Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 132


Zum Morrmusic-Jubiläum, der Geburtstags-Compilation “Not Given Lightly” und der anstehenden Tour haben wir mit dem deutschen Indie-Don Thomas Morr quergehört.

Zehn Jahre Morrmusic, zehn Jahre Indie/Elektronika-Kultur in Deutschland. Thomas Morr hat mit Signings wie Lali Puna, B.Fleischmann, MS John Soda, Tarwater, Mùm und Sin Fang Bous nicht nur immer wieder frische Akzente im Plattenladen gesetzt, gleichzeitig hat er sich auch immer um freundschaftlich verbundene Label und Künstler gekümmert. Denn wenn ein Netzwerk aus Freunden besteht, ist es einfach stärker.

B. Fleischmann – Poploops for Breakfast (Morr Music, 1999)

Debug: Hier gibt es schonmal gar nichts zu raten, das ist Bernhard Fleischmann, der erste Release auf deinem Label von vor zehn Jahren …

Morr: Schaut euch das an. 180-Gramm-Vinyl, dicke Pappcover, so ging das damals. Was für ein grandioses Verlustgeschäft … und wie groß ist denn bitte das Morr-Logo!?

Debug: Wie ging das damals für dich los mit dem Label?

Morr: Ich hatte damals gerade den Vertrieb Hausmusik mitgestartet. Da kümmerten wir uns um Musik, die wir gerne mochten, die für unser Gefühl unterrepräsentiert war. Musik auf kleinen englischen 7″-Labeln. So ein Label wollte ich auch, ein Projektlabel, das immer wieder mit neuen Künstlern überrascht.

Wir haben dann die englischen Label in Deutschland vertrieben, und ich hab’ mein eigenes Label gegründet. Zu diesem Zeitpunkt hab’ ich mit Markus Acher zusammengewohnt, so kam auch Lali Puna auf Morr zustande. Ich habe die verschiedensten Musiker angesprochen, und Bernhard war der erste, der eine Platte fertig hatte. Also machte er den ersten Release.

Debug: Die frühen Releases waren deutlich elektronischer als heute …

Morr: Ich komme aus klassischen Indie-Zusammenhängen, habe ganz früher auch Konzerte veranstaltet, habe bei Frontline den Indie-Newsletter betreut, als die noch Platten verkauft haben – ich bin der klassische Chicago-Mann.

Debug: Chicago hat in der De:Bug meistens eine andere Bedeutung …

Morr: Ach so, klar. Also Thrill Jockey, Touch And Go, Drag City … das waren meine Labels. Elektronik kam aber dazu. Warp, Basic Channel, aber auch Force Inc. Das ging damals ganz automatisch, weil auch viele Indiebands plötzlich mit Loops arbeiteten. So schwappte das in unser Bewusstsein.

Plötzlich gab es riesige Schnittmengen. Völlig egal, was du für einen Background hattest: Auf Labels wie Scape, Raster-Noton, oder Künstler wie Boards Of Canada, AFX, Fennesz konnten sich alle einigen. Da habe ich dann wie ein Wahnsinniger Platten nachgekauft, und irgendwann kehrte sich der Trend wieder um. Die Elektronik öffnete sich für akustische Instrumente.

Ich warte darauf, dass es wieder umkippt … es ist Zeit. Egal. Damals hat mich Indie nicht mehr berührt, da kam nichts mehr. Heute tut es das wieder. Sowieso sind diese Genres verschwunden. Alles geht. Das ist gut. Die ganzen neuen Bands aus Brooklyn z.B.: Da wird einfach alles benutzt. Und wenn ich da im richtigen Moment hinhöre, denke ich: “Hmmm, eigentlich gab es ähnliche Sachen auf Morr schon vor zehn Jahren.” Deshalb glaube ich auch, dass die Elektronik in meinem Universum demnächt wieder zurückkommt.

Debug: Also war der Morr-Sound der Crossover-Sound der Nuller-Jahre. Das, was HipHop und Metal in den 90ern war?

Morr: Vielleicht war das so, ja. Man darf nicht vergessen, dass auf dem Label damals viele Musiker aus Bands kamen, die einfach genug vom Proberaum hatten und für sich Dinge entwickeln wollten. Wenn man für sich alleine arbeitet, hat man aber oft nach drei Platten alles gesagt. Dann sucht man wieder den Anschluss an Kollegen. Ich finde das nur logisch. Und wenn jetzt die Wirtschaft bergab geht, kann sich eh keiner mehr Studios leisten, also wird wieder zu Hause produziert.

Debug: Mit Bands wie Lali Puna hat sich deutscher Pop massiv emanzipiert und international für Aufsehen gesorgt. Ein Novum.

Morr: Stimmt. Man muss in aller Fairness aber auch sagen, dass die Engländer z.B. zu der Zeit keine eigenen Hype-Themen hatten. Für mich findet da aber gerade ein großes Comeback statt. In der zweiten Generation der Indietronics gab es so viel Scheiße! Da höre ich unseren frühen Releases und denke: “Ja, das funktioniert heute immer noch.”

Ich habe das damals auch aus der Vertriebsperspektive erlebt. Da kamen schlechte Platten bei uns an, und in den Infos konnte man immer drei Referenzen lesen: Boards Of Canada, Morr Music und My Bloody Valentine. Das hab ich irgendwann nicht mehr ertragen. Aber: Von diesen Bands und Projekten haben es auch so gut wie keine in die Jetztzeit geschafft.

Algorithm – Defective Experiment (Counterflow, 2002)

Morr: Ah, Algorithm auf Counterflow. Auch so ein Label, das sich an seiner Coverproduktion aufgehängt hat …

Debug: Das war damals so der Konsens-Sound bei vielen Elektronika-Leuten. Rice & Beans, Counterflow, Botanica Del Jibaro. Warum eigentlich?

Morr: Weil wir, als weiße Jungs, alle mit denen arbeiten wollten (lacht). Für mich war dieser HipHop extrem wichtig. Ich bin damals über Clouddead und Anticon darauf aufmerksam geworden, kannte das aber schon vorher aus meinen Frontline-Zeiten. Ich musste immer mit dem HipHop-Rezensenten um Platz im Newsletter feilschen, fand die Raps nie gut, die Instrumentals habe ich damals aber auch schon viel gekauft. Aber Antion war dann ausschlaggebend. Das war keine dicke Hose, sondern DIY.

Das erinnerte mich an ein altes Lieblings-Label von mir: Shimmy Disc aus New York. Diese Spoken-Word-Tradition … aber generell mochte ich diesen Crossover. Das war der Sound, auf den sich zu dieser Zeit alle einigen konnten. Künstler, aber auch bestimmte Labels wurden damals einfach gekauft. Alle Beteiligten waren komplett euphorisch: Magazine, Vertriebe, Labels … von Krise keine Spur. Ich höre aber so Musik: Ich entdecke was, grabe mich rein, finde meine Lieblinge, hör das ewig und dann such ich mir das nächste Thema …

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Debug: Du warst gerade auf der SXSW-Konferenz in Austin. Was gab es da an neuen Dingen zu entdecken?

Morr: Bei mir sind es gerade Retro-Sachen. Das klingt vielleicht blöd, aber Musik mit klaren Referenzen an meine Vergangenheit. Ich finde das Animal-Collective-Album einfach sensationell. Oder eines unserer neuen Signings: Surf City. Die klingen einfach nach Jesus & Mary Chain. Das kommt alles zurück. Muslims zum Beispiel. Die haben aber gerade ihren Namen geändert und beim Major unterschrieben. Ich bin da auch gnadenlos: Spielt mir irgendeine Band vor, die auch sehr retro klingt, finde ich sie wahrscheinlich scheiße. Ich kann das nicht wirklich beschreiben.

Dirty Projectors – Bitte Orca (Domino, 2009)

Morr: Keine Ahnung, was das ist …

Debug: Geht auch gar nicht, das kann man noch nicht kaufen. Das ist die neue LP von den Dirty Projectors auf Domino.

Morr: Hmmm, ich dachte eher an was Altes. Ich kenn mich aber nicht aus mit der Band, ich habe da ein paar Tracks gehört, die ich fürchterlich fand.

Debug: Math Rock eben …

Morr: Warte mal, die sind jetzt auf Domino? Ich höre ja Musik auch immer noch nach Labeln … das passt mir gerade nicht in den Kopf.

Debug: Auf Morr erscheint zwar kein Math Rock, die Musik ist aber auch in andere Richtungen explodiert.

Morr: Da spielt aber auch immer viel Zufall mit rein. Ich veröffentliche das, was mich interessiert. Das ging schon mit der “Blue Skied An’ Clear”-Compilation los. Das war der Schritt in Richtung mehr Bands. Das hat vom Timing her einfach gepasst. Das war damals ein Sound, der im Gespräch war. Und dann kamen eine Menge Isländer (lacht).

Debug: Genau. Sin Fang Bous, It’s A Musical, Seabear, das waren neue Ansätze, die vielleicht auch Fans des Labels verwirrt haben.

Morr: Auf jeden Fall, das merken wir immer wieder (lacht). Aber es stimmt schon. Für mich ist das aber immer noch schlüssig. Lasst mich das gerade mal im Kopf durchgehen … nein, für mich ist das alles schlüssig. Die Plattenläden fanden es schwierig. Wenn du ein Labelfach hast im Laden, dann stand das bislang immer eher in der Elektronik-Ecke. Da passten dann bestimmte Releases nicht mehr rein.

Ich wollte aber andere Dinge machen. Ganz einfach. Neue Leute, neue Richtungen. Ich wollte mich nicht immer einfach nur wiederholen. Und die neuen Signings auf dem Label sind einfach ganz nah dran an den Sachen, die ich zur Zeit gerne höre. Und It’s A Musical war zum Beispiel für uns total erfolgreich, gerade in Japan.

Slint – For Dinner (Touch and Go, 1991)

Morr: Ist das Slint?

Debug: Yo.

Morr: Würde ich sofort rereleasen. Das war genau meine Musik. Ich wollte auch mal Codeine-Platten lizenzieren und hatte am Ende auch unveröffentlichtes Material auf dem Tisch, hat sich dann aber nicht ergeben. Aber Slint waren extrem wichtig. Ich hätte nie Low oder solche Bands gehört, wenn Slint nicht gewesen wären.

Debug: Haben Bands wie Franz Ferdinand oder Strokes diesen Sound obsolet gemacht?

Morr: Nein, das hält sich. Es gibt auch immer noch neue Bands, die das fortführen. Zum Teil grandios.Vor zehn Jahren hätte ich problemlos einen kompletten Stammbaum dieser ganzen Bands aufmalen können. Der Punkt ist: Das klingt speziell und damit hat es Bestand. Wird immer wieder von neuen Generationen entdeckt.

Debug: Wir müssen am Ende auf jeden Fall noch über Neuseeland reden, das Thema der neuen Compilation. Deine Künstler covern alte Indiehits. Wir hätten eigentlich eher eine Island-Compilation erwartet.

Morr: Tja, daran kann man ablesen, wie lange so eine Compilation Zeit braucht. Ich suche mir ein Thema, und das muss ich erstmal ein Jahr mit mir rumschleppen, damit ich weiß, dass das auch gut wird. Ich habe diese Bands aus Neuseeland früher sehr gerne gehört. The Clean, Tall Dwarfs. Die Platten waren sehr DIY, Musik wie Artwork. Und diese Musik kommt ja gerade total zurück. Dieser Leier-Gesang, der heute so beliebt ist im Indie: Das könnte original von damals aus Neuseeland sein.

Neuseeland ist eine der Referenzen in der Indie-Welt. Und damit komme ich wieder zum Anfang unseres Gespräches zurück: Ich glaube, LoFi wird zurückkommen. Einfach, weil die Kohle fehlt. Die Compilation ist für mich also vor allem Nostalgie. Ich lege diese Musik wieder auf, sie ist mir wieder wichtig. Und ursprünglich wollten wir auch alte Aufnahmen lizenzieren. Hat aber nicht funktioniert. Die Rechte liegen alle bei Majors, und die lachen dich aus.

Aber Verträge laufen auch irgendwann aus und wer weiß … Re-Issues hin oder her, aber von der Musik, mit der wir aufgewachsen sind, ist viel einfach nicht mehr erhältlich und auch nicht bekannt. Die muss man einfach wieder auflegen. Bis es soweit ist: Der Kreis schließt sich aber. Wir haben eine neuseeländische Band auf dem Label: Surf City. Deren alte Lieblingsband sind The Clean und mit denen werden wir, wie es aussieht, auch eine Platte machen.
http://www.morrmusic.com

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Elektronische Lebensaspekte.