Wie funktioniert Musik und wie schreibt man sich das im Journalismus zurecht? Dietmar Dath stellt fest, dass es letztlich immer um Menschen geht, zumindest mögliche Menschen.
Text: Dietmar Dath aus De:Bug 100

In den tiefsten Gründen des Gemüts, da, wo wir uns nicht nur über verdientes, sondern sogar über ungerechtfertigtes Lob freuen, da, wo wir uns vor der Einsamkeit fürchten, die für endliche Wesen unvermeidlich ist, da, wo wir sofort schläfrig werden, wenn man uns etwas erklären will, dicht am Herzen der allersubjektivsten Weltwahrnehmung also, “underneath it all”, wie die große Gwen Stefani zu singen pflegt, sind alle Menschen goldig – nämlich zart und friedfertig, auf unschädliche Tätigkeiten wie Nuckeln und Schlummern kalibriert, vor lauter Ahnungslosigkeit radikal unverbissen und ständig leise erstaunt darüber, dass es sie höchst unwahrscheinlicherweise tatsächlich gibt.
Ein paar übertrieben wohlwollende Menschen gehen gern davon aus, dass Pop-Musik uns einen besonders schnellen, besonders wenig Reibungsverlust verschleudernden Zugang zu dieser intimen Seelengegend erlaubt. Das Alltagserleben im Umgang mit ihr spricht durchaus dafür: Bei John Zorn ist der Kopf plötzlich ein Fernsehapparat, bei dem ein hektischer Fernbedienungspilot alle drei Sekunden den Kanal wechselt, T.Raumschmiere schaufelbaggert das Unterste nach oben, wenn Quiet Riot grölen “Come on, feel the noise”, zieht eine träge, selige, bierwarme Dummheit vom Bauch bis rauf in die Nackenmuskeln, und Gospelartiges von Destiny’s Child bewirkt zwar nicht zuverlässig, dass man an den lieben Gott glaubt, gibt einem aber doch das Gefühl, dass der liebe Gott, wenn es ihn denn gibt, vermutlich sehr gut riecht.
Aus solchen Erfahrungen mit der evokativen, stimulierenden oder narkotischen Macht von Soundgebilden hat man abgeleitet, Musik sei eine Erfindung zum Einfangen und Ausdrücken von Stimmungen. Wenn man das weiterdenken und begrifflich auseinander fummeln will, kommt man allerdings sofort in die größten Schwierigkeiten: Werden die Stimmungen von den Tönen eigentlich eins zu eins abgebildet? Läuft das über Ähnlichkeiten zwischen den Tönen und den Befindlichkeiten, und welche sollen das sein? Wird da, um wissenschaftlich zu reden, im streng semiotischen Sinn repräsentiert oder eher symbolisiert, sind Melodien eher impressionistische oder eher expressive Tierchen, und wie steht es mit Rhythmen, Störgeräuschen, Sequenzierung, Klangfarben, akustischem Zierrat? Der Wiener Musikprofessor Eduard Hanslick, bedeutendster Musikkritiker des 19. Jahrhunderts und ein entschiedener Kreuzritter der Klassik, hat, weil es offensichtlich unmöglich ist, musikalischen Ereignissen als solchen eindeutig Gefühlswerte und Erlebnisinhalte zuzuordnen, ohne auf formale Konventionen einzugehen, den ganzen Gedankengang verurteilt und expressive oder auch nur irgendwie auf Expressivität und Stimmung abhebende Beschreibungen dessen, was in der Musik passiert, schlechthin für entbehrlich erklärt. Wie sich die Hörerinnen und Hörer beim Hören fühlen, fand Hanslick, ist ihre Privatsache, das Entscheidende sind die Strukturen selber, der Reiz des Ganzen ist ein kognitiver und analytischer, kein emotionaler. Klingt vernünftig und wird auch heute noch von manchen Musikmenschen geglaubt, gerade in der Elektronikwelt – dagegen spricht aber wieder die Gebrauchswirklichkeit, dass man Popmusik, aber auch avantgardistischen Antipop, eben doch meistens hört, weil man irgendwie drauf ist oder irgendwie draufkommen möchte. Wenn Hanslick recht hat, warum fange ich dann sofort an zu heulen wie ein gefeuerter Ministrant, wenn Joey Potter “On my own” singt?

40% Nichthören

Über so etwas denkt man immer wieder nach, wenn man Musik selten oder gar nicht selber macht oder schreibt, sondern sie hauptsächlich diskutiert, analysiert oder rezensiert – und die Knoten, in die der Verstand dabei gerät, werden noch verschlungener, wenn die Musik, zu deren Lob, Tadel oder einfach mehr oder weniger rhapsodischer und elliptischer Nacherzählung man Worte finden möchte, gar nicht existiert, wie bei dem Projekt ”The Shramps – Musik für Taube“, das Daniela Burger (fiktive Plattencover) und ich (fiktive Rezensionen zu den betreffenden Platten), unterstützt von Gunther Schwarzmaier (auch einige Cover) seit einiger Zeit vorantreiben und das wir in der Nummer zwei der Zeitschrift ”Neue Arbeit“ sowie einer Ausstellung in der Hamburger Galerie ”Chez Linda“ vorgestellt haben. Auf die Idee, Popmusik mal ganz ohne den Lärm zu untersuchen, sind wir verfallen, weil diese Musik gegenüber älteren Formen von Musik den Unterschied aufweist – in Stummelformen gab’s das auch früher schon, aber so deutlich wurde es erst mit der Plattenindustrie, und sogar noch krasser seit Erfindung des Videoclips -, dass für sie gilt, was Sandra Dee zu Bobby Darin gesagt haben soll: ”People hear what they see.“
Das heißt, das Verständnis dieser Musik läuft nicht nur übers Klangimmanente, sondern mindestens zu vierzig Prozent (um hier mal ganz grob zu quantifizieren) über den angeschlossenen Image- und Lebensstilapparat. Analytisch gesehen kann man also auch gleich auf die Geräusche verzichten, synthetisch aber müssten Popmusikerinnen und Popmusiker, die rein über Bilder zu wirken versuchen würden, schnell lernen, dass der entscheidende Witz an dem Gedanken von Sandra Dee nicht das Verhältnis von Sichtbarem zu Hörbarem ist, sondern dasjenige von Fiktivem (dem, was man sich dazudenkt) zu Tatsächlichem (dem, was man sieht und hört).
Denn das Vermögen, das es uns Menschen erlaubt, mit Musik was anzufangen, ist weder nur ein kognitives, wie Hanslick glaubte, noch ein rein emotionales, wie ein flacher Popmusikbegriff nahe legt, sondern ein zusammengesetztes, Gefühl und Verstand integrierendes: das Vorstellungsvermögen. Denn zwar hat Hanslick Recht, wenn er sagt, Musik habe als solche keine emotionalen Eigenschaften. Aber das gilt auch für Donald Duck oder Zorro, weil diese Leute nie gelebt haben, und trotzdem schreiben wir ihnen welche zu, genauso wie musikalischen Gebilden – die durch Konvention und Geschichte erzeugten, als Spuren der Herstellungsprozesse an den Tracks ablesbaren Gebrauchsmöglichkeiten für ein “Als ob”, das ihnen Stimmungen unterstellen kann, sind der Schlüssel: Nicht das Stück ist traurig und erregt, sondern wir können es, weil es Molltöne oder einen schnellen Beat enthält, wie eine Person behandeln, die uns ihre Traurigkeit oder Erregtheit durch äußere Anzeichen (klagen, schneller Herzschlag) mitteilt. Musik behauptet mögliche Menschen.

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Elektronische Lebensaspekte.