Deichkind sind schwer gespalten: Porsche oder Biodiesel, Askese oder Komplettdelirium, intellektuelle Reflektion dessen, was man tut oder einfach Hau-Drauf auf der Bühne?
Text: Ji-Hun / Jan aus De:Bug 126


Deichkind sind laut eigener Aussage aufgeteilt in zwei Lager: Kapitalisten und Dinkels. Es gibt also zwei Fraktionen für nahezu alles: Porsche oder Biodiesel, Askese oder Komplettdelirium, intellektuelle Reflektion dessen, was man tut oder einfach Hau-Drauf auf der Bühne.

So massiv und einheitlich die Liveshows sind, so unterschiedlich die Bandmitglieder. In der Kombination kommt es daher zu fast verstörenden Situationen: So ist zwar Ferris MC, der Deichkind-Neuzugang, beim gemeinsamen Musikhören nicht dabei, lässt aber sein Fehlen durch kleine, putzige Süßigkeitenbeutelchen entschuldigen, die selbst Omi zu Weihnachten nicht liebevoller gebunden bekommen hätte. Rabaukentum und Rosenkavalier gehen also doch zusammen. Die Band ist für die Jungs ernste Gruppentherapie und Kegelverein zugleich. Da wird dennoch erstmal Schampus ausgeschenkt und ausgiebig über alles auch jenseits der Musik getratscht. Über das geglückte Scheitern im deutschen HipHop, Backpfeifen von Erobique und die Versöhnung mit dem Hässlichen.

Eins Zwo – Ich so, Er so (Sport EP/Yo Mama 1998)

Sebi: (sofort) Dendemann ist das.

Tony: Das ist Dede, unser alter Kumpel. Der Daniel Ebel. Ganz charmant wie er das macht. Also gerade die Nummer.

De:Bug: Könnt ihr damit noch was anfangen, mit HipHop?

Porky: Klar, er ist auch ein großartiger Entertainer, wie er sich auf die Bühne stellt und performt … ist immer unglaublich.

Tony: Vor seinem Melt!-Auftritt im letzten Jahr habe ich ihm einen großen Rosenquartz in die Hose gesteckt, damit er geschützt ist gegen böse Blicke und nach dem Konzert hat er mir den wiedergegeben. Das war dann auch eine super Show, die er da gemacht hat.

Phono: Ich fand das jetzt ganz OK, aber ich hör das jetzt selber nicht. Hat mich nie so interessiert. Aber ich fand ihn als Typen schon nicht so schlecht, er war einer der wenigen, die mich dann doch irgendwie interessiert haben.

Tony: Interessant ist, dass er eigentlich immer rappt, wenn man sich mit ihm unterhält, vor allem, wenn er ein Glas getrunken hat.

Porky: Und vor allem immer mit Metaphern.

Phono: Ich hatte immer das Gefühl, dass er selber auch noch ein bisschen in etwas Isoliertem drin steckt.

Sebi: Ja klar, er hatte auch immer so seine Phasen, in denen er den deutschen HipHop tot glaubte.

Tony: Wir haben ja auch seine erste Solo-Platte mit ihm aufgenommen, das “Schweigen-Dilemma“, so eine 4-Track-EP. Das war eigentlich ein ziemlich trauriger Moment, weil er nicht richtig wusste, in welche Richtung er jetzt gehen soll.

De:Bug: Du meintest ja auch gerade, das hätte dich geflasht. Ich wundere mich, dass du so ne typische HipHop-Sprache noch benutzt, ihr seht gar nicht mehr so aus.

Tony: Man schwelgt ja dann auch, damals hab ich drauf geflasht, das kann man nicht anders ausdrücken. Es gab zwei Platten im deutschen HipHop, die mich lange beeindruckt haben: Eins Zwo und die Kopfnicker von Massive Töne. Eine gewisse Faszination mit der HipHop-Szene war da, sonst hätten wir diesen Weg nicht gewählt. Wir wollten Akzeptanz. Aber im Nachhinein merkt man dann, dass es für die Bandentwicklung oder für unsere persönliche Entwicklung total ok war, von der Szene nie akzeptiert worden zu sein.

Sebi: Als Möglichkeit, diese HipHop-Szenerie am Türrahmen der Technofreiheit abzustreifen.

De:Bug: Und das habt ihr wirklich so empfunden, da außen vor zu stehen?

Tony: Doch, wir standen außen vor, deswegen sagen wir auch hier noch mal: Danke deutscher HipHop, dass du uns nie akzeptiert hast, dass wir jetzt so sind wie wir sind!

Vex’D – Pop Pop V.I.P (Degenerate/Planet Mu 2005)

Porky: KLF?

De:Bug: Ne, ein bisschen neuer.

Sebi: Klingt auf jeden Fall englisch.

Tony: Ist mir spontan zu frickelig, da komm ich nicht rein.

Sebi: England hat ja auch das Problem, immer was Neues rausbringen zu müssen

Tony: Obwohl die Sounds geil billo sind, gleich kommt bestimmt ne Frau, die rappt. Erinnert mich ein bisschen an die alten Powerhouse-Jungle-Zeiten. Zwischen Jungle und 2-Step, ganz geil.

Phono: Obwohl ein bisschen grobschlächtig, ist auch was Filigranes drin. Deichkind ist ja auch das Bekenntnis zum Stümpertum, es geht ja gar nicht darum, so etwas wie feine Musik zu machen, sondern es ist eher der Soundtrack zur Liveshow. Man hat sich ja damit abgefunden, dass man nicht in der Lage ist, die Musik zu machen, die man selber gut findet.

De:Bug: Muss zum “Aufm-Bauch-rumtrommeln“ passen?

Phono: Muss es nicht, aber ich glaube, das darf dann passieren, wenn man das in dem Moment gut findet, ist alles zugelassen, finde ich.

Mark Boombastik – Putzen (I’m Single 2008)

Sebi: Das haben wir auch schon mal gehört.

De:Bug: Ich will es jetzt nicht mit Deichkind vergleichen, aber es ist zumindest deutscher Gesang.

Sebi: Ist das nicht Mark Boombastik? Hab ich mal live gesehen.

Phono: Das hat auch was sehr Unangenehmes für mich, aber das muss nicht abwertend gemeint sein, weil Deichkind sich auch mit diesem Unangenehmen auseinandersetzen. Wir selber begeben uns auch immer wieder in die Situation des für uns Unangenehmen, weil da für uns auch was sehr Reizvolles und Fruchtbares drin steckt.

Tony: Er benutzt dieses “Putzen“ als perkussives Element und wir hatten auch mal so einen Track der hieß “Bist du bekifft?”, das war so wie Kick-Kick-Snare: Bist-du-be-kifft. Hat es leider nicht auf unser Album geschafft.

Phono: Auf jeden Fall steckt im Hässlichen auch was Wunderbares.

Porky: In Berlin versteht man das.

Phono: Vielleicht haben wir das selber noch nicht ganz verstanden, warum wir uns selber auch dem Hässlichen zuwenden wollen, aber es ist eine Faszination, die uns auch ausmacht.

Sebi: Jetzt weiß ich, wo ich es her habe: Jamie-Lidell-Konzert in Hamburg, der macht ja auch so Zaubertricks am Laptop, bei denen man sich denkt, was soll das jetzt? Danach war Mark Boombastik im Pudel, war anscheinend in seinem Ego berührt und hatte dann so ein Battle mit Jamie Lidell laufen. Er wollte wohl zeigen, dass er das auch kann. Ging aber nicht so ganz auf.

De:Bug: Der Reiz am Grenzwertigen ist auch ein Hamburger Ding, oder? Ich denke da an Erobique …

Sebi: Ja, der ist sehr grenzwertig.

Tony: Der haut gern auch mal eins in die Fresse. Er hat Porky schon mal ne Backpfeife gehauen.

Porky: Ich meinte nur, dass er gut aussieht, nicht so fett wie sonst. Das war gar nicht böse gemeint. Ich dachte wirklich, er hätte abgenommen, und dann “Bamm“ hat er mir ne Backpfeife gehauen. War aber OK in dem Moment. Ich hab’s ihm verziehen, hab schon wieder gesoffen mit ihm. Es war ein Schockmoment, aber irgendwie war das unter Gentlemen dann auch in Ordnung.

Sebi: Vielleicht hat das ja auch mit dem Hamburger Minderwertigkeitskomplex zu tun, immer die kleinere Stadt gewesen zu sein.

Phono: Die Flucht in den Grenzbereich ist ja auch immer ein Freifahrtschein, eine Entschuldigung, man muss nicht für alles gerade stehen, was man gemacht hat.

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James Last – Tritsch-Tratsch-Polka (Happy Polka/Polydor 1972)

Porky: Heidi Kabel!

Tony: Stell dir mal vor, jetzt singt Jochen Distelmeyer!

Phono: Manfred Krug?

Wenn ich sage, dass es instrumental ist, ist es ziemlich offensichtlich.

Tony: Bud Spencer und Terrence Hill!

Porky: James Last!

Sebi: Hansi! Wir haben ja auch ein Studio in Miami, da wohnt der gleich um die Ecke. Die Zeit ist noch vorbeier als deutscher HipHop.

Phono: Ist ja auch was sehr Volkstümliches, genau wie Deichkind eigentlich. Aber James Last ist einfach der schlechtere Bert Kaempfert.

De:Bug: Der war sehr unterschätzt und verkannt. Es macht euch aber keinen Spaß, alle Untiefen des Entertainment-Geschäfts durchzuhören?

Phono: Da sind wir mit unseren eigenen Untiefen noch zu sehr beschäftigt, so weit sind wir noch nicht vorgedrungen. Wir kommen jetzt mit zwölf Jahren erst in die Band-Pubertät. Erst HipHop-Jahre, dann Langeweile, dann das Austesten der Grenzen und mit dem dritten Album befinden wir uns jetzt vielleicht bei der Reflexion der Grenzerfahrung.

Sebi: Mir fehlt die Dunkelheit, das ist beschissene Heiterkeit, Auch wenn Remmi Demmi vielleicht totaler Frohsinn ist, ist das nochmal ne härtere Gangart. Beschissene Heiterkeit!

De:Bug: Hat das nicht was total Neurotisches, gerade weil es einem so reingepresst wird?

Sebi: Bei mir kommen bei so einer heiteren Musik immer ganz schlimme Bilder, ich will jetzt keine von denen nennen, aber es löst bei mir tatsächlich das Gegenteil aus.

Phono: Das geht aber bestimmt vielen unserer Hörer auch so.

Marc Houle – Techno Vocals (Minus/2007)

Tony: Geile Kick! So würde ich auch Beats programmieren. Früher hätte ich so was schrecklich gefunden, aber heute …

Phono: Wobei das schon Off-Beat ist. Deichkind sind da mehr Rock.

De:Bug: Das ist Marc Houles “Techno Vocals“. Ich wollte das als programmatisches Stück für Techno und Vocals nehmen.

Phono: Ach, ich kenn das sogar.

Tony: Kann man gut hören. Schöne Autofahrmusik.

Phono: Ich kann mich sogar noch genau erinnern, wie ich diese Platte angehört, aber dann nicht gekauft habe. Macht aber schon was her! Die Minus-Platte mit dem meisten Humor.

Tony: Ist das denn lustig gemeint?

De:Bug: Ich glaub schon, dass Marc Houle noch am meisten Humor hat. Hör’ dir mal seine Basslines an …

Phono: Das waren auch immer die einzigen, die ich auf Minus gut gefunden hab.

Tony: Cool.

Sebi: Wollen wir nicht ‘ne kleine Party feiern? Ey, macht doch mal die Rollläden runter. Wir machen jetzt Rave!

Schoolly D – Am i black enough for you? (dito/Jive 1989)

Tony: Das ist doch so ein altes Funksample?

Porky: Ist das nicht NWA?

De:Bug: Ne, aber die Zeit stimmt.

Sebi: Aber die 90er stehen wieder vor der Tür.

Phono: Das findet man auf jeden Fall wieder gut, vor drei, vier Jahren war das noch verpönt.

Tony: Ich fands früher gut, jetzt nicht mehr. Letztens hab ich ”3ft high and rising” von De La Soul gehört und dachte: Was ist das denn für eine leise Produktion?

De:Bug: Findest du? Da bist du auch gar nicht mehr romantisch, so bei alten Premier-Platten zum Beispiel?

Tony: Nein, es hat einen anderen Wert. Wenn man sich aber selbst mit Sounds beschäftigt hat, fällt einfach auf, dass es wahnsinnig leise ist. Es brüllt einen überhaupt nicht an.

Li’ll Bo Tweak – K Rizzle (Made to Play/2007)

Tony: Ein bisschen langweilig …

Porky: Aber die Produktion ist super. Diese Höhen …

Phono: Da kann man an der Bar stehen, ist in Ordnung, ist aber nicht so wow. Aber das ist eher aktuell oder?

Tony: Die Sounds hören sich total alt an.

Phono: Ich steh immer auf Klarheit und weniger auf das Hypnotische. Wobei, wenn ich so selber tanze find ich das auch gut, aber zum selber auflegen steh ich da nicht so drauf.

De:Bug: Das ist relativ aktuell. Die Nummer heißt K Rizzle von Li’ll Bo Tweak auf Made to play.

Tony: Lustig, dass du das Label immer dazu sagst, das ist ja immer so die dritte Instanz. Ich würde das nie so machen.

De:Bug: Elektro hat man doch auch nach dem Tommy-Boy-Label oder so gekauft.

Phono: Ja klar, ich leg ja auch selber auf und da ist es natürlich schon so, dass man seine Lieblings-Labels hat. Es geht ja darum, möglichst viele Stücke zu bekommen, die man auch gerne auflegt. Und man merkt, dass es immer so die gleichen Pappenheimer sind, die die Stücke herstellen, die man selber gut findet.

Alter Ego – Fuckingham Palace/Modeselektor Remix (What’s Next?!/Klang 2008)

(Kirchenglocken im Intro und Kuhgemuhe)

Porky: Boah, ich hab eine Kirche vor meiner Haustür, mach das aus, Alter!

De:Bug: Hast du auch Kühe vor deiner Haustür?

Tony: Ich hab Laserguns vor meiner Haustür. Das fänden die Beastie Boys auch ganz gut, diesen Sound. Find ich gut.

Phono: Ist halt auch dieses nicht ganz so offensichtliche Crossover.

Tony: Die Beastie Boys würden aber half-time darüber rappen.

Sebi: Jetzt ist es auch ein bisschen Seed-mäßig.

De:Bug: Modeselektor sind das. In einem Alter-Ego-Remix, erkennt man dann vielleicht nicht direkt.

Tony: Find ich geil, auch so ein bisschen evil. Das mag ich.

Sebi: Aber Modeselektor sind auch gerade ziemlich angesagt, international.

Tony: Sind die größer als Digitalism?

Phono: Nee, also was heißt größer? Ich glaub, wenn man auf die MySpace-Seiten guckt, hat Digitalism bestimmt noch ein Vielfaches mehr an Klicks.

De:Bug: Gut, wir wollen jetzt auch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Phono: Naja, vielleicht unterschätz ich die noch so ein bisschen.

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Elektronische Lebensaspekte.