Der Track riecht wie eine deutsche Warehouse Party früh am Morgen!
Text: Anton / Thaddi aus De:Bug 130


Andrew Weatherall ist eine der Säulen englischer Ravekultur. Als Produzent von Primal Screams “Screamadelica” oder als Teil der Freistil- bis Kifferhouseprojekte Sabres of Paradise und Two Lone Swordsmen und als Biker in der DJ-Booth trägt er einen guten Teil Geschichte auf seinen tätowierten Unterarmen. Sein neues Album “Vs The Boardroom” ist eine Kollaboration mit Mitgliedern seines Studio-Kollektics.

Unknown – Frozen Border (2009)

Andrew Weatherall: Das ist dieser alte Stab-Sound, eine von diesen Scheiben, die man spielt und nicht weiß, ob es eine alte oder neue ist. Das ist es auch, warum es sich heute so anhört wie vor zehn Jahren, wenn ich auflege. (lacht)

De:Bug: Die kam vor etwa zwei bis drei Wochen heraus. Manche sagen, es ist ein Bootleg aus alten Sachen.

Andrew Weatherall: Ich spiele teilweise Platten, die fünfzehn, zwanzig Jahre alt sind und es klingt immer noch gut. Und wenn zwanzigjährige Kids ankommen und fragen: Wow, ist das neu? Dann antworte ich: Nein, das ist aus einer Zeit, als du noch nicht mal geboren warst! Aber es fühlt sich immer noch gut an: Classic music is classic music, you know?! Wenn ich mir junge Garage-Punk-Bands ansehe, die alten, ursprünglichen Sound mit altem Equipment machen, dann klingt das immer noch gut – und das 40 Jahre nach Garage Punk! Mit Dance, House und Techno ist es dasselbe. Tracks, die mit dem ursprünglichen Equipment produziert werden, klingen einfach immer gut, ganz egal, ob sie zehn Jahre alt sind oder zehn Tage. Das ist auch der Grund, warum ich auch nach zwanzig Jahren DJing nicht gelangweilt bin. Aber zurück zu dem Track: Der riecht wie eine deutsche Warehouse Party früh am Morgen!

De:Bug: Hast du auch Gerüche für andere Länder?

Andrew Weatherall: Klar, es gibt einen bestimmten französischen Geruch, einen spanischen … (lacht)

De:Bug: Lass uns über das letzte Album von “Two Lone Swordsmen” sprechen, “Wrong Meeting”. Wir haben sie gemocht, fanden aber verwirrend, dass sie wirklich nach einer kompletten Garage Band klingt?

Andrew Weatherall: Reiner Zufall. Bei Keith (Tenniswood) und mir standen Instrumente von Freunden im Studio rum, mit denen haben wir einfach damit rumgespielt. Die Stücke basieren aber alle auf programmierten Tracks. Im Osten Londons, wo das Studio ist, hängen außerdem viele Musiker rum. Wir konnten Nachmittags einen Song schreiben, dann in den nächsten Pub gehen und einen Drummer zum Einspielen mit ins Studio nehmen. Aber das war kein Plan, mit einem Post-Punk- oder Rock-Album Verwirrung zu stiften.

The High Numbers – Zoot Suit (Backdoor 1964)

De:Bug: Irgendeine Idee, was das ist?

Andrew Weatherall: Nein.

De:Bug: The High Numbers, aus denen nach dieser Single The Who wurden…

Andrew Weatherall: Ich mag The Who wirklich sehr, war aber immer mehr Small Faces-Fan. Ich bin eben genau wie die Small Faces aus Ost-London. Und The Who kamen aus West-London. Aber eigentlich geht es ja darum, dass England eigentlich immer Einflüsse wie Rhythm’n’Blues und Rock’n’Roll aus den USA aufgenommen und verarbeitet hat, um sie wieder zurück nach Amerika zu verkaufen. Das ist auch mit House und Techno passiert. Als ich mich für die Musik der Jungs aus Detroit interessierte, war es Schwuchtel-Musik, mit der ein Cowboy mitten in den USA nichts anfangen konnte. Aber in England – und generell in Europa – wurde Techno gehört, neu bearbeitet und wieder nach Amerika geschickt. Und das passierte ebenso mit Blues in den frühen 60ern. Blues-Künstler wie Buddy Guy oder Muddy Waters – in Amerika war niemand wirklich an denen interessiert. Aber als ihre Musik nach England gelangte und neu interpretiert wurde, entstanden daraus die Beatles, die Stones oder The Who.

De:Bug: Die Frage ist, ob das weiterhin so laufen wird oder ob die Zeiten vorbei sind …

Andrew Weatherall: Klar, heute fehlen die Grenzen, alles ist ein riesiger Schmelztiegel und es gibt diese abgrenzbaren Bewegungen nicht mehr, weil alles überall verfügbar ist. Die ersten R’n’B-Platten in den frühen 60ern waren bei uns schwierig zu bekommen. Das war mühsame Recherche-Arbeit. Es konnte dich Monate kosten, bis du eine Platte bekamst, dann die Riffs rauszuhören und zu üben. Heute ist alles sofort im Netz abrufbar. Das hat das Leben sehr viel leichter gemacht, aber es bedeutet auch, dass Dinge sich nicht mehr entwickeln. Sie gelangen innerhalb von ein paar Wochen durchs Internet und sind dann weg. Früher bin ich ein Mal im Monat nach London gefahren, um Platten zu kaufen. Dann wieder in meinen Vorort. Da war ich dann allein mit der Musik. Musik verbreitet sich heute auf andere Weise und man kann keine Bewegungen mehr ausmachen wie noch bei Punk Rock oder Acid House. OK: Es mag Achtzehnjährige geben, die das anders sehen…

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Wire – 12XU (Wire, EMI 1977)

Andrew Weatherall: Oh ja, Wire. Ist das von der “Live at Roxy”? Nein? Aha, die Album-Version. Als ich etwa dreizehn war, kam “Live at Roxy” (Punk-Club in London) raus und seitdem liebe ich sie. Ich bin ein wirklich, wirklich großer Fan. Manches von ihren Alben klingt immer noch modern, “I am the Fly” zum Beispiel. Absolut zeitlos. Aber zu ihrer Zeit hatten sie nie wirklich Anschluss an die Szene, weil sie ein bisschen intellektueller waren.

De:Bug: Magst du die Sachen, die sie in den 90ern gemacht haben?

Andrew Weatherall: Zu dieser Zeit hatte ich sie aus den Augen verloren, das war mir dann auch zu intellektuell. Es gibt eine Reihe von Bands, bei denen es ähnlich ist. Television zum Beispiel. Wire waren immerhin noch ein bisschen Punk Rock. Aber Television klangen irgendwann zu sehr wie das, was die älteren Typen hörten. Kein Prog-Rock, aber ein bisschen zu kompliziert. Ich brauchte es ein bisschen einfacher. Die erste Musik, mit der ich mich wirklich beschäftigte, war traditioneller 50s-Rock’n’Roll. Als ich elf oder zwölf war, gab es ein Rock’n’Roll-Revival in England, ausgelöst durch einen Film namens “That will be the day”, der den Wechsel von traditionellem Rock’n’Roll zu mehr Rhythm’n’Blues behandelte. Aber auch Glam Rock war angesagt. Weil ich jung war, dachte ich, Glam Rock wäre auch Rock’n’Roll – nur mit glitzernden Hosen und anderem Haar.

C-Pij (C-Pij 03, 1999)

De:Bug: Bei diesem Song helfe ich dir. Du hast eine Platte auf ihrem Label und sie haben einen Remix für dich gemacht.

Andrew Weatherall: Oh, da singt meine Ex-Freundin im Background!

De:Bug: Aha?

Andrew Weatherall: Nina Walsh. Sie hat auch die Backingvocals auf “Wrong Meeting” und für “From The Double Gone Chapel” gemacht. Das klingt gut, ich habe das lange nicht mehr gehört.

De:Bug: Ihr Remix für die Two Lone Swordsmen war überraschend …

Andrew Weatherall: Sie mochte den Track, also hat sie den Mix gemacht. Und genauso ist es mit dem Calexico-Remix auf der anderen Seite. Es ist einfach: Ok, ich mag Calexico, lass uns einfach fragen, ob sie einen Remix machen und im Tausch machen sie einen für mich. So was passiert mir ständig. Neulich kaufe ich ein Album von den Headless Heroes, was ich sehr gut fand, und als ich in den Credits las, erkannte ich, dass Hugo Nicolson sich dahinter verbarg, mein Toningenieur, mit dem ich “Screamadelica” für Primal Scream produzierte. Ich rief ihn an und fragte, ob er einen Mix für mein neues Album machen wollte. Es ist also niemals wirklich geplant. Es hängt immer davon ab, wem du im Pub oder auf der Straße begegnest, oder welche Instrumente gerade im Studio rumliegen.

De:Bug: Du hast ja auch viel als Remixer für sehr unterschiedliche Künstler gearbeitet. Haben dich die Originale wirklich interessiert oder war es auch nur ein Job?

Andrew Weatherall: Irgendetwas an den Originalen musste mich immer anspringen. Ich habe gerade erst eine Menge Geld abgelehnt, weil ich den Track einfach nicht mochte. Obwohl es Tracks gibt, die ich nicht mag, aber trotzdem auf die Bassline oder die Drums einsteigen kann.

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Justus Köhncke – The Answer Is Yes (Zwei Photonen EP, Kompakt 2004)

Andrew Weatherall: Das ist eher neu, oder?

De:Bug: Es ist so drei, vier Jahre alt. Idee?

Andrew Weatherall: Nein, aber ich weiß, dass ich ihn habe. Ich mag diese Musik, weil sie funktional ist, aber ich weiß deshalb nicht immer, wie das Stück heißt. Ich weiß immer nur, dass ich den Track habe und dass es der zweite Track auf der Platte mit dem roten Label ist. Und ich erinnere mich, wie er klingt, ich erinnere mich an den Beat und wie schnell er ist. Ob es eine Disco- oder Techno-Platte ist. Ich mag elektronische Tanzmusik, aber ich höre mir das nicht bewusst zu Hause an. Dancemusic ist meine Werkzeugkiste und ich weiß nicht, wer jedes einzelne Werkzeug gemacht hat. Aber ich weiß, wie es funktioniert..

Alec Empire – Limited Edition (Force Inc. LIM01, 1993)

De:Bug: An den müsstest du dich gut erinnern.

Andrew Weatherall: Aphex Twin?

De:Bug: Alec Empire. Wie war das für dich, als dieses ganze Breakbeat-Ding in den UK gestartet ist?

Andrew Weatherall: Ich mochte Drum and Bass, weil es so extrem war. Aber ehrlich gesagt, bin ich da nie so wirklich rein gekommen. Ich mag Aphex-Twin-Sachen, weil sie sehr extrem sind. Aber es wurde alles etwas zu formelhaft, immer die gleichen Breaks, die gleichen Computer-Programme. Ich finde, es hat keinen Groove und es war mir auch zu schnell. Darum gab es dann auch 2Step. Drum and Bass wurde zu industrial und aggressiv. Dannm kamen die Girls nicht mehr in die Clubs. Also haben sie alles etwas verlangsamt und wieder mehr sexy gemacht. Und daraus entstand 2Step. Das ist das Gleiche wie mit wirklich hartem, industrial Techno. Ich mag das Konzept wirklich, aber du gehst in die Clubs, hörst es dir an und es ist einfach … zu männlich: Nur Typen ohne Shirts.

De:Bug: Was ist mit Dubstep?

Andrew Weatherall: Das ist vorbei. Das ist genauso wie bei Punk Rock und HipHop, vor allen Dingen HipHop. Es ging einfach um Spaß. Und dann fingen die Leute an, sich alle ein wenig zu ernst zu nehmen und zu denken: Oh, wir sind jetzt Musiker, wir müssen jetzt etwas ernsthafter sein – lasst uns anfangen, mit Mollakkorden zu arbeiten. Vor fünf, sechs Jahren rauchte ich viel zu viel Dope und war ein bisschen am durchdrehen. Und immer, wenn ich jetzt Dubstep höre, kommt mir dieser Dope-Geruch in den Sinn und werde depressiv. (lacht) Also gar nicht wegen der Musik.

De:Bug: Bevor wir unseren letzten Track spielen, könntest du noch etwas über deine neue Platte erzählen.

Andrew Weatherall: Oh ja, der Boardroom. Neben meinem Studio gibt es vier, fünf weitere, in denen viele Leute arbeiten – du sitzt an einem Remix, da kommt die Bassline aus dem Nachbarstudio durch die Wand und du denkst: Fuck, that’s great! In einem Raum hörst du Electro, im nächsten Rock’n’Roll, der reine Soundclash. Die Jungs aus dem Studio sitzen auf 40, 50 Songs. Und ich dachte, es ist kriminell, dass diese Musik nicht veröffentlicht wird. Also warum machen wir nicht einfach was damit? Ich remixe ein paar von euren Tracks und ihr ein paar von meinen. Und ich arbeite schon am zweiten Teil der Serie!

Fehlfarben – Hier und jetzt (Monarchie und Alltag, EMI 1980)

Andrew Weatherall: Berlin, 1990?

De:Bug: Nein, es ist aus Düsseldorf, 1980.

Andrew Weatherall: Die Produktion ist großartig, dieser kleine Hall, der komprimierte, tighte Drumsound. Das ist der Sound, den ich mochte, als ich etwa 18 war, “Gang of Four” oder Sachen von Factory Records. Ich ging damals zur Uni und je gebildeter ich wurde und je mehr Bücher ich las, desto mehr entfernte ich mich von Glam Rock und Punk und suchte nach mehr Intellekt in der Musik, etwa in Post-Punk-Sachen. Wenn ich Interviews las, dachte ich mir immer öfter: Oh, ich lese auch Franz Kafka, oh ich habe Dostojewskij in meiner Tasche so wie diese Musiker! Der Sound erinnert mich an mich als überheblichen Teenager.

De:Bug: Wenn man mit Briten über deutsche Musik redet, kommen ja viele zuerst mal auf Krautrock…

Andrew Weatherall: Ich habe mich nie wirklich mit Krautrock befasst. Als ich 15 war, hatten viele der älteren Jungs auf der Schule sogenannte Krautrock-Platten. Aber ich dachte, sie wären Hippies. Also habe ich lange Zeit die Finger davon gelassen. Erst als John Lydon 1980/81 in Interviews sagte, er möge Can und Krautrock, dachte ich mir: OK, hör’s dir mal an. Vieles davon war wirklich schlecht. Die Musik von Can klingt zwar immer noch modern für mich und ich mochte Amon Düül, Neu! und La Düsseldorf, aber 90 Prozent der Musik ist Hippie-Nonsens. (lacht) Die erste deutsche Musik, an die ich mich erinnere, ist aber Giorgio Moroder und Kraftwerks “Autobahn”. Ich war wahrscheinlich 13 oder 14, saß im Auto meines Vaters auf der Autobahn und der Titel kam im Radio. Meine Eltern sagten: “Oh, das ist keine Musik, das klingt nach Maschinen.” Und ich dachte: Yeah cool! (lacht) Und das gleiche Gefühl hatte ich auch bei Donna Summer. Ich weiß noch, wie die Leute sagten: “Die drücken ja nur Knöpfe!” Und ich dachte: Yeah, wie cool ist das?!
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Elektronische Lebensaspekte.