Deutschland hatte einen führenden unabhängigen Schallplattenvertrieb, die EFA. Das war mal. Die Zweit- und Drittauswirkungen, die das für Indie-Label - auch solchen von beachtlicher Größe - haben wird, sind gar nicht dramatisch genug zu bewerten. Wir rollen den Vorhang auf.
Text: Jan Ole Jöhnk aus De:Bug 81

Die Energie ist alle / Der Vertrieb Efa ist pleite

Am 1. März 2004 hat der Vertrieb so namhafter Labels wie Force Inc., Tresor und Gigolo, die EFA Medien GmbH, Insolvenzantrag gestellt, da nicht mal mehr die Löhne für Februar gezahlt werden konnten. Wieso kam das Ende dieses seit über 20 Jahren aktiven Vertriebes, des größten unabhängigen in Deutschland, der für elektronische Musik von zentraler Bedeutung war?

Eines ist klar: Die Rezension inklusive der Krise der Musikindustrie hat mittlerweile auch die kleinen Labels und ihre Künstler erreicht. Namentlich elektronische Tanzmusik steckt in einem wirtschaftlichen Loch. Was man nicht zuletzt daran sehen kann, dass der größte unabhängige deutsche Tonträgervertrieb, die EFA Medien GmbH, die u.a. deutlich auf elektronische Musik gesetzt hatte, Insolvenz anmelden musste. EFA, in Punk-Zeiten als “Energie für alle” gegründet, war einer der Vertriebe, die Vinyl und CDs von vor allem kleinen Labels auslieferte. Aber nicht nur. Oder nicht mehr nur. Mehr und mehr versuchte man sich wie eine große Plattenfirma zu benehmen, investierte Geld in Trends, die man vielleicht aus dem eigenen Indierock-Background heraus nicht richtig verstand, sei es nun Dancemusic, HipHop oder Saturn. Wir dröseln das mal der Reihe nach auf.

Das Problem mit der Drogerie

Zunächst mal Saturn: EFA machte im letzten Jahr zwischen 23% und 25% seines Umsatzes allein mit der Mediamarkt-Saturn-Gruppe, obwohl diese Kette nur einen Marktanteil von 20% am deutschen Tonträgerhandel hat. Diese verhängnisvolle (freiwillige!) Abhängigkeit von den großen Ketten wie Mediamarkt-Saturn, Makromarkt oder den Müller Drogeriemärkten wirkte sich leider negativ aus und führte u.a. in die Insolvenz. Jeder weiß, dass große Elektronikmärkte eher Charts-Musik verkaufen als Nischenmusik. Dass diese Ketten auch noch ruinöse Preise diktieren und Rabatte erzwingen, mag vielleicht ein großes Ordervolumen generieren, aber der Gewinn pro Tonträger schrumpft – und wird dann sogar zum Verlust, wenn später viele Tonträger als unverkäuflich retourniert werden.
Gleichzeitig fühlten sich die kleinen spezialisierten Plattenläden, die traditionell unabhängige Musik verkaufen und auch fördern, durch die besseren Konditionen für die Großen benachteiligt. EFA versuchte vor etwa anderthalb Jahren mit seinem “Indiepool” auch die kleineren Läden wieder stärker zu berücksichtigen. Den Ruf, mehr an den Ketten interessiert zu sein, wurde man aber nicht mehr los. Andere Vertriebe haben da ein flexibleres Modell.
In der Kooperation von Hausmusik und Indigo etwa kümmern sich die Weilheimer um das Vinyl, während die Hamburger vor allem CDs vertreiben. Beide Seiten können die Kontakte des anderen nutzen und immer den jeweils besten für einen Release aussuchen. Alive und A-Musik scheinen dieses Konzept gerade zu übernehmen. EFA hingegen versuchte, große und kleine Läden zu bedienen, stieß damit letztere vor den Kopf und musste zuletzt mit ansehen, dass die Ketten unabhängige Musik nach und nach aus dem Programm streichen, weil sie nicht genug Umsatz macht. Karstadt ist sogar so radikal, bis Juni alle WOM-Filialen zu schließen, um nur noch in den eigenen Kaufhäusern Charts-CDs zu verkaufen.

Dann: Dancemusic oder Hiphop

Mit den – scheinbaren – Erfolgen in den Ketten und dem Boom der elektronischen Dancemusic expandierte EFA und versuchte, gleichzeitig mit Labels wie e:motion (für Dance und sonstige elektronische Musik), 3 Finger (vor allem Oriental-HipHop sollte hier releast werden), Clearspot (für Gitarrenmusik im weitesten Sinne) und ESC (für Jazz) auch eigenes Repertoire zu schaffen und sich damit unabhängiger vom Vertriebsgeschäft zu machen. Aber frei nach dem Motto “Wer Erfolg haben will, muss investieren”, wurde etwas zu üppig Plattenfirma gespielt. Immer wieder hörte man, dass bei Clearspot wie bei Majors mit Vorschüssen und Marketingbudgets jongliert wurde. Im letzten Jahr wurde hier zwar die Notbremse gezogen. Trotzdem ist fraglich, ob die horrenden Vorschüsse für die doch etwas abgehalfterte Funk-Legende Maceo Parker mit den Plattenverkäufen von ESC erwirtschaftet werden konnten. Man munkelt von Retouren-Quoten, die über 80% liegen. Folgerichtig wurde auch ESC dichtgemacht. Auch 3 Finger musste wegen Erfolglosigkeit eingestellt werden und selbst dem Label Overstolz, das deutschen HipHop von Köln aus veröffentlichte, und an dem sich EFA massiv beteiligt hatte, gab man im letzten Jahr den Gnadenschuss.
Dass es bei EFA kriselte, hört man seit langem. Die Labels wurden nicht mehr pünktlich bezahlt und das auf eine Art, die wenig Vertrauen schaffte. Da halfen auch überstürzte Notmaßnahmen wie schrittweiser Personalabbau wenig, denn wirkliche strukturelle Veränderungen, wie die Zusammenführung der gesamten Firma an einem Ort, wurde nicht umgesetzt.

Kreise

Was die Insolvenz nun für die Labels bedeutet, bleibt abzuwarten. Mit ~scape, Kitty Yo, Basic Channel (und seinen Sublabels), ESL, Sub Rosa/Quatermass und jüngst Disko B hatten in den letzten Monaten schon zahlreiche Labels das sinkende Schiff verlassen und sich in vermeintliche Sicherheit begeben. Da deren Vertriebs-Deals teilweise noch nicht bezahlt sind, wird es durchaus noch Außenstände geben oder auch einfach nur Plattenbestände im EFA-Lager. Dann müssen auch sie sich in die lange Schlange der Gläubiger einreihen. So schlimm wie bei Force Inc. wird es aber sicher nicht werden. Bis zum Ende bei der EFA musste Achim Sczepanski Anfang März ebenfalls den Insolvenzantrag stellen. Es ist von 120.000 ? die Rede, die das Frankfurter Label wohl nicht mehr bekommen wird. Und auch Tresor und Gigolo können nicht glücklich sein über diese dramatische Entwicklung. Tresor ist zwar schon bei Neuton mit seinem Vinyl untergekommen und Hells Label macht den Dreisprung mit Rough Trade (vor allem CDs), Neuton (Vinyl) und dem neuen Export Mutual Distribution & More (MDM). Doch für beide Labels bleiben Rechnungen offen, deren Begleichung in den Insolvenzsternen steht. Hell meinte dazu, dass er diese “jetzt leider einklagen müsse”. Auch kleinere Labels sind betroffen. Die Cristian-Vogel-Posse von “No Future” etwa war mit Labels wie Mosquito, Rise Robots Rise oder Sativae im Vertrieb der EFA. Für sie waren in der Vergangenheit schon große und vor allem sehr verzögerte Retouren ein großes Problem. Die Insolvenz hat auch für sie sicher Auswirkungen, wird aber wohl nicht zur Pleite führen.
So bedauerlich das Ende von EFA für die Künstler, die Labels und nicht zuletzt für ihre Musik ist, es wird weiterhin Vertriebe geben, die Platten und CDs in die Läden stellen. Kauft sie!

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Elektronische Lebensaspekte.