"Elastic Audio" nennt Ableton das neue Killerfeature von LIVE 2.0. In der Tat lässt sich mit der neuen Timestretch-Engine Audio noch viel individueller und mit deutlich weniger Artefakten behandeln. Und auch sonst ist 2.0 voll von Detailverbesserungen, auf die die Hardcore-User schon lange warten.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 68

Der Hunger nach Leben – jetzt noch besser gestillt

Wenn es bei LIVE etwas gab, das immer wieder beklagt wurde, dann waren das die von der Timestretch-Engine produzierten Artefakte und der manchmal einfach nicht 100% durchsetzungsfähige Klang im Allgemeinen. Nicht alles ließ sich sorgenfrei durch die TImestretch-Engine schicken, vor allem flächige Sounds konnten bislang mitunter ein bisschen merkwürdig klingen. In der neuen Version wird das nun anders. Das Redesign dieses Dreh- und Angelpunkts von LIVE ist eines der Hauptfeatures des 2.0 Update. Zukünftig stehen vier verschiedene Modi zur Verfügung – quasi Presets, gedacht für bestimmte Arten von Quellmaterial. Von der (von vielen ebenfalls sehnsüchtig erwarteten) Tatsache, dass Audioclips überhaupt nicht über die Engine geroutet werden müssen, also auch in ihrem Originaltempo in der Szene mitlaufen können, bringt “Repitch” gutes, altes Samplergefühl zurück, verknüpft also Tempo und Pitch wieder. Schraubt man die Geschwindigkeit in die Höhe, geht auch der Pitch mit, Mickey Mouse lässt grüßen. “Tones” ist besonders für Melodien oder Basslines gedacht, “Textures” sollte über Flächen gestülpt werden, kann mit den Parametern “Grain Size” und “Flux” noch feinjustiert werden, und “Beats” rockt die Beats. Die Ergebnisse sind beeindruckend. LIVE macht in Sachen Klang einen großen Schritt nach vorne. Deutlich mehr Headroom bei In- und Output unterstützen dies nur noch.
Bleiben wir noch einen Moment im Session-Fenster. LIVE 2.0 hat hier viele nützliche Details abbekommen. Zunächst den “Tap”-Button, der das Synchronisieren von LIVE zu externen Quellen extrem erleichtert und rundum gute Werte liefert. Praktisch, das. Ein Metronom klickert auf Wunsch nun ebenfalls mit. Im Clip View kann man nun per Knopfdruck an den Start- und Endpunkt des Samples gelangen. Auch das ist mehr als hilfreich, konnte man sich bei den diversen Warpmarkern bislang doch herrlich verfusseln und oben gerne mit unten verwechseln.

X-Fade auf 4Bit und ab

Was sofort auffällt, sind die beiden Buttons “A” und “B” unter jedem Kanalzug und der neue Crossfader in der Mastersektion. Jedem Clip kann nun ein A oder B zugewiesen werden, was smoothes Überblenden innerhalb einer Szene gestattet. One for the DJ. Dieser Crossfader lässt sich übrigens auch per Midi-Controller steuern, genau wie sich nun das Umschalten zwischen verschiedenen Szenen per frei definierbarer Shortcuts oder per Controller regeln lässt.
Auch bei den PlugIns gibt es Neuigkeiten: Neben den Neulingen “Redux” (ein feiner Bitcrusher) und “Gate” (was kann das wohl sein?) lassen sich Presets nun abspeichern. A propos abspeichern: In den Preferences lassen sich neben der Auswahl von deutlich mehr Skins nun auch verschiedene Grundeinstellungen als Autoload-Dokumente abspeichern, was ebenfalls lange erwartet und mehr als hilfreich ist. Einstellungen für den WarpModus, Quantisierung oder den Launch-Mode können so ein für alle mal eingestellt werden. Ein optionaler Full Screen-Modus (muss ich nicht wirklich erklären, oder?) rundet die Session ab.

Ab in den Arranger

Denn auch hier hat sich einiges getan. Neben der frei skalierbaren Wellenformdarstellung und dem “Global Tempo Envelope” steht für jede Spur nun ein direkter Zugriff auf alle vorhandenen Devices zur Verfügung. PlugIn-Parameter können nun ebenfalls im Arranger direkt beeinflusst werden. Automationskurven können auf diese Weise auch im Arranger direkt erstellt werden. Per “Envelope Lock” kann entschieden werden, ob Automationsdaten beim Verschieben von Clips mitkopiert werden, oder an ihrem ursprünglichen Platz andere Clips beeinflussen sollen. Per “Snap To Grid” lässt die Verschiebung von Clips nun viel besser und fein aufgelöster, abhängig vom Zoom-Raster, regeln. Und auch die direkte Aufnahme von Audio ist nun im Arranger möglich. Mit einem ähnlichen Look & Feel wie bei ProTools lassen sich in jedem Track Informationen über die I/O Settings ein- und ausblenden. Bereits bei der Aufnahme können per Tap Warpmarker für die spätere Bearbeitung der Aufnahmen gesetzt werden. Das ist ungefähr so praktisch wie die Hintergrundbeleuchtung der neuen Powerbooktastaturen – niemand hat wohl darüber je nachgedacht, aber verzichten will auch niemand mehr.

Die neue Version machte auf unserem Testrechner (PowerBook G4 / 1Ghz / OS 10.2.3) einen rundum guten Eindruck. Die Performance hat trotz zahlreicher neuer Features nicht gelitten, im Gegenteil. LIVE 2.0 kostet im 1.x Update 69 Euro als Download und 89 Euro in der Box. Die Vollversion schlägt mit 399 Euro zu Buche. Bedenkt man die zahlreichen Umsonst-Updates des letzten Jahres, geht der Update-Preis voll in Ordnung. LIVE 2.0 hat zahlreiche gnadenlos große neue Features mit an Bord, die das Produkt nochmals völlig neu erscheinen lassen. Gut gemacht.

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Elektronische Lebensaspekte.