortknödel aus bekanntem Material der britischen Punkpopper, den echten Pistols, soziologischen Abhandlungen und den unsäglichen TeleTubs. Der dargebotene Cocktail macht letztendlich viel Spaß – wenn auch Negativland enervierend und rechthaberisch weiterquäken und immer noch versuchen, sich im OmniMainstream durch (in)n(ov)a(t)ives Anarchistengeplapper abzugrenzen. Trotzdem und deshalb bleibt’s witzig! Mit “THE GHOST ORCHID: An Introduction to EVP” (Ash International/The Parapsychic Acoustic Research Cooperative) begeben wir uns in richtig spooky Gefilde. EVP steht für Electronic Voice Phenomena – “an unsolved 20th century mystery”. Die Stimmen wurden in den 10ern und 20ern entdeckt, aber hartnäckig verschwiegen, und in den 50ern und 60ern dann vornehmlich im Epizentrum Deutschland aufgenommen. Sie äußern sich in Sekundenbruchteilen im agrammatischen Dreisprachenmix, antworten sogar zuweilen ernst oder humorvoll auf Fragen des Aufnehmenden und sind obendrein äußerst rätselhaften Ursprungs. Auf der CD nimmt uns der Schwede Leif Elggren bei der Hand und führt uns durch die Flut sonischer Beweise dieses Phänomens. Natürlich kommen sämtliche Aussagen über Mutmassungen nicht hinaus und schüren somit um so mehr den Brand unseres Nicht-Wissens. Dennoch: Dis is radio art at its best; eine wichtige CD für gute DJs und ein Muß für Anhänger der ewigen Seele. Zum Lesen-über-Musik gibt’s im Oktober BAD ALCHEMY 34. Das mit schlauen und treffenden Rezensionen vollbepackte DINA5- Mag berichtet u.a. über Asmus Tietchens, die von Siemens ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe ‘Kunstwerk’ und über Slapp Happy. Außerdem gibt’s die unerlässliche Bonus-7″. Hier schnappt sich der Hamburger Tietchens Texte Ciorans (“der Vielzitierte”) und zwirbelt sie gefühlvoll durch den Soundwolf. Aus England kommt die frische Nummer 6 des SOUND PROJECTOR mit Unmengen Informati zu folgenden Themen: Japan Ears, Improvised Music, Contemporary Composers, Freakdom, Crackling Ether oder auch Atoms of Pure Noise und Interviews und Artikel mit und über Sonic Boom, Alvin Lucier, Masonna, Lucas Abela und Joe Banks. Niemand braucht mehr!

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