Text: Tobias Vethake aus De:Bug 85

JAY-Z / 99 problems

Mit diesem Video will also JAY-Z seinen eigenen Worten zufolge den (vorläufigen?) Abschied aus der kunterbunten Welt des Show-Biz einläuten. Wir werden sehen, inwieweit wir es hier mit dem bekannten Phänomen der „letzten Welttournee“ zu tun haben. Bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass ihm mit “99 problems“ eine wirklich geschmackvolle Hommage an seine Roots gelungen ist, ein Realness-Statement in Hochglanzbildern. Natürlich sehen wir auch hier wie bei 90% der Kollegen tanzende Bikini-Frauen, aber eben nicht nur. Das ganze ist vielmehr eingebettet in eine optische Collage aus typischen Brooklyn-Bildern. wir sehen Rabbis, Streetfreaks, schmutzige Hinterhöfe und Restaurants – tägliche Szenen eines der berühmtesten New Yorker Stadtteile. JAY-Z rappt sich durch die Gassen, wird natürlich von der Polizei angehalten, kontrolliert und am Ende des Video in spektakulären Bildern erschossen. Brooklyn galore. Der Look dieses Videos definiert eindeutig die Coolness, denn alles ist in schwarz bzw. braunweißen Bildern gehalten, die sich an klassischen Fotografien orientieren und unter dem Titel „Newton portraitiert New York“ durchaus in der Nationalgalerie hängen könnten.
Was dieses Video aber erst richtig interessant und „real“ macht, ist, neben einem kleinen Auftritt von Vincent Gallo, vor allem die ausgiebige Darstellung von Rick Rubin als Pimp. Für die, denen Rick Rubin optisch kein Begriff ist: der Mann ist groß, dick, langhaarig und bärtig und immer mit Sonnenbrille unterwegs. In diesem Video trägt er zudem einen Blaxploitation-Federboa-Mantel, dicke Klunker an Fingern und Armen und ist mit einem Spazierstock bewaffnet. Natürlich umgibt er sich mit allerlei hübschen Frauen, ein Pimp eben. Selten gab es eine bessere Darstellung für diese Musik-Legende – und selten, eigentlich noch nie gab es überhaupt irgendeine Darstellung von ihm in einem Musikvideo.
Denn das ist das eigentlich besondere an diesem Video. Es huldigt einem Mann, der nicht nur die ersten Hiphop-Tracks von Run Dmc und den Beastie Boys in den 80ern produzierte, der nicht nur den Red Hot Chili Peppers in den 90ern zum Erfolg verhalf, der nicht nur Bands wie System of a down und Mars Volta durch seinen einzigartigen Soundstempel populär machte und zudem den späten Erfolg von Johnny Cash zu verantworten hat. Jetzt ist er auch derjenige, der die letzte Single von Jazzy produzierte und der mit gut 50 zum ersten Mal in seiner Lebensgeschichte in einem Musikvideo zu sehen ist. Und wie er zu sehen ist! Da fragt man sich zu recht, wer ist eigentlich der Star in diesem Video?! [TV]

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Elektronische Lebensaspekte.

Wir sind Helden: Denkmal - Dizzee Rascal: Fix Up Look Sharp. Zwischen Authentizität und Action.
Text: Mercedes Bunz, Verena Dauerer aus De:Bug 80

Wir sind Helden: Denkmal

Hier ist alles dabei, was in eine Zeitung für elektronische Lebensaspekte nicht hinein passt: Eine Band, Gitarren und dann noch dieses Live-Video – macht DEBUG jetzt drei Purzelbäume, um auf jeder Welle mitzuschwimmen? Ach ih wo. Kein Stück. Wir schauen nur genau hin mit unserem vorurteilsfreien Superblick. Und auf den ersten Blick sieht alles normal aus. Auch für uns. Ein ganz normales Rockvideo eben. Alles drin, was man dafür so braucht. Live-Auftritte. Arme hoch, Saal wippt. Band morgens im Tourbus. Schlechtes Licht, mickrige Beleuchtung. Wackelkamera. Band spielt. Backstage trifft man andere gleichgesinnte Musikproduzenten, die Dirk von Lotzow heißen. Publikum singt mit. Bilder von deutschen Autobahnen, damit man weiß, dass die Band tourt. Gitarrenkoffer werden durchs Bild gehievt. Judith singt in schlechter Beleuchtung. Mit einem bisschen Abiturientenhumor, der sein muss, wenn man jung ist und die Strukturen erst noch für sich einnehmen muss, schreibt man “Horst” auf seinen Vip-Pass. Fokus auf ein Tour-Frühstücksei. Fans singen Hit mit. Es ist also alles drin, was man für ein Höchstmaß an Authentizität so braucht. Ja, Authentizität. Und genau da liegt irgendwie der Knackpunkt dieses Videos, sein interessanter Moment: Im Gegensatz zu andern Live-Videos, etwa von Linkin Park oder so, sind es einfach zu viele klassische Rockauthentizitätsklischees auf einmal. Die sind gestaffelt, verdichtet, gekonnt in verschiedenen Videoästhetiken verpackt, ästhetisch also gewissermaßen und stellen sich in dieser Verdichtung und Ästhetik leicht ironisch selbst aus. Ohne das man sagt: Das ist alles schlecht, rückt man das in eine leichte Distanz. Als würde man das schon eben alles wollen, aber eben auch wissen, dass das immer ein Effekt ist, produziert. Ein Live-Video, das sich selbst dekonstruiert. Angenehm. Ach, und übrigens: Ein guter Song.
[Mercedes]

Dizzee Rascal: Fix Up Look Sharp, Regie: Ruben Fleischer (2003)
Schon allein die Anwesenheit von Wunderkind Dizzee Rascal grapscht sich die neckige Stylishness von überproduzierten und SFX-beladenen Clips und holt sie auf das Straßenlevel runter. Für das Visuelle ist Ruben Fleischer zuständig, der macht roh Unbehauenes zum Beispiel auch für Gold Chains. Sein Video für Ellen Allien wurde aber nicht genommen. Hier macht er Krachiges, fast altmodisch, aber schön reduziert: Der Hintergrund ist wahlweise schwarz, gelb oder weiß und eine Linie hüpft quer durchs Bild. Davor ist Dylan Mills beim funky Reimen mit dem Hackebeil. Das Originelle ist diese Soundlinie, die sich mal luftschlangig durchs Bild kringelt, meistens aber wie der Ausschlag eines Equalizers rasant schwingt. Sie ist unterschiedlich beschaffen, mal tuschig gezeichnet, mal klecksig dick oder gepinselt. Mal verdoppelt sie sich und wird zum DNA-Strang. Ab und zu unterbrochen durch einzelne Worte zur Betonung der Lyrics. Dann kommt ein Break und die Linie wird zur richtigen, blassblauen Equalizer-Optik im Hintergrund, wo die Ausschläge wie Wolkenkratzerlein ausschauen. Dizzee sagt, er kommt aus der Generation Playstation. Ruben setzt das um: Die Ästhetik ist doch eigentlich voll wurscht, Hauptsache Action. Funktioniert.
[Verena]

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