Aaron La Crate, Baltimorer Pflänzchen, entwickelte parallel zu Miami Bass und Londoner Breakbeat den Sound seiner Stadt
Text: Alex Dröner aus De:Bug 131


Baltimore Club Music entstand schon Anfang der 90er parallel zu Miami Bass oder Londoner Breakbeat. Die regionale Szene mit Stars wie Scottie B, Rod Lee, Miss Tony, K Swift oder Blaqstarr zimmert in permanenter Evolution einen Booty-Shaker nach dem anderen zusammen, ohne je das Initial-Sample von Lyn Collins’ 60s-Funkstück “Think about it” zu verraten.

Nicht zuletzt der wegweisende Mix “Bmore Gutter Music” von Aaron LaCrate und Low B sorgt für internationale Aufmerksamkeit.
Aaron LaCrate Bmore-Tracks vorzuspielen ist, wie dem Papst aus der Bibel vorzulesen: Der gebürtige Baltimore-DJ kennt alles, hat alles, weiß alles. Und genau darauf verlassen wir uns. Die Geschichte der Baltimore Club Music nach Noten.

Lyn Collins – Think about it

Aaron: Hm, was ist an diesem Track wohl so besonders? (lacht)
Lyn Collins! Leave her alone! Lebt die eigentlich noch?

Debug: Keine Ahnung, erzähl du’s mir.

Aaron: Müssen wir uns das ganze Stück anhören?

Debug: Nein, keine Sorge, bye Lyn! So …?

Aaron: Ja, das ist das Rückgrat von Baltimore Club Music.

Debug: Damit hat alles angefangen … Bist du eigentlich aus Baltimore? Du lebst doch in New York, oder?

Aaron: Ich bin nach New York gezogen, stamme aber aus Baltimore. Ich habe dort schon ganz früh angefangen mit dem DJing, noch bevor es Bmore Club gab.

Debug: Was hast du damals gespielt?

Aaron: Ich habe HipHop, House, Reggae, so ziemlich alles gespielt. Chicago House und New York House waren groß in Baltimore, wir haben quasi die “Formel” zu Baltimore Club gespielt. Afroamerikaner tanzten zu House Music, es war eine Version von HipHop und HipHouse und gleichzeitig kamen all diese einflussreichen Platten aus England rüber.

Debug: Hast du Lyn Collins damals tatsächlich gehört oder gespielt?

Aaron: Nein, wir hörten nicht viel Breaks-Zeug. Viele Leute hatten Lyn Collins schon vor Bmore gesamplet, besonders in England. Acid House, Rave, Tonnen von HipHouse-Tracks.

Debug: Das berühmte Wou-ha-Sample …

Aaron: Wir waren also nicht die Ersten, aber wahrscheinlich die, die es am meisten benutzt haben (lacht).

DJ Technics – Mr. Postman

Aaron: Oh yeah – noch so ein Track. Das ist einer meiner Favoriten, DJ Technics, oder?

Debug: Na klar!

Aaron: Ich habe Platten von Technics gekauft, da war ich noch ein Kind, er hat in diesem Plattenladen gearbeitet. Postman ist vielleicht sogar einer seiner besten Tracks.

Debug: Ich mag dieses sehr offensichtliche Remixen/Samplen von alten Hits nicht so gern.

Aaron: Ich eigentlich auch nicht, aber die Kids stehen drauf. Es ist auch einfach, so mit dem Produzieren anzufangen. Baltimore Club hat aus mehr jungen Kids Produzenten gemacht als jedes andere Genre zuvor, sie nehmen irgendein furchtbares 80s-Sample wie Outfields “I don’t wanna loose your love tonight” und können es noch nicht mal richtig choppen, I do … I do … I do … (macht es vor).

Dann bleiben sie noch nicht mal dabei, sondern heben alle ab und versuchen Justice zu sein. Auf der einen Seite ist das super, auf der anderen Seite lenken sie aber von den Künstlern ab, die wirklichen Bmore produzieren, und verfälschen den Sound. Und dann wird so ein Kid von einem Club in Europa gebucht anstatt einer der Originales wie Rod Lee. Der ist vielleicht nicht der einfachste Typ – aber hey, wie einfach war es wohl mit Bambaataa früher? Die Clubs holen lieber Hollertronix als jemanden wie Rod Lee, weil es hübscher aussieht. Im HipHop wäre das nie passiert.

Debug: Scottie B war in Europa auf Tour.

Aaron: Pfff, von wegen, Scottie B …

Debug: Okay?!? Soll ich den Scottie-B-Track lieber überspringen?

Aaron: Lass hören!

Scottie B – Niggaz fightin’

Debug: Mein Lieblingstrack von ihm.

Aaron: Ja, du hast recht, das ist ein guter Track, einer seiner besseren. Ich kenne Scottie, seitdem ich klein war, er hat auch in einem Plattenladen gearbeitet …

Debug: Er hat erzählt, der Laden hätte ihm gehört.

Aaron: Oh nein, ihm hat nie irgendwas gehört. Er war Verkäufer, Platten und Elektronikbedarf. Scottie hatte nichts mit dem Bmore-Hype zu tun, er hatte seit sechs Jahren nicht mehr aufgelegt oder etwas aufgenommen, er ist nicht einmal mehr bei seinem Partner im Unruly Office (Bmore Label) aufgetaucht – er hat Klamotten verkauft irgendwo in Washington DC, er war total raus der Musik, bevor ich ihn angerufen habe und meinte, hey Scottie, Clubmusic kommt zurück, wir müssen was zusammen machen!

Ich habe zwei Jahre hart daran gearbeitet ihn zurückzuholen und als ich ihn dann soweit hatte, wollte er alles für sich allein: “Ich hab’s erfunden.” Und das ist einfach nicht wahr, der wirkliche Erfinder von Club war DJ Equalizer. Er war derjenige, der schon ’88/’89 auf der Winter Music Conference mit Jellybean und Doug Lazy rumhing, er hat den Sound geprägt und versucht ihn außerhalb von Baltimore bekannt zu machen. Für Scottie hat alles erst wieder mit meinem Bmore Gutter Music Mixtape angefangen, für das ich ihn als Executive Producer eingesetzt habe.

Johnny Dangerous – Beat that bitch with a bat

Aaron: Ah ja. Chicago.

Debug: Genau, Johnny Dangerous 1993. Gibt es davon eigentlich einen Bmore-Remix?

Aaron: Oh ja, Equalizer hat einen gemacht: I beat that bitch with a whip!

Debug: Ich wollte dich auf den Einfluss von Chicago House auf Bmore ansprechen, aber das hast du ja eingangs schon geklärt. Also weiter.

Rod Lee & DJ Technics – Weed

Debug: Ich finde diesen Track nicht so besonders, dachte mir aber, der wäre gut für den Namedrop … haben die beiden wirklich zusammen gearbeitet?

Aaron: Rod Lee und Technics? Das sind fast die beiden Einzigen, die einige Platten zusammen gemacht haben, keine Ahnung, wer genau was gemacht hat, aber es war ein smarter, cooler Move.

Debug: Weißt du wie und wo sie produziert haben, im Studio, zu Hause?

Aaron: Damals? Wahrscheinlich mit einem ASR 10 (Ensoniq-Sampler). Ich glaube allerdings nicht, dass sie tatsächlich zusammen im Studio waren, wäre natürlich besser gewesen, aber das entspricht nicht gerade dem Baltimore way … aber wer weiß, ich sehe sie direkt vor mir: Rod, welche Lyn-Collins-Version sollen wir nehmen? Ach Technics, mir egal, welche Kickdrum magst du lieber? (lacht sich tot)

Bamabounce – Wu Tang Slide

Debug: Was ich bis gestern nicht wusste, ist, dass Wu Tang sich nicht auf den Clan bezieht, sondern ein Tanz ist, stimmt das? The Wu Tang Slide?

Aaron: Ja, aber der ist aus Philly.

Debug: Ich mag den Track sehr.

Aaron: Ja, das ist ein Percolator-Sample – original Chicago. Ich bin mir nicht sicher, aber der Tanz ist aus Philly, die Tänze kommen und gehen so schnell und ich bin nicht gerade der Vorzeige-Tänzer …

Debug: Na, dann warte mal auf den letzten Track.

Aaron: (lacht) Willst du mich zum Tanzen bringen?

Debug: Ja, ich bring dir einen bei.

DJ Blaqstarr – Tote it

Debug: Es geht mir bei Blaqstarr um den Generationswechsel, die Sachen klingen anders, mehr R&B, düsterer, was meinst du? Du siehst nicht gerade begeistert aus?

Aaron: Hm, ich mochte seinen Track “Get the gun” sehr gerne, weißt du? (singt ihn vor) Seine anderen Sachen sind mir nicht clubby genug. So beurteile ich halt Tracks, hit or miss, für den Club. Ich liege nicht rum und höre dabei Bmore. Wie findest du “Shake it to the ground” (Blaqstarrs Hit mit Rye Rye)? Es hat fast keinen Beat. Es hat die Leute komplett verwirrt.

Debug: Die Leute hier mochten es sehr, vielleicht weil es technoider, minimaler ist, einfacher für europäische Ohren. Und es schreit danach, geremixed zu werden.

Aaron: Das stimmt!

DJ Class – Stop snitchin’

Aaron: That’s my shit! Stop snitchin’, DJ Class. Vom Bmore Gutter Mix. Ich bin teilweise verantwortlich für diesen Track, für die Wiederauferstehung von DJ Class. Ich liebe diesen Typen einfach. DJ Class und DJ Equalizer haben mich als kleinen Jungen bei einem großen Straßen-Festival ’91 oder ’92 zum ersten Mal an die Turntables gelassen, ich war vielleicht 12 oder 13, vor 2000 Leuten!

Debug: Haben deine Hände gezittert?

Aaron: Auf jeden Fall. Ich konnte nicht schlafen vor Aufregung hinterher. Die beiden sind wirklich großzügige, herzliche Jungs.

Diplo – Buy it, use it

Debug: Kein Bmore ohne Hollertronix und Diplo.

Aaron: Alles klar, Buy it, use it …

Debug: Bist du dicke mit Diplo und Hollertronix, seid ihr eine Familie?

Aaron: Mit Diplo war das folgendermaßen, er war nicht mehr mit M.I.A. zusammen und reiste irgendwo herum – living the high life – und hat dabei Low B total vergessen. Er hat Interviews in Europa gegeben und jedem erzählt, er hätte den Namen Hollertronix erfunden, alles seins usw. während Low B allein in Philly rumhing. Dabei hat er Diplo zur Clubmusic gebracht, Low B war big in Philly und er hat Diplo aus Florida zu sich eingeladen, nicht umgekehrt. Aber Diplo hat ihm das nicht gedankt, er hat ihn quasi ruiniert.

Als ich damals von Low B hörte, dachte ich, dass es gut wäre, etwas zusammen zu machen, Baltimore und Philly, warum nicht? Diplo war da gerade in Brasilien oder sonst wo unterwegs. Spankrock hatten auch grad nichts zu tun und Amanda Blank wusste kaum ihren Namen. Und ich habe sie kontaktiert und vorgeschlagen, ein Mixtape aufzunehmen, das sich am Ende für uns alle ausgezahlt hat. Aber dann kam ”whatshisname“ zurück und wurde wütend, weil all seine “Untergebenen” etwas ohne ihn gemacht und Erfolg damit hatten, denn wir waren überall in der Presse mit dem Bmore Gutter Mixtape.

Und plötzlich saß er allein rum und ich war mit seinen Freunden in Europa auf Tour. Das hat ihn mächtig gewurmt und er hat alles daran gesetzt, sie wieder zu sich zu holen. Dabei wollte ich einfach nur unsere Kräfte verbinden. Aber kein Diss, Diplo macht irgendetwas richtig, ich weiß nicht genau, was es ist, aber er macht was richtig (lacht). Und getroffen habe ich ihn sowieso nur einmal, er scheint von meiner bloßen Existenz gepeinigt genug zu sein, also was soll’s.

CLP – Homecourt ft. Kovas (CLP bmore rmx)

Debug: Deutscher Bmore. Kennst du die? CLP?
Aaron: Nein, aber das ist sehr gut produziert. Ist ja wirklich zu dumm, wenn deutscher Bmore besser klingt als amerikanischer (lacht).

K.I.G. – Head, Shoulders, Knees and Toes

Debug: Und jetzt zum Spaß das…

Aaron: Das ist englisch, oder? Das ist Grime. Oder Bassline? Oder Dubstep? Eins von den dreien.

Debug: Das ist der Superclubhit in England gerade, alle tanzen dazu Gruppentänze, Head, Shoulders, Knees and Toes, so ähnlich wie bei den Souljah Boys. Aber das musst du jetzt nicht machen.

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Elektronische Lebensaspekte.