Solange es kein Minimal ist, finde ich das super! aus De:Bug 112


Die Welt ist hart. Aber nie hart genug. Deshalb ist T.Raumschmiere bei der Jägermeisterrockliga gegen Deichkind und die Bloodhound Gang ins Feld, sprich über deutsche Bühnen gezogen. Immerhin hatte er mal orange Dreadlocks. Wie sehr Punk seine innerste Natur ist, beweist er bei “Musik hören mit”.

Black Flag: My War (My War/SST, 1984)

T.Raumschmiere: “My War” von Black Flag! Das haben wir mit unserer Hardcore-Band “Zorn” mal gecovert, geil! Mit der Band war das aber vorbei, als ich ´96 nach Berlin gegangen bin …

Debug: Warst du Punk? Skater? Straight-Edge?

T.Raumschmiere: Auf dem englischen Punk-Trip war ich irgendwie nie richtig, OK, klar “Sex Pistols” hat man natürlich gehört, aber sonst waren das eher immer amerikanische Geschichten. Das hieß “Hardcore” bei uns in den 90ern. Ich war mal Vegetarier, aber nie Straight-Edge! Skaten tue ich gar nicht mehr. Teilweise sind wir ja richtig in den Skatepark gegangen, aber dann hab’ ich mir den Fuß gebrochen. Der Knöchel war total durch, zerfetzt ohne Ende. Da habe ich auch komplett aufgehört Sport zu machen – und hab mit der Musik angefangen!

Kein Pogo auf der Bühne bei “Zorn”?

T.Raumschmiere: Doch, schon, aber ich war ja Schlagzeuger, da konnte ich nicht pogen, oder erst ganz am Schluss. Da ging es schon richtig derbe ab, wenn das Publikum geschlossen auf die Bühne gesprungen kam. Es gab einen richtigen Haufen auf der Bühne und oben drauf lag unser Gitarrist auf dem Rücken. Voll krass. Heute ist der Graben zwischen Bühne und Publikum drei Meter breit und vier Meter hoch, da hat doch niemand mehr eine Chance.

Willst du irgendwie zurück zu so was? Band statt Techno-Liveact?

T.Raumschmiere: Ja! Ich fand diese Energie immer schon extrem cool. Deswegen mache ich jetzt auch wieder diese ganze Bandgeschichte: ein Haufen Stress, aber im Endeffekt macht es mir wieder mehr Spaß, weil es eine andere Energie gibt.

Abwärts: Beim ersten Mal tut’s immer weh (Der Westen ist einsam/Mercury 1982)

T.Raumschmiere: Erkenne ich nicht auf Anhieb. Ah, was Deutsches?! Was is das denn?

Abwärts.

T.Raumschmiere: Ah, echt? Von denen hatte ich auch zwei Platten. Dürfte es damals aber schon gar nicht mehr gegeben haben. Das hat unser Bassist angeschleppt, der war ein alter Deutsch-Punker und kannte die auch alle. Im Studio von “Daily Terror” haben wir auch unser letztes Album aufgenommen (“White Line”) – in Braunschweig! Aber die Szene, in der wir uns bewegt haben, war eher Hardcore-Punk orientiert, obwohl wir deutsche Texte hatten.

Hast du diese Sachen parallel immer weiterverfolgt?

T.Raumschmiere: Nee. Mir war das damals eigentlich schon zu spießig, wegen der ganzen Szene-Nazis. Ich habe auch versucht, mich rauszuhalten, aber wir wurden da reingepresst mit der Band. Unser Sänger war ziemlich engagiert. Jedenfalls habe ich das nicht groß weiterverfolgt, aber ich treffe öfter mal Leute von damals wieder, die jetzt auch im Techno-Business tätig sind, als Veranstalter oder auch als Musiker – das Establishment hat sie wieder! Und Bier trinken tun sie auch, die Ex-Straight-Edger …

Youth of Today: A Time We Will Remember (We’re not in this alone/Caroline 1988)

T.Raumschmiere: Nicht “Minor Threat” oder? OK. Dann aber “Youth of Today” oder so was!

Zweiter Versuch, nicht schlecht! Musste natürlich sein, weil du gerade von Szene-Nazis gesprochen hast.

T.Raumschmiere: Aber die haben geile Platten gemacht! “Gorilla Biscuits” waren auch solche, die find ich auch geil. Aber dieses Besserwissertum hat genervt: Wir leben besser als ihr alle und ihr seid Menschenmüll. Einfach eine beschissene Einstellung.

Und dass es eine typisch männliche Aggressivität hat?

T.Raumschmiere: Würde ich nicht mal sagen. Als wir zum ersten Mal in Berlin gespielt haben, in der Köpi, 91 oder 92, waren die Veranstalter Hardcore-Feministen-Veganer, die nicht mal gestattet haben, das wir ein Eis lutschen. Autonome Hardcores, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit glaubten. No Sex, No Drugs, only Rock n Roll!

Big Black – Ergot (Songs about Fucking/Touch and Go 1987)

T.Raumschmiere: “Babyland”? Nee? Mmmh. Das ist aber ein Drumcomputer! “Big Black”? Mmh? Ja? (Kriegt das Cover gezeigt) “Songs about Fucking”! Geile Platte! Habe ich auch!

Possessed: Pentagram (Seven Churches/Roadrunner 1985)

T.Raumschmiere: Ist das deutsch oder englisch? Schon fast Metal … keine Ahnung!

Das ist “Possessed”. Black Metal, mit umgedrehtem brennenden Kreuz als Gitarre.

T.Raumschmiere: Slayer und so haben wir auch gehört. Aber in der Hardcore-Szene waren Solos verpönt: Solo? Kopfschuss! Und heute hängt die ganze Stadt voll mit “Manowar” oder wie sie alle heißen. Machen alle ne Reunion-Tour und sehen dabei immer noch so aus wie früher. Unglaublich.

John Zorn: Ingeous Ejaculation, Blood Duster, Hammerhead und weitere 10-Sekunden-Tracks (Naked City/Earache 1990)

(prustet): “Extrem Noise Terror” oder so was … Geil! Was ist es denn?

John Zorn. In der Phase, wo er mit dem Sänger von Dingens unterwegs war …

T.Raumschmiere: Yamazuka Eye?

Ja, genau, der schreit da gerade.

T.Raumschmiere: Das Cover kommt geil, mit dem haarigen Sack! John Zorn habe ich aber nie richtig verfolgt. Der war mir zu unfassbar, der hat ja auch so viele Sachen gemacht, einige total großartig, andere fand ich nicht so gut. Außerdem waren mir viele Zorn-Sachen auch einfach zu anstrengend, gerade früher …

Wie? Punk sein, aber das zu anstrengend finden?

T.Raumschmiere: Nicht von der Intensität her, sondern vom Arrangement. Ich war damals noch nicht so offen für Jazz, verschrobene Song-Aufbauten und so was.

Sebastian: Ross, Ross, Ross (Ed Banger, 2006)

T.Raumschmiere: Ist das “Ed Banger”-Zeugs? “Produced by Sebastian at home”, hehe. Hört sich gut an. Würde ich sogar spielen.

Hast du diese Bratz-Rave-Sachen im Blick?

T.Raumschmiere: Nicht wirklich. Ab und zu krieg ich was vorgespielt, mit dem Hinweis, dass sich das anhört wie T.Raumschmiere …

Die Franzosen machen ja die totale Popper-Musik draus …

T.Raumschmiere: Also, so lange es kein Minimal ist, finde ich das super!

Franz Ferdinand: The Fallen/Justice-Remix (Domino 2006)

T.Raumschmiere: Eher langweilig. Von der Soundästhetik auch nichts Besonderes. Durchschnitt. Aber immer noch besser als ein Minimal-Beat zu Franz-Ferdinand-Sounds.

(Wir hantieren mit dem Plattenstapel, T.Raumschmiere entdeckt eine “Misfits”-LP)

T.Raumschmiere: Also bei “Misfits” habt ihr keine Chance! Die erkenne ich nach der ersten Sekunde, von denen habe ich etwa 18 Platten.

Bist du auch mal mit lila Haaren und Misfits-Aufnäher durch die Gegend gerannt?

T.Raumschmiere: Ich hatte mal orange Dreadlocks und einen Misfits-Aufnäher an der Jacke …

Sonics: Strychnine (Here are the Sonics/Etiquette Records 1965)

T.Raumschmiere: Das kenne ich … Weiß aber nicht, was es ist?

Die 60er-Vorfahren des ganzen Lärms, die “Sonics”, mit ihrer Ode an Strychnin!

T.Raumschmiere: Das ist cool. Hatte ich aber überhaupt nicht auf dem Radar. Das hätten meine Eltern mal hören sollen.

Alien Sex Fiend: Smells like … (It/Anagram Records 1986)

T.Raumschmiere: Ist doch das Gleiche wie die “Sonics”? (lacht) Nee, also da gibt’s auch ‘nen Drumcomputer. Was ist das? Ah, OK. Freunde von mir haben so was gehört, “Christian Death” und so … Die hatten jedenfalls die gleichen Aufnäher, Grufti-Musik grob gesagt. “Sisters of Mercy” habe ich aber sogar mal live gesehen, in dem Kaff, in dem ich großgeworden bin, Eppelheim. Da haben die in der Turnhalle meiner Schule gespielt, das war mein erstes Konzert. Vielleicht war in Heidelberg die Stadthalle nicht frei (lacht). Auf jeden Fall ein Erlebnis, obwohl man nichts gesehen hat, weil die ganze Halle zugenebelt war.
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Elektronische Lebensaspekte.