Strapse aus, Federboa verstecken und den Sportlehrer geben
Text: Jan Joswig aus De:Bug 117

Stefan Schneider, Ronald und Robert Lippok sind das reibungslos geölte Trio einer Elektronika-Musik aus dem Geiste von luftiger Pavillon-Architektur. Seit ihrem ersten Album von arbeiten sie an der Eleganz des Vergänglichen, sind aber auch Spielkinder genug, um Grooves auf der einen und Ausrutscher auf der anderen Seite zu schätzen. Ihr neues Album

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De:Bug: Ich war auf dem Flohmarkt und habe eine Nerzstola gekauft. Ich wüsste gerne von euch, ob ihr Pelz kaufen würdet oder nicht?

Ronald Lippok: Ich würde keinen Pelz kaufen, sehe den aber gerne bei Leuten.

De:Bug: Aha, bei Robert weiß ich ja, dass er einen hat …

Robert Lippok: Ich kann leider die Frage nicht mit “nein“ beantworten. Ich hab’n Pelz und trage ihn auch gerne. War bestimmt ein nettes, kleines Tier.

Stefan Schneider: Die Frage ist ja komplizierterweise, du kaufst den Pelz secondhand. Das heißt, der Erstkauf ist schon getätigt worden, also steigt die Nachfrage nicht und es werden nicht mehr Tiere getötet.

De:Bug: Aber trotzdem setzte ich ein Statement pro Pelz.

Stefan Schneider: Ja, genau, obwohl es Secondhand ist. Aber nee, ich würde keinen kaufen. Auf keinen Fall. Ich fand auch diese Aktion mal toll: “We rather go naked than wearing fur“. Aber leider sind die Models auch alle schon als Pelzträgerinnen ertappt worden.

Ronald Lippok: Heimlich Pelz tragen geht ja gar nicht.

De:Bug: Ich habe gleich auch noch einen aus Plastik gekauft, also so ein Kunstfaserfell obendrein.

Ronald Lippok: Als Gegengift.

Moebius & Plank – Two Oldtimers (Rastakrautpasta, Sky 1980)

De:Bug: In welche Zeit würdet ihr das einordnen?

Stefan Schneider: Ich könnte mir vorstellen, dass das Michael Rother ist. Vielleicht späte 70er. So 78/79. Wir gehen ja nach dem Studio manchmal in die 8mm Bar und dann legen Leute auf und wir fragen uns immer, was ist das. Also die Frage – entweder ganz alt oder ganz neu. Ist das ein Stück aus diesem Jahr oder aber von 78 oder von 88.

Ronald Lippok: Aber hier würde ich schon sagen, dass das 70er ist.

Robert Lippok: Ja, so unbedarft, wie mit der Rhythmusmaschine umgegangen wird.

Ronald Lippok: Die knackert angenehm unambitioniert vor sich hin.

De:Bug: Es gibt ja auch schon wieder ein Krautrock-Revival. Cluster haben gespielt, Götsching, von Harmonia werden alte Tracks veröffentlicht … Könnt ihr euch erklären, warum jetzt schon wieder so ein Krautrock-Interesse da ist? Es gab doch schon mal eins zur Zeit von Julian Copes Buch “Krautrocksampler“.

Ronald Lippok: Das wurde ungefähr in der Zeit gedruckt, als wir in England auch angefangen haben zu spielen. Da kam oft die Krautrockfrage, die wir nicht richtig beantworten konnten. Ich kannte viele der Sachen zumindest nicht. Ich habe dann auch das Buch von Cope gelesen und viel herausgefunden über Bands wie Cluster und Faust und so. Mit Gewinn die Recherche durchgeführt, muss ich sagen. Von Cluster gibt es schon super Platten.

Robert Lippok: Eigentlich wäre ein Mitte-90er-Revival dran.

De:Bug: “Krautrocksampler“ kam 1995 raus. Vielleicht ist das Krautrock-Revival das Mitte-90er-Revival?

Stefan Schneider: Und es kam auch vor zwei Jahren diese Jan-Jelinek-Platte raus, “Kosmischer Pitch“. Ich dachte zuerst: Ist ein bisschen spät jetzt. Dann war das aber schon wieder der Anfang von einem neuen Interesse für eine neue Generation von Leuten, die sich scheinbar für diese Art von Musik interessieren.

SND – 5:43 (Makesnd, Mille Plateaux, 1999)

Robert Lippok: Es klingt wie SND. SND klingen immer wie das erste Stück von unserem Album “Veiculo“ …

Stefan Schneider: SND haben wir zum ersten Mal von Mira Calix in die Hand gedrückt bekommen, als wir auf einem Festival in so einem Industriemuseum in Sheffield gespielt haben, wo riesengroße Maschinen aus der Zeit der industriellen Revolution standen.

Ronald Lippok: SND hatten bei dem Festival ihr ganzes Equipment verloren, alle Instrumente. Sie haben sich bei allen Leuten, die SND-Platten hatten, die Platten geborgt und damit ihr Set bestritten.

De:Bug: Seht ihr bei SND eine Überschneidung zu eurem Soundverständnis?

Robert Lippok: Vielleicht eher ältere Sachen, was uns angeht. Aber ich finde die Art der Rhythmik schon verwandt, dass es so einen Groove gibt, der ein bisschen stolpert.

De:Bug: Es gibt ein Gefühl von spartanischer Eleganz, das ich auch bei euch finde.

Stefan Schneider: Potenziell angenehm. Wenn du fragst, welche Zeit, hätte ich späte 90er getippt. Die Art, wie die Sachen durchlaufen, ohne dass eine große Dynamik in den Stücken passiert. Und auch nicht viel mit Effekten gearbeitet wird, das deutet auf diese Epoche hin.

Ronald Lippok: Minimale Varianzen, ein abgestocktes Pulsieren.

Robert Lippok: Dass es so eine Unterversorgung mit Melodie gibt, das haben wir oft gemacht.

Ronald Lippok: Das war damals ganz wichtig: diese Art Reizentzug, der entsteht, wenn man eine Melodie nur skizziert oder ganz rauslässt. Die sich aber irgendwie darin zu verbergen scheint.

Stefan Schneider: Die Fantasie ist interessanter als die Realität.

Ronald Lippok: Der Hörer muss es selbst ergänzen.

Tom Zé – Toc (Estudando O Samba, Gel Continental 1975)

De:Bug: Bei dem Stück können wir auch von Reizreduzierung reden. Von rhythmischen Stolpern auf jeden Fall auch. Es erinnert mich immer an die “Ausland“-Platte von Pyrolator, an “Elefantendisco“.

Stefan Schneider: Klingt toll. Es gab bei uns zu allen Zeiten immer Interesse an Intros von Platten. Dass man Techno-Platten nicht in dem Moment toll fand, wo die Bassdrum eingesetzt hat, weil in dem Moment klar war, was es ist. Aber der Moment vorher, wo man nicht wusste, was es ist, war für uns viel interessanter. Bei “Veiculo“ war das so ein Thema. Eigentlich möchte man den Moment, wo die Bassdrum einsetzt, hinauszögern. Und es sollte nicht nur ein Intro sein. Das ganze Stück sollte wie ein Intro sein. Hier habe ich ein bisschen zusammengezuckt, als die Stimme reinkam, weil ich dachte: Ja, jetzt fängt der Sänger an und breitet sich über allem aus. Das bleibt aber so pointilistisch. Gefällt mir super gut. Toll, dass das brasilianische Musik ist. Wäre ich nie drauf gekommen. Man hat manchmal Fantasien über brasilianische Musik oder afrikanische Musik, die man nur auf ganz wenigen Platten findet. Brasilianische Musik aus den 60ern finde ich auch ganz toll. Aber oft ist mir das zu sonnig.

De:Bug: Wobei das Sonnige auch ein Vorurteil aus unserer Hörperspektive ist.

Stefan Schneider: Ja, klar. Bei der Kaffeehaus- oder Boutiquenmusik weiß man nie, ob’s brasilianische traditionelle Musik ist oder ob’s nicht die europäische Bearbeitung davon ist. Immer diese ewigen Sambamaschinen.

Ronald Lippok: Ich habe einen Freund, der hat eine richtige südamerikanische Musikphobie. Der muss das Café oder den Club verlassen, wenn so was erklingt. Der kriegt Depressionen davon. Von diesen Harmonien.

Daniel Humair – Swiss Celebration (Triple Hip Trip, Owl Records 1979)

Robert Lippok: David Moufang?

Stefan Schneider: Ne, das ist eine andere Form von Jazz. Ich würde sagen, das ist was Älteres.

De:Bug: Das Vibraphon bringt auch sofort dieses Flughafengefühl hinein.

Ronald Lippok: … das man ja gerne hat.

Robert Lippok: Ich sehe da eher Löwen durch die Wüste ziehen. Freudige Löwenkinder.

De:Bug: Ist euch bei Jazz die Atmosphäre wichtig oder das Improvisieren?

Ronald Lippok: Improvisieren ist schon wichtig. Beim Livespielen hat das einen großen Anteil.

Robert Lippok: Es gibt ja verschiedene Schulen innerhalb des Jazz. Mir liegen eher die Sachen, bei denen zwar viel improvisiert wird, aber nicht so viele Noten gespielt werden. Bei denen die Anzahl der Noten pro Minute relativ gering ist. Das ist ja hier auch der Fall, weil es eine Horizontale ist, nicht drei Wechsel pro Sekunde.

De:Bug: Kein Powerplay …

Stefan Schneider: Nichts, wo es dann so etwas Virtuoses bekommt. Wo es nicht um den Jazz geht, sondern Hauptsache Virtuosität. Egal, ob man die jetzt im Jazz findet oder in der Klassik oder im Zirkus oder so was oder beim Fußball oder beim Kochen. Damit kann man dann oft nicht so viel anfangen. Bei Jazzmusik interessiert mich schon das klangliche Erlebnis, wie Leute zusammenspielen, dass man nicht das Gefühl hat, dass es ein Zentrum gibt. Beim Art Ensemble of Chicago hat man nicht das Gefühl, es ist um ein Instrument herumgebaut. Nicht wie beim Saxophon von John Coltrane oder beim Klavier von Thelonious Monk. Man hat wirklich das Gefühl, das ist eine Gruppe von sechs Leuten und alles ist zu gleichen Anteilen präsent. Die Art von Jazz finde ich total interessant.

Ronald Lippok: Das erste Jazzkonzert, das ich gesehen habe, war ein Freejazzkonzert. Das war mit Ulrich Gumpert und Baby Sommer. Ich war dreizehn und habe Popmusik gemocht, T-Rex, Glam-Rock. Aber es war mein erstes Konzert und ich wollte es unbedingt genießen und verstehen, wie die miteinander spielen. Hat mich einige Mühe gekostet, aber irgendwann war ich drin. Ich glaube, der Knackpunkt war, als Baby angefangen hat, einen Sack Legosteine zu massieren. Danach war’s cool.

Stefan Schneider: Jazz ist, glaube ich, nach wie vor die einzige Musik, von der ich nicht weiß, wie sie gespielt wird. In afrikanische oder brasilianische Musik kann man sich reinversetzen und weiß dann, okay, so auf die Art funktioniert das und so würde man mitspielen, wenn man mitspielen wollte. Bei Jazz ist das nach wie vor ein totales Rätsel für mich, wie das rhythmisch funktioniert, dass die Leute scheinbar unabhängig voneinander spielen und doch zusammenspielen. Dass es kein einheitliches Metrum gibt, dass das Metrum eher gefühlt ist, dass die Leute schon genau wissen, was sie machen – auch in den freiesten Jazz-Sachen – und aufeinander reagieren. Wie da die Sprache aussieht, ist mir nach wie vor sehr verschlossen.

De:Bug: Ich habe gerade Peter Brötzmann im Duo mit einem Drummer gehört. Beide haben unglaublich dicht gespielt, aber es hatte lyrische Untertöne, fast balladenhaft, trotz dieses ganzen Krawalls.

Stefan Schneider: Brötzmann hat eine tolle liebevolle Ausstrahlung, obwohl er so ein Kraftpaket ist, wenn er spielt, eine Supernova. Und trotzdem ist es – wie du sagst – poetisch oder zärtlich.

Michael Franks – Monkey see, Monkey do (The Art of Tea, Reprise 1974)

De:Bug: Meine momentane Lieblingsmusik.

Stefan Schneider: Das ist auch was aus den 70ern, würde ich sagen.

De:Bug: Softrock. Ich finde unheimlich gut, wie absolute Normalität kultiviert wird. So gar nichts Abgrenzendes oder Widerspenstiges.

Robert Lippok: Wenn ich das Cover ansehe: Es könnte auch so’n New-Rave-Typ sein, mit dem Schnurrbart ….

De:Bug: Aber das wäre schon sehr um die Ecke stilisiert.

Stefan Schneider: Das sieht schon eher nach Sportlehrer 1974 aus. Das ist eine Art von Musik, die mich nie richtig interessiert hat. Obwohl ich Normalität schätze – und gerne mit ihr ringe.

Ronald Lippok: Stevie Wonder, hast du den gemocht?

Stefan Schneider: Diese Art von Musik erinnert mich total an eine Kneipe aus der Mittelstufe, “Die Zwiebel“ in Düsseldorf, da lief immer solche Musik. Das war zwei, drei Jahre vor Punk.

Ronald Lippok: War das dann Steely Dan, solche Sachen?

Stefan Schneider: Habe ich auch nie mitbekommen. Aber Mellow-Funk-Rock-Sachen, das ist eine Art von Musik, die mich nie interessiert hat. Aber weil du Soul sagtest: Bei schwarzer Musik war für mich immer die Brücke die weiße Version davon. Die erste tolle Soulplatte war für mich David Bowies “Young Americans“ oder die erste tolle Reggae-Platte war von The Clash.

De:Bug: Ihr würdet aber keinen Grund sehen, euch mit Michael Franks weiter zu beschäftigen?

Stefan Schneider: Du hast das ja weniger wegen der Musik rausgesucht als wegen der Normalität, oder? Wegen der Auseinandersetzung mit Normalität …

De:Bug: Ja, gerade Normalität in einem Umfeld, das am meisten fürchtet, als normal gelten zu können.

Stefan Schneider: Ich finde, Normalität sind neunzig Prozent des Lebens. Klar gibt es immer eine Angst davor, dass man es als langweilig empfindet. Trotzdem ist die Auseinandersetzung mit Normalität total wichtig. Dass man eher den Weg zur Arbeit fotografiert als den Urlaub oder die Hochzeit.

Ronald Lippok: Rhodes, Streicher. Da hat man auch wieder das Flughafen-Feeling …

Stefan Schneider: Das ist uns vielleicht auch vom Künstlerverständnis nah, wenn ich das Cover angucke. Man ist keine andere Person, wenn man Musik macht. Die Künstlerpersönlichkeit findet nicht auf einem anderen Planeten statt als der Besuch bei Oma, das Kaffeetrinken oder der Einkauf mit der Frau.

De:Bug: Dabei stelle ich mir bei Michael Franks gerade vor, dass er immer auf den wildesten Kunstpartys mit Federboa rumhing.

Ronald Lippok: Und sich dann fragte, wie kann man das noch toppen? Als Sportlehrer! Strapse aus, Federboa verstecken und den Sportlehrer geben.
http://www.myspace.com/torococorot

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Elektronische Lebensaspekte.