Marcel Dettmann wuchs stilecht in der Techno-Provinz Brandenburg auf, er arbeitet im Hardwax, ist Berghain-Resident, und obendrein noch Produzent und Labelbetreiber.
Text: Anton Waldt & Philipp Bullwein aus De:Bug 123


Marcel Dettmann arbeitet gleich in zwei Berliner Techno-Institutionen, im Hardwax und im Berghain. Im Traditions-Plattenladen Hardwax ist er zusammen mit Torsten Pröfrock für das Sortiment zuständig, ihre Ohren entscheiden, was in die Kreuzberger Vinyl-Fächer kommt. Dem Berghain ist Dettmann, der stilecht in der Techno-Provinz Brandenburg aufwuchs, seit 1999 als Resident-DJ verbunden. Hier übernimmt er bevorzugt die Spätschicht ab sieben Uhr morgens, außerdem mischt er beim Club-eigenen Label Ostgut-Ton mit, aktuell mit der Mix-Compilation-CD “Berghain 02”. Und zu guter Letzt betätigt Dettman sich auch als Produzent und Labelbetreiber. Das heißt schnörkellos MDR, und genauso schnörkellos sind auch die Tracks, die er veröffentlicht: Bassdruck, Percussion, Dynamik, keine Vocals, keine Melodien, kein Schnickschnack.

Legion of Green Man – Veneration (Post Contemporary, 1995)

Marcel Dettmann: Das hört sich für mich nach frühen 90ern und England an.

De:Bug: Frühe 90er passt, England nicht.

Marcel Dettmann: Dann Belgien? OK, nee, Quatsch. Dann Europa. Das ist schon so ein bisschen … dieser Loop ist super, der läuft und läuft und läuft.

De:Bug: Das ist ja auch eine Endlosrille: Weil du unlängst sagtest, dass Loops für dich nur funktionieren, wenn du sie wirklich stundenlang hören kannst.

Marcel Dettmann: Ja, aber dabei geht es mir hauptsächlich um meine eigenen Sachen. Meine Produktionsweise basiert darauf, Loops herzustellen und sie dann sehr ausführlich zu hören. Erst dann fange ich an, Sachen darumzubauen. Höchstens zehn Spuren, Bassdrum, Bass, HiHat, einen gefilterten Sound, der die Melodie ersetzt, und that’s it. Die ganz simple Art, wie man halt Techno macht! Und damit ich meine Sachen auch in fünf Jahren noch hören kann, ohne zu denken “Oh Gott, was habe ich da verbrochen”, höre ich meine Loops richtig gründlich. Ich bin kein Mozart, kann weder Klavier spielen oder etwas in der Art, also mache ich Techno nach Gehör. Bei Robert Hood zieht es sich ja auch gerne zehn Minuten, du hast aber immer wieder so leichte Verschiebungen im Track und das kannst du stundenlang hören. Das ist meine Schule.

Robert Hood – Rek (Internal Empire LP/Tresor 1998)

Marcel Dettmann: Genau das meine ich. Ein Sound, der immer wieder kommt, Bassdrum und HiHats laufen durch. Großartig! Das ist übrigens Internal Empire von Robert Hood.

De:Bug: Richtig. Eins mit Goldsternchen! Hast du Momente, wo dir ob des minimalen SetUps einfach nichts mehr einfällt?

Marcel Dettmann: Ich denke oft, das ist mir zu banal oder das erinnert mich zu sehr an irgendetwas anderes. Ich beschäftige mich seit 15, 16 Jahren mit Techno. Und da sagt man sich: Das klingt zu sehr da nach, das klingt zu sehr dort nach. Man muss es halt neu interpretieren.

De:Bug: OK, wir meinten auch eher, ob dir das strenge Korsett des Loop-Technos nicht manchmal zu eng wird?

Marcel Dettmann: Ich weiß, was du meinst, aber ich gehe es ja nicht so an, dass ich mir sage: Es muss immer nach diesem Rezept gemacht sein. Zum Beispiel, es muss für den Club sein. Aber ich denke nicht in Kategorien. Das ist das Schöne daran, wenn man nicht Klavierspielen kann.

Cusp – Drone Um Futurisma (Probe Records, 1992)

Marcel Dettmann: Das ist eine alte Probe, die habe ich so 92, 93 gekauft. Ist aber schon sehr EBM-mäßig. Finde ich großartig: kurzes, simples Break und weiter geht’s.

Drexciya – Soul Of The Sea (Harnessed The Storm LP/Tresor 2002)

Marcel Dettmann: Drexciya. Unfassbar. Das hat so viel Tiefe. So dark und dann auch diese Message mit den Titeln: Unter Wasser. Un-fass-bar! Ich bin schon auf deren erste Platte total abgefahren.

De:Bug: OK, dann kommt jetzt was Schweres.

Swans – Beautifull Child (Fell good now, Love one, 1987)

Marcel Dettmann: Das ist cool. Klingt erst mal wie ein Konzertmitschnitt, der aus der Vorhalle aufgenommen wurde. Kann ich nicht einordnen, aber ich mag so Drones-Kram, finde ich super. Früher, so mit 14, 15, da wollten wir anders sein. Total anders, da haben wir eben neben Depeche Mode und The Cure …

De:Bug: Das ist Swans, ein Live-Mitschnitt von 1987.

Marcel Dettmann: ’87, wow. Da konnte ich gar nicht drauf kommen, weil ich die nicht kenne.

De:Bug: Wie alt warst du denn 1987?

Marcel Dettmann: Jetzt bin ich 30, die 80er habe ich also gar nicht direkt mitbekommen. Aber ich hatte immer Freunde, die älter waren, und durch die habe ich Depeche Mode, The Cure und Joy Division kennen gelernt, später Industrial-Kram und EBM. Das war für mich die Vorstufe zum Techno, das war tanzbar. Härter, schneller. Front 242, Nitzer Ebb …

De:Bug: … und von da aus ging’s dann in den Tresor?

Marcel Dettmann: Ja, so ungefähr war es. Im Tresor war ich ’92, ’93 zum ersten Mal.

Burial – Pirates (Burial LP/Hyperdub 2007)

Marcel Dettmann: Großartig. Das ist … na, ich komme nicht auf den Namen. Wie heißt er, unser Popstar? Seine erste LP, nicht?

De:Bug: Burial

Marcel Dettmann: Genau, ja. Die erste LP war super. Die zweite war dann so ein bisschen der Versuch, noch mal dasselbe zu machen.

De:Bug: Findest du das vom Appeal nicht etwas poppig, die Two-Step-Beats?

Marcel Dettmann: Also mit Dubstep habe ich mich am Anfang schwer getan. Aber mittlerweile geht es ja auch in Richtung Dubtechno. Zum Beispiel habe ich da zwei unfassbare neue Platten: eine von Pinch auf Punchdrunk, Dubtechno auf einer Seite, die andere Seite so Dubsuppe-Bristolsound. Großartig. Aber Dubstep, da komme ich bis heute nicht so richtig ran. Das Album habe ich aber damals den ganzen Sommer gehört. Ich mag die verspielte, darke Atmosphäre. Das hat sehr viel Tiefe. Auch die Bässe, das ist wirklich cool.

Seba & Paradox – It’s not a dream (Paradox Music 2006)

Marcel Dettmann: Schöner Drum-and-Bass-Track. Finde ich großartig. Mit Drum and Bass hatte ich leider nie viel am Hut, kenne die Nummer aber. Von wem ist die?

De:Bug: Warum hattest du mit Drum and Bass nie viel am Hut?

Marcel Dettmann: Das ist genauso wie mit HipHop. Ich finde Drum and Bass schon großartig, habe das wenn aber nur zu Hause gehört und im Club hat es für mich nicht stattgefunden. Aber da ich DJ bin, habe ich mein Hauptaugenmerk auch auf die Musik gelegt, die ich auflege.

De:Bug: Wieso hat Drum and Bass im Club für dich nicht stattgefunden? Du warst doch im besten Clubalter, als das abging. Oder hast du einfach nicht genug Bongs geraucht?

Marcel Dettmann: Daran könnte es gelegen haben. Was war das denn jetzt?

De:Bug: Seba und Paradox.

Marcel Dettmann: Natürlich. Die kenne ich.

Photek – U.F.O. (Photek, 1995)

Marcel Dettmann: Von der Tiefe ist es halt schon sehr … Das finde ich halt so lustig an Dubstep, wenn man denkt, dass es kein Weiter mehr gibt. Das holt sich halt Dinge von da, von da, von da.

De:Bug: Würdest du sagen, da findet mehr Entwicklung statt als bei Techno?

Marcel Dettmann: Definitiv. Jeder hat seine Roots, daraus wird halt Inspiration geschöpft und dann gibt’s noch mal Leute, die wiederum daraus ihre Inspiration schöpfen. Das ist eine gute Sache, um neue Dinge entstehen zu lassen. Eine Kettenreaktion. Bei Dubstep hört man beispielsweise raus, dass die totale Basic-Channel-Fans sind.

De:Bug: Kennst du die Platte?

Marcel Dettmann: Nein.

De:Bug: Super, das erhöht unsere Quote. Photek.

Marcel Dettmann: Ach, Photek. Klar. Super. Das ist halt auch so deep, atmosphärisch.

De:Bug: Und darauf kommt es an?

Marcel Dettmann: Ja. Auch wenn die darksten Stücke ja nicht unbedingt die besten Clubtracks sind. Ich habe aber einen Hang zum Dunklen. Klar gibt es auch ein paar Disco-Sachen, die man früher bei Mutti im Radio gehört hat und deswegen super findet, aber ansonsten bin ich schon eher mental. Ich lasse mich da nicht so sehr vom Körper leiten.

Like A Tim – Bubbin’ Monkeys (Short Cuts, Djaxx Up 1996)

Marcel Dettmann: Ein bisschen 70er Science Fiction. Anfang der 90er. Belgien, Holland. Das hat eine ganz subtile Happy-Gabber-Attitüde.

De:Bug: Ist auch eine Djaxx-Up-Platte.

Marcel Dettmann: OK, Like A Tim! Wie alt war der am Anfang, 13, 14? Der macht jetzt rohe Clubtracks auf seinem eigenen Label namens Like. Da gab’s ein paar ganz gute.

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Elektronische Lebensaspekte.