Artist Unknown haben sich nach mehrjähriger Pause wieder die Masken übergestreift und ihr Equipment angeschmissen. Für die Debug geben sie trotz der oldschooligen Platten-Auswahl die unerschrockenen Juroren.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 104

Heaven 17 – Honeymoon in New York (Virgin)

Artist 1: Das ist ein bisschen zu langsam, oder?
Artist 2: Ich finde das atmosphärisch sehr dicht. Auch die Stimmung … das ist auf jeden Fall englisch, mittelfrühe 80er Jahre und auf gar keinen Fall London. Sondern eher nordenglisches Industriegebiet, wo die Leute ganz klar ihre Situation auf Vinyl bannen wollten. Und ich denke, dass sie das auch gut geschafft haben. Also, was ist es?
Debug: Das ist Heaven 17!
Artist 2: Ah, ja Sheffield. Da hatte ich ja Recht. Ich wollte die Grundstimmung erst mal ein bisschen umschreiben, bevor ich mich auf eine Stadt festlege. Ist das eine alte B-Seite?
Artist 1: Ich wollte auch gerade Sheffield sagen, weil ich gerade gestern erst eine alte Band aus Sheffield gehört habe und zwar auf so einer Punk-Compilation, wie hieß die noch mal …? Mit Steve Morley.
Artist 2: ”Honeymoon in New York“, auch ein sehr schöner Titel. Ich mag so was ja immer noch gerne. Ich meinte das mit der Atmosphäre vorhin schon ernst. Denen geht’s nicht gut wahrscheinlich …
Artist 1: (bricht in Lachen aus)
Artist 2: Nein, wirklich. Da passiert auch percussionmäßig viel mehr Interessantes als oft heutzutage, wo immer derselbe Pattern duchläuft. Und hier wird doch schon ein bisschen mehr mit unterschiedlichen Hall- und Delay-Einstellungen gearbeitet. Das kommt auch dem ziemlich nahe, woran wir gerade arbeiten. (überlegt kurz) Mal ganz abgesehen davon, dass wir viel mehr Spuren zur Verfügung haben. (Lachen)

Precious/Back To Basics – Definition Of A Track (Big Beat)

Artist 2: Das ist ja House-Musik, damit kenne ich mich nicht so aus. Das Sample kenne ich aber, das ist von Rob Eaze und (überlegt) … ”It takes two“ heißt der Track. Oder? Das ist so ein Beispiel von frühem Sample-House, würde ich sagen. Haut mich aber nicht um. Auf Big Beat, sehe ich gerade …
Artist 1: Ist das die 100.000 Frage?
Debug: Ich hätte gedacht, dass ihr das kennt. Der Track basiert ja auf diesem alten Basement-Boys-Stück.
Artist 2: Das ist auch House-Musik, damit haben wir uns nicht so auseinander gesetzt. Außerdem ist das im Vergleich zu dem Heaven-17-Stück von vorhin doch sehr eindimensional. Die Geschwindigkeit hat auch nicht so richtig gestimmt.

SPK – High Tension (WEA)
Artist 2: Ah, das sind doch mal Drums.
Artist 1: Die Geschwindigkeit ist auch schon besser. Aber warum laufen denn die Drums den ganzen anderen Instrumenten davon?
(Lachen)
Artist 2: Diese Art von Electro-Funk schleppt bei mir leider immer Filmassoziationen mit. Schlechte Diskotheken-Szenen in amerikanischen Filmen, wo der Held oder Gangster in die Disco geht und der Kommissar rennt ihm hinterher und dort stehen dann wenige Gäste, meist blasse Frauen mit Irokesenschnitt, und auf der Bühne steht eine Band mit Gitarristen, aber die Musik besteht nur aus Lynndrums und einer Bassline. Kennt ihr diese Filme? Ich glaube, es gibt in amerikanischen Filmen aus den Achtzigern keine einzige gute Diskotheken-Szene. Da muss ich immer wegschalten.
Artist 1: Doch, bei ”Rock’n’Roll Highschool“.
Artist 2: Da gibt es eine Diskotheken-Szene?
Artist 1: Ja, aber eigentlich hast du Recht.
Artist 2: Electro-Funk macht mich auch einfach nicht so an. Das ist mir zu viel Swing. Ich mochte auch New Jack Swing nie. Aber mit Schwing ging es mir damals so wie heute mit dem Schaffel. Ich bin da doch eher so … I like to be stiff.

Nightlife Unlimited – I don’t (Rams Horn)

Debug: Das ist jetzt auf jeden Fall ohne Swing.
Artist 2: Da stimmt auch die Geschwindigkeit.
Artist 1: Das ist doch hundertprozent Italien.
Artist 2: Die Rhythmik gefällt mir aber total gut. I dance like spastic. (Lachen)
Artist 1: Das hat so einen Devo-Rhythmus.
Artist 2: Das ist doch bestimmt auf ZYX.
Debug: Fast, auf Rams Horn.
Artist 2: Ah, okay. Du hast aber auch schöne Platten hier. Da stimmt auch die Grafik. Kennt ihr noch Silicon Teens? Die haben mal ein Album gemacht. Voller Coverversionen. Alles immer ein bisschen zu schnell und zu hektisch. Das hörte sich auch so an wie: ”Lasst uns das mal schnell machen.“ (liest vom Cover ab) Nightlife Unlimited, I Love The Night In New York …. allein der Name …. beste Platte bis jetzt. Stimmungsmäßig ganz anders als das New York, das Heaven 17 vorhin beschrieben haben. Aber die hatten ja auch Honeymoon.

Freestyle – It’s Automatic (Music Specialists)
Artist 2: Ich finde das so geil, dass man damals dachte, dass wir heute in Clubs zu solchen Sachen tanzen. Futuremusic. Und draußen fliegen die Autos vorbei.
Artist 1: Womit wir auch schon beim neuen Artist-Unknown-Album sind.
Debug: Bei Futuremusic?
Artist 1: Ja, Futuremusic, it’s the new thang.
Artist 2: Das Stück finde ich ganz charmant. Ein bisschen holprig vielleicht.
Debug: Das ist von Pretty Tony, dem bekanntesten Miami-Bass-Produzenten.
Artist 2: Zu Miami Bass hatte ich eigentlich auch immer einen ganz guten Draht. Das hatte immer ein bisschen mehr Eier. Das ist aber schon alt, oder? Es kommen ja heutzutage schon eine ganze Menge Tracks raus, die eine ähnliche Ästhetik haben. Finde ich total sympatisch. (singt mit) It’s automatic …. (zu Artist 1) Merk dir das mal.
Artist 1: Stimmt, ist eine super Hookline. (Gelächter) Muss dann aber komplett mit so einem leicht spastischen Tanz, der an die Augsburger Puppenkiste erinnert, aufgeführt werden.
Debug: Spastic Futuremusic, ist das das Konzept für euer neues Album?
Artist 2: Nicht ganz, der Titel ist Spastic Future Emolectro. (Gelächter)
Debug: So so, Emolectro? Heiß!

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Elektronische Lebensaspekte.