Ende der 70er hat Mark Stewart mit der Pop Group Post-Punk mit Dub und Free-Jazz injiziert. Jetzt, 30 Jahre später besinnt er sich mit einem neuen Album und einer Infusion unterschiedlichster Einflüsse und Genres zurück auf alte Stärken.
Text: jan joswig aus De:Bug 121


England ist ein Schmelztiegel. Der Umstand, dass Kultur immer Patchwork-Kultur bedeutet, lässt sich in dem Einwandererland nicht verleugnen. Mark Stewart umarmt diesen Pluralismus. Nichts ist ihm so herzlich egal wie Reinheit oder Minimalismus. Der Eintopf muss brodeln. Je disparater die Zutaten, umso besser.

Mit der Pop Group hat er zu Punkzeiten Ende der 70er einen klaustrophobisch paranoiden Mix aus Industrial, Dub, Funk, Jazz und Megaphon-Poesie unter der Schrottpresse zusammengestaut, der maßgeblich den Bristol-Sound von Massive Attack, Tricky oder Smith & Mighty beeinflusst hat. Später arbeitete er als Mark Stewart and the Maffia mit der ehemaligen Backingband des New Yorker HipHop-Labels Sugarhill Records und mit dem englischen Dub-Pionier Adrian Sherwood zusammen. Immer wird seine Musik von seiner Überpräsenz geprägt. Geprägt, nicht beherrscht. Stewart hat zwar die massige Wucht einer Stalin-Skulptur, er ist aber das Gegenteil eines Egomanen und Tyrannen.

Der dröhnende Klotz von einem Mann ist eine universell interessierte Sozialmaschine mit polterndem Humor, die Teamarbeit zum höchsten Prinzip erhebt. Als manischer Vernetzer versteht er sich selbst nur als kleiner Knoten in einer ständig enger verflochtenen Welt aus Menschen, Materialien und Ideen. Auch auf seinem achten Album “Edit“ bringt er die Talente und Handschriften unterschiedlichster Musiker von Jamaika über New York bis zu den indisch-pakistanischen Einwanderervierteln in London zusammen. Diese suchende Arbeitsweise mit all ihren offenen Enden und produktiven Inkongruenzen garantiert, dass seine Musik auch nach 30 Jahren immer noch eine kämpferische Naivität ausstrahlt, die das Gegenteil von intellektueller Ahnungslosigkeit ist.

Mit unserer Plattenhör-Session stachen wir in den Erfahrungsschatz eines Mannes, der seit Mitte der 70er scheinbar immer an den richtigen Orten war.

Art Of Noise – Camilla, That Old Story (In visible Silence, Chrysalis 1986)

Mark Stewart: Klingt wie ein Mix aus Charlie Haden und Art of Noise. Die frühe Detroiter Technoszene fand diesen Synthiepop wie Art of Noise oder sogar Visage so exotisch wie ich heute Raggaton, Booty Bass oder Baltimore Club. Ein Track wie “Pleasure Boys“ von Visage, den in England alle für totalen Müll hielten, hatte einen enormen Einfluss auf Techno. Im Detroiter Ghetto wirkten die komischen englischen Würstchen absolut exotisch.

Front 242 – Headhunter (Front By Front, SPV 1988)

De:Bug: Der Track war sehr populär in der schwulen Hardcore-Szene.

Mark Stewart: In London in den 80ern war Bronski Beat hardcore-schwul. Im “Heaven“ hörten wir Bobby Orlando und Lime.

De:Bug: In Leder-Chaps?

Mark Stewart: Wir trugen Leder, weil wir Punks waren. Es gab zur Punkanfangszeit eine lesbische Band, die “Luises“. Wir definierten uns nicht über die Sexualität. Meine Freunde waren keine Reißbrett-Schwulen. Schwuler Stil war kein Klischee. Die Schwulenszene heute in Berlin ist das reinste Bangkok: Sex-Tourismus für schlechte Kunststudenten. Keinerlei cutting edge. Persönlicher Spaß hat nichts Radikales mehr. In einen Darkroom zu gehen – ich bitte dich, das haben Freunde von mir vor zwanzig Jahren gemacht. Ihre Freiheit, in einen Darkroom zu gehen, hat keinerlei gesellschaftliche Bedeutung, es ist wie Pissen im Regen. Die Römer haben es getan, die Nazis haben es getan. Was ist daran befreiend? Es sollte natürlich nicht verboten werden. Aber es sollte auch niemand so tun, als wäre es radikal. Es ist nicht politisch, es ist nur Spaß. Und ein Markt.

Mark Stewart and The Maffia – Loner (Edit, Crippled Dick Hot Wax 2008)

Mark Stewart: Ich sehe das neue Album als einen Ideen-Steinbruch. Es ist offen. Leute können sich einzelne Aspekte herausgreifen und daraus eigene Genres entwickeln. So wie damals mit meinem Album “As the Veneer of Democracy Starts to Fade“, bei dem ich von schwarzer Musik inspiriert war und von konkreter Poesie. Das Album hat wiederum so unterschiedliche Musiker wie Trent Raznor von Nine Inch Nails und die Bristol-Szene zu ganz anderen eigenen Antworten geführt.

Bei “Edit“ lege ich Ideen vor, wenn ich zum Beispiel The Bug mit Metal-Gitarren kreuze. Mal sehen, was die Leute daraus machen werden. Ich versuche aber nicht, Dinge zusammenzuzwingen, ich will keinen eckigen Ziegel durch ein rundes Loch pressen. Ich gönne mir eine gewisse Naivität und arbeite nur mit Dingen, die ich mag. Ich würde gerne einen Raggaton-Beat auf eine Gitarre von Michael Rother treffen lassen … Die Maffia ist ein offenes Projekt. Zuerst waren es rein jamaikanische Musiker auf “Learning to Cope with Cowardize“. Und eigentlich sollte es Mark Stewart versus the Maffia heißen, versus die Musikindustrie.

Auf irgendeinem Konzertplakat stand es dann falsch und es blieb so. Auf dem neuen Album setzt sich die Maffia aus den diversesten Leuten zusammen. Kevin Martin ist dabei, Sanjay Tailorman von Asian Dub Foundation, ein Desi-Produzent, ich arbeite gerade mit Lee Perry, Massive Attack, mit Adult. Adult hat mir einen Rythmustrack aus Detroit geschickt, in London wurde ihm die On-U-Sound-Behandlung verpasst, hier in Berlin wurde eine Gitarre drübergelegt. Es soll nicht perfekt und sauber sein, ich klatsche die Sachen zusammen. So wie bei den Punk-Collagen von Jamie Reid. Man schneidet der Queen den Kopf ab und setzt ihn auf einen nackten Körper. Ich habe Ronald Reagans Kopf auf den Körper eines Straßenstrichers montiert. Cut & Paste.

Peter Brötzmann – Machine Gun (Machine Gun, Free Music Production 1972)

Mark Stewart: Tristan Honsinger? Han Bennink?

De:Bug: Bennink gehört zur Szene, aus der auch diese Platte stammt.

Mark Stewart: Tristan Honsinger ist der verzerrte Sänger auf “We’re all Prostitutes“. Ich liebe Free Jazz und ging als Punk immer gerne zum holländischen North Sea Jazz Festival. Ich habe dort zwei Stunden mit Sun Ra Tee getrunken. “On the Corner“ von Miles Davis war die wichtigste Platte, als ich Pop Group gründete. Die Art, wie der Produzent Teo Macero den Funk geschnitten hat aus den fünfstündigen Jams der Band. Er hat Edits produziert. Deshalb nenne ich auch viele meiner Stücke Edits. Ich sitze mit Adrian stundenlang am Mischpult, wir dekonstruieren, re-editieren, cut and pasten das Material, bis aus dem Gewimmel plötzlich ein Chorus entsteht.
Brötzmann ist Punk für mich. Ich verstehe diese Grenzziehungen nicht, das ist Jazz, das nicht.

De:Bug: Die ganze Attitüde von Brötzmann ist Punk, geschorener Kopf, freier Oberkörper, voll Power.

Mark Stewart: Die Leute verpassen das Beste, weil sie in Kategorien denken. Disco war mit den Edits von Produzenten wie Tom Moulton weitaus experimenteller als der hundertfünzigste Drone-Musiker, der doch nur wieder aufgießt, was Harry Partch in den 50ern gemacht hat. Aber weil Disco auf kommerziellen Labeln herauskam und nicht in einer Hinterhofgalerie gespielt wurde, wurde es von den Kunst-Wächtern nicht wahrgenommen. Heute passieren die interessantesten Experimente im kommerziellen HipHop, die Ying Yang Twins.

Missy Elliott – Get Ur Freak On/Instrumental (Electra 2001)

Mark Stewart: (wiederholt im Rhythmus “Cool – cool -cool“) Das ist meine Musik. In England machen sich alle wegen Grime und Baltimore Club nass. Aber ich sage: Desi ist der Scheiß. Indische Melodien, Tablas plus Ragga und Grime. Kids aus den unterschiedlichsten ethnischen Hintergründen. Amerikanischer HipHop hat es auch schon begriffen. Jay Z lässt seine Tracks im Desi-Stil remixen. Auf “Edit“ ist “The Puppet Master“ von Desi-Produzenten eingespielt.

De:Bug: Aber du wolltest nie so clean produzieren?

Mark Stewart: “Hypnotized“ von 1985 ist eine cleane HipHop-Produktion. Aber wenn ich die Idee von “clean“ transportieren will, muss es nicht so klingen. “Secret Suburbia“ auf “Edit“ befasst sich mit dem Horror der sauberen Vorstädte. Hinter jedem akkurat fallenden Vorhang kann ein Massenmörder sitzen. Es ist so sauber, dass man misstrauisch wird, paranoid. Diese Form von clean braucht eine klaustrophobische Musik. Du gehst durch die Vorstadtstraßen und willst schreien.

De:Bug: Du wirst paranoid wegen der ganzen paranoiden Leute in den Vorstädten.

Mark Stewart: Was ist falsch an Paranoia? “Just because you’re paranoid it doesn’t mean they aren’t out to get you.“ Die Leute sagen immer, meine Lyrics wären so politisch. Aber wenn ich morgens die Vorhänge öffne und in die Welt sehe, begegnen mir nur Sachen, die tausendmal schlimmer sind als das, was ich in den Lyrics behaupte.

Pantha du Prince – Saturn Strobe (The Bliss, Dial 2006)

De:Bug: Weil du zurzeit in Berlin lebst, wollte ich dir einen Technotrack nicht vorenthalten, der Sound der Stadt.

Mark Stewart: Mir begegnet hier nur türkischer R&B … Ist das Paul Van Dyk? Kleiner Scherz. Ich mag Techno. Ich war zufällig auf Ibiza, als die ersten Technoparties begannen. Es war wie in einem William-Gibson-Roman.
http://www.myspace.com/markstewartmaffia

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Elektronische Lebensaspekte.