Napster ist vertrocknet, doch die Majors haben es endlich geschafft, zwei Plattformen ins Netz zu stellen, bei denen man Abonnent werden kann. Pressplay und Musicnet heißen die Abo-Dienste. Vorerst gibt es sie allerdings nur für US-College-Kids, in Deutschland kommen sie frühestens zur Popkomm im Sommer. Wir haben sie uns trotzdem schon mal angeschaut.
Text: janko roettgers aus De:Bug 56

Pressplay und Musicnet im Praxistest
Unglaublich, aber wahr: Noch vor dem Jahreswechsel haben die Majors ihre beiden Abo-Plattformen gelauncht. Pressplay als Joint Venture von Sony und Universal, Musicnet als Konkurrenz von AOL Time Warner, Bertelsmann und der EMI. Wobei Konkurrenz eher sportlich zu verstehen ist: Der Markt ist unsicher, dabei sein ist alles. Und am liebsten würde man ja auch alles zusammen verkaufen. Aber irgendwer könnte bei einem Joint Venture von Firmen, die 80 Prozent des Weltmusikmarktes beherrschen, an das böse Wort vom Monopol denken. Also zwei Firmen. Und ein Herz für die kleinen Plattenfirmen ist auch wichtig, weshalb man sich gleich auch noch den Britney Spears-Indie Zomba mit ins Musicnet-Boot geholt hat. Der ja sowieso demnächst von Bertelsmann übernommen wird, aber das ist eine andere Geschichte und interessiert höchstens die Börse. Um die geht’s bei den Plattformen zwar auch, aber sie soll uns jetzt mal trotzdem egal sein. Weil: In erster Linie geht es natürlich um die College-Kids. Die Napster-User, die man jetzt mit legalen Angeboten zu anständigen Clubmitgliedern erziehen will. Vorerst sind damit nur US-Kids gemeint, weil in Europa die Lizenzen noch nicht stehen. Wir haben uns die beiden Plattformen trotzdem schon mal angeguckt.

Musicnet: Eine chaotische WG

Musicnet wird bisher nur über Real Networks vermarktet und kostet zehn Dollar für 125 Streams und 125 Downloads. Das Abo ist in den fetten neuen Real One-Player eingebunden, der jetzt schick in silbergrau mit abgerundeten Ecken und integriertem Browser daherkommt. Die Installation geht halbwegs easy von der Hand, doch schon beim ersten Test dann die verblüffende Nachricht: Zugriff auf Musik mit diesem Abo nicht möglich. Ein genauerer Blick auf die Real.com-Website lüftet das Rätsel: Der Player ist tatsächlich an ein Abo gekoppelt, ohne Musik, aber dafür mit Survivor-Streams. RealOne Music wird direkt nebenan angepriesen. Tja, daneben geklickt. Also noch mal die Kreditkarte zücken, um den Test nicht jetzt schon scheitern zu lassen.
Noch mal registrieren erfordert natürlich auch noch mal einen Download (des gleichen) Players. Dann kann es aber endlich los gehen. Erster Eindruck: Der Player sieht schick aus, aber die Navigation ist reichlich verwirrend. Der erste Download klappt problemlos, die ersten Streamversuche auch. Wer übrigens zwei mal den gleichen Titel hört, verbraucht dafür auch zwei Stream-Credits. Zweiter Downloadversuch: “Overprotected” von Britney Spears. Klappt natürlich nicht, scheitert beim “Signing In”. Overprotected eben.
Inhaltlich herrscht bei Musicnet gähnende Leere. Von vielen Musikern gibt’s nur ein paar Titel, nur ganz selten mehrere Alben. Die “Techno/Electronic”-Schublade kennt ganze 40 Musiker. Wow. Aber vielleicht hat die Plattform ja auch eine andere Zielgruppe? Okay, also zurück zu Britney & Co. Beziehungsweise zu den aktuellen US-Singlecharts. Mal schauen, was die drei Labels hier so zusammengesammelt haben. Creed? Nö. Enrique Iglesias? Nix. Ja Rule? Nada. Usher? Hmmm. Musicnet kennt nur David Usher, den sonst wohl keiner kennt. Egal. Die magere Bilanz: Von den Top Ten der letzten Dezemberwoche hat Musicnet keinen einzigen Titel im Angebot.
Viel ärgerlicher ist aber die seltsame bis dreiste Preisstruktur. 125 Downloads, das heißt bei Musicnet nämlich: Mehr als 125 Titel wird man nie abspielen können. Wer neue Tracks runterladen will, muss alte deaktivieren oder löschen. Und wer das Abo kündigt, kann natürlich sowieso nix mehr abspielen. Vom Übertragen auf portable Player oder dem Brennen von CDs mal ganz abgesehen. Dazu kommen noch die zahlreichen technischen Fehler. Ganz ohne Panne klappen gerade mal 50 % der Zugriffe. Besonders toll war die Fehlermeldung: “Download not possible, clip is in use.” Fragt sich bloß von wem, ich habe vorher noch nicht darauf zugegriffen. Ist Musicnet eigentlich eine Musikplattform oder eine chaotische WG?

Press Pay

Für Pressplay muss erstmal der neue Windows Media Player runtergeladen werden, danach noch ein bisschen Windows-Software. Nach der Installation dann das Augenreiben: Sieht das nicht genau so aus wie Musicnet? Nein, sogar eine Spur schicker. Im Unterschied zu Musicnet wurde außerdem ein Forum sowie eine nette Playlist-Austauschmöglichkeit eingerichtet. Peer to Peer light, sozusagen. Und es gibt ein Feature, mit dem vor ein paar Monaten noch keiner gerechnet hat: Man kann tatsächlich CDs brennen. Ganz normale, ungeschützte Audio-CDs. Allerdings lässt sich Pressplay dies gut bezahlen. Für 20 “Burns” werden ganze 25 Dollar fällig, 10 Tracks auf CD gibt’s ab 10 Dollar. Allerdings lassen sich maximal zwei Tracks eines Interpreten pro Monat brennen. Die Zahl der Downloads entspricht etwa der von Musicnet, dafür ist die der Streams weitaus höher. Was ja auch Sinn macht.
Und es gibt Inhalte. Sogar die Boards of Canada tauchen hier auf, allerdings nur mit einer Platte, und die lässt sich nicht mal brennen. Dafür verzeichnet Pressplay 22 Subgenres für elektronische Musik, die allerdings auch nicht gerade gut gefüllt sind. Ärgerlich auch, dass von vielen Musikern mal wieder nur zwei Tracks verfügbar sind. Und andere gar nicht, obwohl sie eigentlich bei den Pressplay-Labels unter Vertrag stehen. Wer beispielsweise nach Photek (Sony) sucht, findet statt dessen nur Nico. Allerdings nicht den No U Turn-Haudegen, sondern die Velvet Underground-Gastsängerin. In der Drum and Bass-Schublade natürlich.
Immerhin hat Pressplay dafür drei der zehn Top Ten-Hits im Angebot. Und die Technik funktioniert – abgesehen von ein paar Speicherproblemen – ziemlich fehlerfrei. In den Messageboards ist man sich deshalb auch uneins darüber, ob Pressplay eine Chance hat. Eine ganze Menge User wollen nach Ablauf ihrer Probezeit wieder kündigen und zurück zu Morpheus. Andere hoffen dagegen darauf, bald auf einen größeren Katalog zugreifen zu können. Auffällig ist allerdings der Marketing-Slang in dem ein oder anderen Posting (“Pressplay ensures the quality of Music environment”).

Der lachende Dritte

Eigentlich käme jetzt natürlich noch der Hack-Test – kann man die Clients austricksen, die Tracks zu MP3s konvertieren? Ist aber gar nicht so interessant, weil die Angebote sowieso zu teuer sind, um eine Chance gegen Filesharing-Systeme zu haben. Pressplay ist zwar sicher ausbaufähig und die Abkehr vom Hardcore-Kopierschutz und hin zum CD-Brennen mutig für eine Major-Plattform. Doch der lachende Dritte heißt in diesem Fall mal wieder Fasttrack. Das P2P-Netzwerk ist mit seinen drei Clients Morpheus, Kazaa und Grokster mittlerweile größer als Napster zu seinen besten Zeiten und daran werden auch Pressplay und Co. nichts ändern. Zumal sich mit Kazaa ausnahmslos alle Top Ten Hits finden ließen.

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Elektronische Lebensaspekte.