Concetta Kirschner ist eine waschechte New Yorker Pflanze. Großer Auftritt, große Klappe, das Herz am richtigen Fleck unterm Leopardenfellmantel. HipHop war der Style ihrer Jugend, "Bad Babysitter" ein Hit im Electroclash-Epizentrum.
Text: Anton Waldt, Jan Joswig aus De:Bug 118

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Nachdem sie Anfang diesen Jahres die Geburtstags-Kompilation für International DJ Gigolo mixen durfte, ging sie jetzt mit Missill und Heidi auf “Coke DJ-Culture”-Tour durch Deutschland. Für eine halbe Stunde war sie sehr präsent in unserem Office.

Jeff Mills – Changes of Live (Waveform Transmission Vol 1, Tresor Records 1992)

Concetta: Ich habe keine Ahnung, was das ist …

Anton: Wir fangen damit an, weil du im Tresor gespielt hast – das war der Link. Irgendeine Idee? Das ist eher Oldschool.

Concetta: Nein, keine Ahnung.

Anton: Jeff Mills.

Concetta: Oh, Jeff Mills! Das ist echt Oldschool.

Anton: Einer der Tresorklassiker, “Changes of Life”.

Concetta: Das ist gut, es ist wirklich happy. Es macht dich glücklich. Es klingt sehr 90er, weißt du.

Anton: Es IST sehr 90er.

Jan: Das war lange, bevor du angefangen hast, dich für Techno zu interessieren?

Concetta: Genau. ’93 war ich total auf HipHop, alles drehte sich um NWA, kurze Zeit später ist Biggie Smalls herausgekommen …

Anton: Also Rave war für dich nicht angesagt, weil du’s nicht mitbekommen hast?

Concetta: Nein, ich mochte es einfach nicht. Ich war in New York, ich war in der HipHop-Szene, und wenn du dann Dancemusic hörst, giltst du echt als uncool, als schwul. (lacht)

Jan: Schwer für eine Frau, schwul zu sein.

Anton: Wann hast du das ganze Rave-Ding entdeckt?

Concetta: Das war ungefähr 2000. Also echt sehr spät.

Anton: Wie kam das?

Concetta: Naja, ich bin oft nach Europa gekommen, als ”Bad Babysitter“ zu einer Art Hit wurde. Da begann ich, mich mehr für Dancemusic zu interessieren, weil die Szene so lebendig, dynamisch und spannend war, dagegen war bei den HipHop-Shows der Höhepunkt der Spannung, seine Hände vor und zurück zu bewegen, put your hands in the air (lacht). Überhaupt nicht wie bei den verrückten, verschwitzen Elektroparties … 2001 und 2002 waren echt spannende Jahre in der Musik, da kamen all diese Sachen raus wie Rapture, Miss Kittin …

Jan: … was später als Elektroclash zusammengefasst wurde.

Concetta: Genau, und ich finde das echt blöd, etwas zu benennen, das ist immer ein Backlash … Aber dann denkst du: Elektroclash ist einfach gute Musik – okay, man kann auch sagen “Elektroclash ist scheiße”, denn es gibt viele beschissene Künstler, das stimmt. Aber mir ist das egal, es ist einfach Musik.

Jan: Glaubst du, dass dieser Spirit in Justice und Ed Banger weiterlebt?

Concetta: Ja, ich finde zwar nicht alles toll, was Ed Banger macht, nur weil es eben von Ed Banger ist. Aber es gibt immer noch tolle, experimentelle elektronische Musik, da ist mir egal, ob es Elektroclash, Techno, House oder Punktechno, Discopunk oder was auch immer ist. Hauptsache, es ist verschwitzt, heiß und dreckig und geht ab (moving things forward).

People’s Choice – Party is a Groovy Thing (Philadelphia Sound, CBS 1975)

Jan: Was jetzt kommt, ist definitiv nicht verschwitzt und dreckig …

Concetta: (lacht) Ja, das ist toll. Das ist schon dreckig, das ist dreckig im ursprünglichen Sinne. Ich bin zwar in New York City geboren, aber eigentlich komme ich aus der Nähe von Philadelphia – das klingt nach Philly Sound. Was ist das?

Anton: People’s Choice: Party is a Groovy Thing.

Concetta: Aus Philly kam toller Soul. Wollt ihr was Verrücktes hören? Auf dieser Platte spielen die MFSB, das steht für Motherfucking Studioband, wusstet Ihr das?

Jan: Wer hat dir das denn erzählt? In Deutschland lernen wir, dass das Mother Father Sister Brother heißt.

Concetta: Nein, Motherfucking Studioband. Ich weiß das, weil ich mit deren Gitarristen zusammengearbeitet habe, die haben viele von diesen Philly-Soul-Bands unterstützt, deswegen sagte er immer: “Wir sind halt nur eine Motherfucking Studioband.”

Anton: Also ist diese Philly-Tradition irgendwie immer präsent, weil immer ein paar Leute da sind, die in solchen Bands gespielt haben?

Concetta: Ja, aber das sind eher Studiomusiker, die spielen nicht wirklich draußen.

Jan: King Britt arbeitet mit vielen von denen zusammen.

MFSB – T.L.C. (Philadelphia Sound, CBS 1975)

Concetta: Ja, ich bin sicher, die machen viel Geld mit Samples. Das ist jetzt MFSB mit ”Tender Loving Care“ (schnipst mit). Das ist toll für zu Hause, wenn man Geschirr spült, es ist Frühling und du machst das Fenster auf … Ich habe einen kleinen Balkon in meiner Wohnung, das ist schön.

Anton: Wo wohnst du genau?

Concetta: In der Lower East Side, in Manhattan. Okay, ich bin in Washington Heights geboren, das ist das echte Ghetto. Daher habe ich Street Cred. (lacht) Als ich drei war, zogen wir in eine Farm in Pennsylvania – meine Eltern waren Hippies. Wir lebten also auf einer Farm in den Wäldern, und irgendwann zogen wird dann in die Nähe von Philly, als meine Eltern mehr Geld verdienten. Davor waren wir echt arm, wir hatten nichts. Als wir dann mehr Geld hatten, zogen wir in eine andere Gegend. Heute sind meine Eltern reiche Hippies.

Betty Davis – Nasty Gal (Nasty Gal, Island 1957)

Jan: Das ist die Frau von Miles Davis, das ist Betty Davis. Sie ist eine Legende, wenn es um Frauenbefreiung geht.

Concetta: Echt, sie ist Sängerin? Wow, das Cover ist hot.

Jan: Sie spielt auf emanzipatorische Art mit dem Schlampen-Image …

Concetta: Ja, sieh dir dieses Nasty Girl Talking-Trash an. Das ist sehr Princess Superstar. Aber ich kenne sie nicht. Das ist superheiß, und feministisch. Sie war wahrscheinlich Vorbild für Lil’ Kim.

Jan: Aber du hast dich nie speziell an Frauenrockmusik orientiert?

Concetta: Ich bin sicher von vielen Frauen aus der Rockmusik beeinflusst. Chrissie Hynde zum Beispiel von den Pretenders ist eine von den wichtigsten. Oder die Sängerin von The Ex, ich liebe solche Sachen.

Jan: Also du ziehst Chrissie Hynde Annie Lennox vor? Wäre auch meine Wahl.

Princess Him – Gone (More equal than Others, Klein Records 2003)

Concetta: Das ist eher so ein neues Disco-Stück …

Anton: Aus Wien, ist vier Jahre alt. Also echt neu im Vergleich zu Betty Davis. Klein Records, ein kleines Label.

Concetta: Ich mag dieses Auf-Deutsch-Singen nicht wirklich.

Anton: Das ist Princess Him.

Concetta: Ach so, du hast es wegen des Titels rausgesucht. Ich mag es nicht.

Anton: Warum?

Concetta: Ich meine, ich mag Disco … Aber, ich spreche ungern schlecht über andere Leute. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein anderer Künstler Scheiße über deine Musik erzählt.

Jan: In Deutschland hat das eine lange Tradition, schlecht über andere zu reden.

Concetta: Klar, das ist wohl in jedem Land so, das machen alle Menschen gerne.

Jan: In den USA ist man vielleicht höflicher.

Concetta: Ich weiß, in Deutschland ist man sehr direkt.

Anton: Liegt es eher an der Stimme oder am Sound, dass dir das Stück nicht gefällt? Komm schon, Heavy-Dizz …

Concetta: Ich glaube, ich mag den Gesang nicht. Das Instrumental mag ich. Außerdem ist das ein beschissener Name, Princess Him, tut mir Leid. Er funktioniert einfach nicht.

JJ Fad – Anotha Ho (Supersonic 12inch, Dream Team Records 1987)

Concetta: Ist das JJ Fad?

Anton: Genau.

Concetta: Ich wäre auch ziemlich schlecht, wenn ich das nicht erkannt hätte. Die Mädels waren echt innovativ. Und “Supersonic” ist so ein Supertrack, ich habe sogar ein Cover davon gemacht, es ist nur noch nicht erschienen. Nur so zum Spaß, vielleicht erscheint das auf meinem nächsten Album. Es ist echt toll. Und tatsächlich hat auch die blöde Schlampe Fergie von Black Eyed Peas den Song gesamplet und total verhunzt.
(“Supersonic” läuft, Princess Superstar singt mit.)
Fergie hat sich das genommen und einen Popsong daraus gemacht, ich hab’s einfach gecovert.

2 Live Crew – We want some P—y! (… is what we are, Luke Skywalker Records 1986)

Jan: Also, die sind schon dreckig und verschwitzt.

Concetta: Die sind Original booty.

Jan: War es je ein Problem für dich, dass sie so frauenfeindlich sind?

Concetta: Naja, sie sind nicht wirklich beleidigend. Dieses Thema hat so eine lange Tradition, von Blues bis Rock, Typen reden immer über so was. Was ich schlimmer finde, ist, wie jeder dieses Schema übernommen hat. In den Videos zum Beispiel ist es immer dasselbe: tanzende Frauen, Autos … Das ist einfach so langweilig, alle haben diese Idee übernommen und total ausgereizt. Ich war immer ein bisschen dreckig in meiner Musik, ich habe das immer als weibliche Antwort darauf gesehen. Für mich war das ein feministisches Ding: Männer haben in ihrer Musik immer über so was geredet, warum sollen Frauen das nicht auch können? Und es mit Humor einsetzen. Die Oldschool-Jungs haben das mit Humor gesehen, aber die neueren Künstler sind zu einem totalen Klischee geworden. (Guck dir das an, Luke Skywalker – das ist einfach lustig!) Ich liebe es, Sex und Spaß zu mischen in meiner Musik. Vieles wird in der Musik zu ernst genommen. Früher hat man mit so was eher gespielt, es mit Humor genommen. Das ist heute nicht mehr so – was ich traurig finde.

Ilsa Gold – Silke (Mainframe 1993)

Concetta: Das ist so schnell. Das ist echt scheiße, was auch immer es ist.

Anton: Das Duo heißt Ilsa Gold. Einer von denen ist Christopher Just.

Concetta: Echt? Das ist ein Freund von mir! (lacht)

Anton: Ja, das ist er mit einem Partner, und sie waren vor ein paar Jahren, in den 90ern, relativ erfolgreich in der Raveszene.

Concetta: Er zieht jetzt nach NY … Glücklicherweise habe ich diese Periode verpasst. Es ist mir nicht unbedingt zu billig, aber es irritiert mich.

Anton: Was irritiert dich? Ist es zu hektisch?

Concetta: Ja, ich mag es hart und heavy, aber es muss eine gewisse Richtung haben, ich kann das schwer beschreiben. Es ist eher spontan: Wenn mir etwas gefällt, dann liebe ich es. Musik ist so in mir drin, dass ich sofort sagen kann, ob mir etwas gefällt oder nicht. Das ist bei mir auch mit Menschen so.

Zok Zok – Zok Zok 3 (Zok Zok Records 2002)

Concetta: Das klingt nach einem Michael-Jackson-Beatsample, Billy Jean. Auf jeden Fall.

Anton: Ich glaube, die Hookline ist von Abba.

Jan: Also hat Abba es von Michael Jackson geklaut?

Concetta: Das ist sehr 80er. Nett, gefällt mir.

Anton: Eigentlich heißen die Tok Tok, aber auf Platten, bei denen die Samples nicht geklärt sind, nennen sie sich Zok Zok. Ist aber auch irgendwie schäbig, und gar nicht so alt, ungefähr drei, vier Jahre.

Concetta: Gefällt mir, man fühlt sich glücklich dabei.

New York Dolls – Personality Crisis (s/t, Mercury 1973)

Concetta: New York Dolls: Personality Crisis. (lacht) Was ich an NY liebe, ist die lebendige Musik- und Kunstszene, die immer nach vorne gerichtet war, das sieht man bei dieser Band. Ich versuche das bei meinen Performances oder wenn ich auflege auch: es auf das nächste Level zu bringen, irgendwas total Verrücktes und Neues zu machen. Das ist für mich NY. Ich lasse mich sehr von der Vergangenheit inspirieren. Gerade ist die Szene ziemlich tot, aber ich weiß genau, dass das wiederkommen wird.

Anton: Du lebst also dort und denkst zugleich: Wow, die Szene ist tot, also muss ich warten und in der Vergangenheit graben?

Concetta: Genau.

Jan: Sind da keine Drogenabhängigen in Highheels mehr around?

Concetta: Es gibt sie schon noch, aber sie sehen nicht mehr gut aus, nicht mehr cool. Naja, es gibt immer noch kleine Underground-Clubs, wo viel passiert, in Brooklyn zum Beispiel. Gott sei Dank gibt es so was noch. Aber im Großen und Ganzen … bleibt es mir überlassen, die Fackel weiterzutragen! (lacht)

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Elektronische Lebensaspekte.