Endlich sind Traktor und Final Scratch komatibel und digitales Mischen ist kaum mehr von dem realen Vorbild zu unterscheiden. Die MP3s auf dem Vinylinterface machen nicht nur das Plattenwechseln überflüssig.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 73

Musiktechnik

Final Scratch fährt Traktor

Ja! Das Warten hat ein Ende. Wie von uns schon lange erhofft: Final Scratch, unser aller Lieblings Vinyl-Interface für MP3 DJs mit klassischer Ausbildung, und Traktor, der Welt solidestes MP3 DJ Tool, wachsen zusammen. Und gemeinsam gibt es beides jetzt sogar für Mac OSX. Doch halt. Wer erwartet hätte, dass Traktor (das nicht zu unrecht in dieser Version Traktor FS heißt) mit all seinen Effekten und Loops nun plötzlich aus dem Auflegen von Vinylplatten mit Timecode, die MP3s auf dem Rechner ansteuern (immer noch etwas, dass bei den meisten, die es noch nie gesehen haben, ein Stirnrunzeln verursacht, meist jedoch zu Ausrufen wie: “Ich pack’s nicht” führt, bei wohlerzogeneren Demagogen zu einem sofortigen: “Das ist das Ende von Vinyl”) etwas macht, dass sämtlichen Gesetzen der Schwerkraft trotzt, der wird zunächst mal seine Erwartungen wieder zurückschrauben dürfen. Die für Traktor extra erstandene Soundkarte braucht ihr erstmal auch noch nicht auf Ebay verkaufen, es sei denn, ihr habt eh keine der advancteren Funktionen vom Traktor DJ Studio benutzt. Traktor FS ist eigentlich wenig mehr als die Traktor Engine (klingt gut, wandelt MP3s schnell um) und das gewohnte, wenn auch mehr oder weniger auf die Funktionen von Final Scratch reduzierte, schmucke Interface. Final Scratch war zwar nicht besonders hässlich, aber auch nicht so ganz Plug & Play. Auf OS X ist Traktor FS aber genau das. Man kann während des DJ-Sets die paar Cinch-Stecker aus dem Mixer raus- und in die Digital/Analog Wandler Box reinstecken, mit einem einfachen Umschalten von Line auf Phono wie gewohnt Platten und MP3s gleichwertig spielen, als wäre alles irgendwie Vinyl, und selbst bei der dunkelsten Clubbeleuchtung sollte man immer noch fähig sein, den USB-Anschluss an seinem Computer zu finden. Ein 700Mhz G3 iBook dürfte so die untere Hardware-Grenze markieren. Ein wenig Systemoptimierung und Sparsamkeit mit CPU-Ressourcen kann auch nicht schaden. Webserver braucht man beim Auflegen eh nicht, Mails im Hintergrund Checken ist sowieso zu frech und schnell noch ein paar CDs in MP3s umwandeln kann man echt zu Hause erledigen. Dann aber läuft es ziemlich stabil und nur an einigen Stellen sollte man sich vom gewohnten Interface nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass man digitale Files auflegt. Es kann passieren, dass Final Scratch Platten (drei werden mitgeliefert, wie gehabt jede mit einer 33- und einer 45-Seite) einen Kratzer bekommen, dann spielt man auf einmal Looptechno, ohne dass man es wollte. Gelegentlich springt auch mal, sollte der Rechner trotzdem überlastet sein, ein MP3 File, aber bei Vinyl passiert einem das ja auch schon mal. Wer allerdings in einem Club auflegt, der es nicht fertig bringt, die Plattenspieler solide zu erden, sollte lieber doch ein paar echt analoge Vinylplatten mitbringen, denn einen Abend mit zwei Erdungen im Mund (sonst vernichtet das Brummen nämlich den Timecode und nichts, gar nichts, kein Ton läuft) führt unweigerlich zu einem unerwünschten, nachhaltig metallenen Geschmack. Beim Aufsetzen der Nadel gibt es gerne ein digitales Knacken, das einem das Gefühl vermittelt, auf dem unsicheren Boden der Zukunft aufzulegen. Irritierend für die Ohren ist das obendrein. Entschädigt dafür wird man allerdings durch das völlig problemlose Doppeln von gleichen Tracks. Notorische Beatjuggler können also endlich mal was Leckeres zu essen kaufen, anstatt all ihr Geld für doppelte Vinylplatten rauswerfen zu müssen, etwas langsamere DJs mixen einfach mit dem gleichen Track so lange, bis sie was Passendes gefunden haben. Je schneller die Finger werden, desto schneller sollte allerdings auch der Rechner sein. Der lange vernachlässigte Crossfader dürfte allerdings auch bei linearsten Techno-DJs wieder zu neuer Geltung kommen. Wer sehr genau hinhört, wird ein paar Millisekunden Zeitverschiebung zwischen Hand und Ohr feststellen, nach ein zwei Bier sind die aber definitiv nicht mehr wahrzunehmen. Dafür beginnt man allerdings unweigerlich, nach jedem Mix Platten vom Teller zu nehmen, um den nächsten Track aufzulegen, und lacht über sich selbst und diese skurrile, aber tief in den Muskeln verwurzelte DJ-Angewohnheit mitten in der Pirouette zur Plattentasche. Wir jedenfalls sind glücklich mit Traktor FS und sind gespannt, welche Funktionen von Traktor nun nach und nach ihren Einzug in Final Scratch finden werden und wie sich das Auflegen von Vinyl langsam aber sicher in eine komplexere Remixmaschine denn je verwandeln wird. Ach, und wer einen Beamer an seinen Rechner im Club anschließen kann, sollte dies tun, denn so klar und deutlich hat man noch keinem DJ auf die Finger sehen können.

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Elektronische Lebensaspekte.