Die Musikclips im Mai mit N.E.R.D. und The Streets.
Text: Verena Dauerer, Tobias Vethake aus De:Bug 82

N.E.R.D.: She wants to move, Regie: David Meyers (2004)

Ob Standardisiertes für Pink und Britney Spears, Prolliges für Kid Rock oder Vielfältiges für Missy Elliott: Die Clipwelt von David Meyers sieht in ihrer extremen Ausführung aus wie die Hyperrealität im letztjährigen “What About Us” für Brandy. Ein Air-Brush-Entwurf, irgendwie echt, aber doch nicht ganz und so vereinfacht wie die 3D-Ausstattung in einem Game. Meyers ist kein detailverliebter Schöngeist und wenn es bei ihm ein demonstratives Zitatengedönse sein muss, dann gleich soviel, dass man es nicht mehr ernst nehmen kann. Wie am Anfang vom Clip für N.E.R.D.s Anti-Klammersong “She Wants To Move” der Verweis auf De La Soul, wo die in rot getauchten Köpfe der drei Nupsis vor schwarzem Hintergrund wuppen. Der Rest ist das gesungene Wort plus Jaule-Gitarre und Geatme, sehr direkt und kompromisslos umgesetzt. Und wenn die Lyrics dämlich sind, wird’s auch lustig: Der flippy Pharell und die Floppies Chad and Shay werden in ein futuristisches Raumschiff-Set hineingesetzt. Das wirkt zwar unheilvoll wie bei Gigers “Alien”, aber es passt gut zur Erscheinung der offensichtlichen Enterprise-Fans. Nur ist ihr Raumschiff ein überdimensionierter Hintern zum Text “Her Ass Is A Spaceship I Want To Ride”. Und es kommt für die drei ziemlich billig, sie vor eine Glibberwand-Bluebox zu stellen wie in einem 80er B-Klasse Sci-Fi fürs Fernsehen. Zum Titel wird schließlich eine Frau zum wild gewordenen Tier, das, von der Leine gelassen, den Pharell umrennt. Wenigstens schlabbert sie ihn nicht ab. Dabei wollte sie nur mal kurz tanzen. Das tut dann auch ein noch wilderes Go-Go auf einem Drehpodest und die drei rocken drum herum. Diese Jungs wieder, aber ist doch so. [Verena]

The Streets/You’re fit
Regie: Dougal Wilson (2004)
Noch mehr Jungsleben: The Streets alias Mike Skinner bleibt seinen Roots treu und verwurzelt sich auch bei ihrem neuen Video thematisch im britischen Arbeiter-Milieu. Zur Handlung: Mike Skinner holt sich in einem billigen Fotoladen (sowas wie bei uns “Schlecker”) seine Urlaubsfotos ab und schlendert daraufhin durch die Straßen Londons. Währenddessen schaut er sich die Bilder an, auf denen die Menschen sich wie auf einem Fernseh-Bildschirm bewegen, die gleichzeitig die Anekdote seiner rezitierten Urlaubsbekanntschaft illustrieren. Die Pointe ist, dass ein bestimmtes Mädchen auf jedem Foto scheinbar zufällig zu sehen ist. Mal steht sie mit dem Rücken zur Kamera, mal ist sie fast abgeschnitten am Rand zu sehen. Ansonsten werden Situationen dargestellt, die sich wohl nicht grundlegend von deutschen Urlaubserlebnissen auf Mallorca unterscheiden: Wie ich und mein Kumpel mal richtig besoffen waren, wie wir beide mal volltrunken aus einer Disko geschmissen wurden, etc. Das eigentlich Spannende an der Sache – neben dem visuellen Charme der “beweglichen Fotos” – ist die subtile Anspielung auf einen berühmten Musik-Video-Klassiker. Und zwar auf das Video zu “Subterranean Homesick Blues” von Bob Dylan, eines der ersten Musikvideos überhaupt, also viel zitiert. Bei Dylan hält der Protagonist nicht Fotos, sondern einen Stapel Zettel auf dem Arm. Auf diese Zettel wurde immer ein Fragment des Textes geschrieben und passend zur Musik und zum Gesang lässt Dylan den jeweiligen Zettel fallen. Bei The Streets wurde dieses Prinzip in unsere Zeit gemorpht und digitalisiert. Bilder statt Worte. Wo Dylan das Leid eines unterdrückten Arbeiters anprangert, zeigt uns Skinner, was das Leben der heutigen englischen Unterschicht ausmacht. Bier, Schlägereien und Girls. [TV]

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Elektronische Lebensaspekte.