Cool ist es, sich einen feuchten Kehricht ums Coolsein zu scheren. Emotionalität ist cool. Soul. Jazzanova haben das Konstruktionsprinzip des Soul bis ins Kleinste analysiert und nachgebaut, um an die Emotionalität ranzukommen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 127


Musik hören mit
Jazzanova

“Of all the things” markiert eine radikale Zuspitzung: weg von der gesampelten Beat-Science, hin zum live eingespielten Album mit Songs und Sängern. Und was für Sänger. Neben Paul Randolph oder Ben Westbeech schmachtet unverkennbar Schlafzimmersoul-Legende Leon Ware. Trotz dieses Bekenntnisses zu wertkonservativem Qualitäts-Soul haben sie natürlich nicht ihren Sinn für die musikalischen Pirouetten aller Couleur verloren, die universell interessierten Crate-Digger, die sie sind. Aber bei Don-Quichotte-Casio-Italo ist die Toleranzschwelle doch erreicht.

Ich habe Jazzanova immer als zweisträngig wahrgenommen, einmal die Beatscience und einmal die Soulliebhaberei. Jetzt wirkt es für mich so, als wärt ihr mit der Soulliebhaberei an einem Höhepunkt oder vielleicht auch einem Endpunkt angelangt.

Alex: Soul spielt für uns generell eine große Rolle, sowohl was das Empfinden von Musik angeht, aber auch als Musikrichtung. Man kann nicht von einem Ende reden, eher von einer Art Anfang.

Das Album markiert einen einschneidenden Punkt. So viel live eingespielt, mit so vielen Sängern gearbeitet …

Axel: Wir haben fast alles live eingespielt, bis auf einen Song. Das war auf jeden Fall neu. Wir haben viel experimentiert.

Stefan: Musikjournalisten machen gerne den Fehler, nur auf den Musikstil zu achten. Wir wollen coole Emotionen rüberbringen, ob wir das jetzt mit kräftigen Soulstücken machen, ob ein bisschen mehr Rock dazukommt oder wieder mehr Jazz, wird sich in Zukunft zeigen. Früher waren unsere Stücke immer sehr hybrid und sollten ja nicht in irgendeine Richtung eingeordnet werden können. Jetzt ist es für mich auch gut zu sagen, das ist ein Soulstück, das ist ein Brasilstück. Das finde ich viel aktueller denn je.

Fühlt ihr euch wie Donald Fagen, als jemand, der von außen eine ethnisch anders gelagerte Kultur aufgreift und nachbaut?

Alex: Ich höre ja schon seit 17, 18 Jahren Soulmusik und das ist so verinnerlicht, da könnte ich gar nicht mehr entscheiden, ob etwas von außen kommt oder nicht.

NERD – Happy (Seeing Sounds, Star Trak 2008)

Axel: Neptunes, oder?

Ja genau. Die sind den umgekehrten Weg gehen, kommen aus der HipHop/R’n’B-Ecke und machen jetzt so ein U2-mäßiges Stück.

Alex: Das erste Album von denen war ja ein komplettes HipHop-Album mit Drummachine, sie haben es dann aber vom Markt genommen und live nachgespielt. Das war ein Wendepunkt, an dem viele Bands gemerkt haben, dass man durch Live-Auftritte auch Geld verdienen kann.

Axel: Die Neptunes waren schon immer Rock-affin. In Bezug auf uns würde ich sagen, dass es nicht die allerneuste Sache der Welt ist, dass Musiker eine Wendung in eine andere Richtung machen und von da Inspirationen bekommen. Es gibt auch genug Leute aus der Live-Szene, die jetzt alles elektronisch machen und das viel schöner finden. Wir haben aber die letzten elf, zwölf Jahre nur programmiert und Texturen per Step-by-Step-Programmierung erzeugt, da ist es einfach was ganz anderes, jetzt selbst Akkorde einzuspielen, auch wenn da vielleicht kleine Fehler drin sind. Das macht es ja erst reizvoll.

Wie steht ihr zu Amy Winehouse? Ist das nur Nostalgie-Ausnutzung?

Alex: Da ist der Fokus auf der Performance-Seite zu sehen. Das ist natürlich schon ganz gut produziert, aber eher den Bedürfnissen eines breiten Massenpublikums angepasst. Sie als Performerin sticht natürlich ganz klar heraus, da kann man die Musik fast schon wieder vernachlässigen. Das ist legitim, weil es Leute wieder für diese Art von Musik sensibilisiert. Unser Ansatz ist aber eigentlich ein anderer.
Wir sind erst mal keine Performer, sondern haben uns immer als Produktionsteam im Hintergrund gesehen. Wir werden jetzt erst als DJs Performances bieten. Das kann gut gehen – oder auch nicht.

In welcher Rolle auf der Bühne?

Alex: Wirst du sehen! (Gelächter)

Leon Ware: Learning how to love you (Musical Massage, Motown 1967)

Axel: Leon Ware.

Ich finde interessant, dass Leon Ware so ein Beispiel für Schlafzimmersoul ist. Dieses Modell des ”Senior Sex Citizen“ gibt es im weißen Bereich gar nicht, oder? Da ist man immer gleich ein geiler alter Sack.

Axel: James Last! (Lacht)

Alex: Leon Ware ist auch immer noch so. Wir hatten den ja vor Ort und der kann einem jungen Menschen auch noch was erzählen über Sex. Hat er dann auch zur Genüge gemacht. Ich habe schon immer das Gefühl, dass es sich beim Soul sehr viel um Sex dreht, und selbst wenn sich etwas nicht darum dreht, zieht es die Energie daraus. Er verkörpert das total krass. Wenn er anfängt zu singen, dann denkst du sofort an die schönste Sache der Welt. (Gelächter)
Er ist an uns herangetreten, denn er hatte ein Projekt, das sich ”Pink Dancer“ nannte, da sollten wir auch einen Beitrag machen. Wir haben ein bisschen rumgejammt und kamen ins Gespräch. ich erzählte ihm, dass “Rockin’ you eternally” mein Lieblingssong von ihm ist, weil der auch in den DJ-Kreisen eine Rolle spielt. Wir haben uns den Song angehört und festgestellt, dass Marcus Vallé den mitproduziert und mitgeschrieben hat. Wir haben uns richtig in den Song vertieft, um zu erfahren, warum er so klingt, wie er klingt. Das war ein Paradebeispiel für anderes Sampling, sehr nah am Original.

Was macht denn so ein älterer Gentleman heute?

Axel: Der hat gerade ein Album gemacht. Er ruht sich auch nicht aus, obwohl er bestimmt schon genug Geld hat.

Alex: Dadurch, dass ständig jemand von ihm samplet, z.B. Mary J. Blige, kann er ein gutes Leben führen.

Aber der Performer steckt trotzdem in ihm?

Alex. Ja klar. Aber in der Zwischenzeit schickt er auch mal Bilder, wie er dicke Fische angelt in Santa Monica.

Wieso ist er auf euch zukommen?

Alex: Er hat etwas mit Kenny Dope und Spinna gemacht. Dann wollte er uns auch mal checken. Ich glaube, er war sowieso in der Ecke, er tritt wohl öfter in Amsterdam auf.

Magazine 60: Don Quichotte (12inch, CBS 1984)

Alex: Italienisch oder spanisch?

Mein Lieblingsbeispiel für völlig alberne Italo-Disco. Magazine 60 heißen die.
Das ist ja eine Ecke, in die viele, die einen gleichen Hintergrund haben wie ihr, hingedriftet sind, Metro Area zum Beispiel …

Alex: Da gibt es ja auch Gutes und Schlechtes. Ich habe vor fünf Jahren mal versucht mich da reinzuarbeiten. Die Sachen, die wirklich gut sind, sind doch sehr überschaubar. Für unsere Ohren zumindest. Wenn es dann in eine ganz krasse Cheesigkeit abdriftet, wo die Harmonien schon an Schlager erinnern, geht’s dann nicht mehr. Aber sonst spielt es eine Rolle, die guten Sachen kommen aber immer aus dem hybriden Bereich, von NewWave-Leuten, David Byrne von Talking Heads ist für mich da ein Beispiel. Ich bin nicht der größte B 52‘s-Fan, aber die ”Mesopotamia“-Platte, die Byrne produziert hat, finde ich wieder gut.

Aber zu novelty-mäßig sollte es auf keinen Fall sein?

Alex: Ich verstehe es manchmal nicht. Beim Plattenauflegen gehe ich davon aus, dass ein DJ das bewusst macht. Aber auch da gibt es einen Reiz, totale Scheiße aufzulegen und andere Leute vertrauen dir und finden das auf einmal cool. Ich kann mir vorstellen, dass so wirklich Trends entstehen.

Ist euch das aufgefallen mit ”The voice of Q“? Das war jetzt auf der Mix-CD von Damian Lazarus für Soma. Plötzlich haben das alle 17-jährigen Kids auf ihrem Rechner.

Alex. Das ist ja bei uns nicht anders. Es gibt ja zu jedem Jetztzeit-Movement auch ein Movement in der Vergangenheit. Das ist ja das Schöne an der Musik, dass es eigentlich nie ein Retrovorwurf sein kann. Man kann sich vorwerfen lassen, dass man etwas schlecht umsetzt, aber nicht, dass man alte Musik macht.
Wir wurden ja auch oft als Retro-Typen abgewatscht. Zu jedem Entwurf heute gibt es aber etwas in der Vergangenheit. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Ich finde, dass die Grenzen zwischen alt und neu verschwimmen. Deshalb funktionieren auch Sachen wie Amy Winehouse im Radio und im Club.

Ihr hattet ja auch das Problem, dass Techno zu eurer Anfangszeit einen nur auf die Zukunft gerichteten Blickwinkel hatte, aber das ist ja längst nicht mehr so.

Chaz Jankel: No.1 (12inch, A&M 1985)

Axel: Chaz Jankel …

Dadurch, dass ihr das gleich erkannt habt, nehmt ihr mir ein bisschen den Wind aus den Segeln, da ich eigentlich darauf hinauswollte, dass ihr euch um Musikentwicklungen in UK wenig gekümmert habt.

Alex: Wir sind schon eher die US-Typen. Aber man muss sagen, dass es da auch Zwischenstationen gibt. Es gab eine Zeit, als Gilles Peterson für England Sampler mit Ami-Sachen zusammengestellt hat. Wenn man in Amerika eine Retro-Black-Bewegung hätte starten wollen, wäre das schwierig geworden. Da gab’s neue Varianten wie HipHop. Das James-Brown-Revival-Ding, das auf einmal Acid-Jazz geworden ist, das musste in England passieren.

Würdest du sagen, man kann einen Unterschied zwischen einem amerikanischen und einem englischen Sound machen?

Alex. Es ist ein bisschen cleaner in England. In Amerika waren das viel mehr so Collegebands oder super kleine Label, wogegen in England die Musikindustrie seit den Beatles so strukturiert war, dass wenig Independent-Sachen passiert sind und eher Leute mit einem sauberen Sound vorgezogen wurden.

Axel: Für mich war England auch eine Art Einstieg. Ich habe 1987 Coldcut und später Bomb The Bass gehört. Dieser Sample-Craze parallel zu Acid war eine lustige Spielwiese, da war HipHop, House und alles schon mit drin. Darüber bin ich auch erst zum HipHop gekommen. Ich kannte erst den Coldcut-Remix von Eric B & Rakim, bevor ich mich mit Eric B & Rakim beschäftigt habe. Die HipHopper in Amerika sind die mit den Goldketten gewesen, die in England die mit den lustigen Hüten.

Und die HipHopper in Amerika wollten ja auch was erzählen, die in England eher nicht so.

Alex: Mittlerweile wollen aber die Engländer mehr erzählen, z.B. Ty und Roots Manuva, die sind ein bisschen mehr serious.

Morgan Geist: The Shore (Double Night Time, Environ 2008)

Das ist neu.

Alex: Klingt aber ganz schön alt. Könnte das Morgan Geist sein?

Ist Morgan Geist.

Alex: Mit dem Junior-Boys-Sänger. Ist auch ein sehr zugängliches Album, oder?

Das ist eines der eingängigsten Stücke, aber das Soundgerüst ist schon ziemlich komplex. Und das finde ich ziemlich England-80s-mäßig.

Stefan: Diesen über zehn Jahre anhaltenden Hype der 80er sollte man auf eine ganz lockere Weise durchbrechen. Das Revival dauert mittlerweile länger als die 80er selbst und irgendwann kann man auch mal was anderes ausprobieren.

Alex: Ich habe jetzt schon von ein paar namhaften NewDisco/Balearic-DJs gehört, dass die wieder unsere alten Nummern spielen. Das ist schon lustig.

Style Council: Soul Deep/A Miner’s Point (12inch, Polydor 1984)

Das müssen wir jetzt komplett durchhören.

Alex: Ist das ein Interview?

Ja. Ich drehe mal um. Das ist eine 84er-Maxi von Style Council.

Alex: Ich wollte gerade sagen, der singt ja wie Paul Weller.

Das ist ein Allstarsprojekt, da sind auch alte Soulleute mit dabei. Das wurde zur Unterstützung der Bergarbeiter aufgenommen, damals diese Streiks. Auf der Rückseite ist ein Interview von Paolo Hewitt mit zwei Bergarbeitern. Diese Verbindung von Soulpop mit Politik gibt es ja heute überhaupt nicht mehr.
Was haltet ihr von einem direkt politischen Engagement?

Axel: Ich habe von Pink gelesen, das war ja sehr politisch.

Alex: Und dieses Eminem-Album, das gefloppt ist, eben weil es politisch war. Eigentlich gab es ja auch noch dieses Kanye-West-Album, ”What’s your addiction“, da ging es darum, dass ihm immer alle etwas verbieten, aber er genau das will.

Stefan: Lustigerweise hat ja unser Song ”Lie“ einen leicht politischen Einschlag.

Alex: Joe Dukie hat ja auch quasi angeregt von uns einen Konsumkritik-Song hingelegt. Vielleicht sind wir die Einzigen, die das Genre noch bedienen. (lacht)

Stefan: Es ist aber immer komisch, Songs mit einem speziellen politischen Anlass 20 oder 30 Jahre später zu hören, weil man sich dann fragt, was die allgemeingültige Bedeutung ist. Ich find’s immer schöner, Songs mit allgemeingültiger Bedeutung zu schreiben, damit sie einfach länger leben. Obwohl es natürlich auch etwas für sich hat, Songs aus einem konkreten Anlass zu schreiben. Es gibt von den Byrds einen Song, den sie auf einem Hippie-Festival aufgenommen haben, auf dem irgendetwas verboten wurde oder sie von der Bühne mussten. Aus diesem Anlass haben sie dann den Song geschrieben. Das wird beim Hören nicht ersichtlich, aber wenn man die Geschichte dazu kennt, macht es Sinn.

Aber es ist nicht so, dass es zwar aus der damaligen Zeit nachvollziehbar ist, aber von heute aus gesehen naiv wirkt?

Alex: Nein, ich denke, im Gegenteil. Wir sind ja selbst keine Songwriter in dem Sinne, dass wir die Texte schreiben, aber für mich persönlich wäre das eine Verpflichtung, Sachen anzuprangern, die einem nicht gefallen.

Stefan: Es gibt aber auch immer die Gefahr, dass das zu sehr mit dem erhobenen Zeigerfinger daherkommt.

Alex: Ich gehe jetzt davon aus, dass jemand, der gute Songtexte schreibt, das so verpacken kann, dass jeder sofort weiß, worum es geht, den erhobenen Zeigefinger aber nicht spürt.

Stefan: Man darf natürlich vergessen, dass es ja eigentlich nur bekannte Künstler sein können, andere finden ja gar kein Gehör. Es gibt natürlich noch tausende kleine Punkbands …

Aber die machen ja genau das, was von ihnen erwartet wird, Es wäre wahrscheinlich spannender, wenn eine Punkband mal ein sleazy Loversstück aufnehmen würde.

Alex: Na ja, das ist immer so eine Sache, wie man sich selbst im Musikzirkus positioniert. Vielleicht möchte man ja auch nur eine gute Zeit haben, das soll auch erlaubt sein.

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Elektronische Lebensaspekte.