Audio-Dateien zerlegen und bearbeiten, als ob es Midi-Noten wären: Das konnten die bisherigen Melodyne-Versionen ziemlich gut, genossen trotzdem bislang aber eher Geheimtipp-Status. Das könnte sich mit dem 2.0 Update ändern, denn es gibt ein dickes Mehr an neuen Funktionen, ein Weniger an sprödem Design und über ReWire endlich die Möglichkeit, Melodyne mit anderen Audioanwendungen zu verketten.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 75

Für alle die Melodyne nicht kennen, noch mal eine kurze Zusammenfassung der Features: automatische Melodieerkennung aus Audiofiles jeglicher Herkunft mit der Möglichkeit, daraus Midifiles zu machen, Pitch und Formantkorrektur, wahlweise pro Note oder pro File sowie diverse Timestretchfunktionen. Die neue Version Melodyne 2 kommt in zwei Geschmacksrichtungen: Melodyne Cre8 und Melodyne Studio Edition. Erstere besitzt gegenüber der Studio Edition folgende Beschränkungen: die Zahl der Audiospuren ist auf acht im Monobetrieb begrenzt, außerdem geht die verfügbare Samplerate nur bis 24 Bit / 48 kHz , die Studio Edition unterstützt bis zu 192 kHz und 32 Bit und bietet darüber hinaus noch Unterstützung für Digidesigns Direct IO.

Neue Funktionen

Integration
Lange gefordert und jetzt da: die Integration von Melodyne in bestehende DAW Setups. Auf der einen Seite lässt sich Melodyne nun per ReWire einbinden (sowohl als Client als auch als Host), aber auch über die sogenannte MelodyneBridge: diese muss als erster Insert Effekt in die zu bearbeitende Spur eingeklinkt werden und schickt an das im Hintergrund laufende Melodyne die entsprechenden Audiodaten. Die lassen sich dann in Melodyne wie gewohnt bearbeiten und werden anstelle der Ursprungsdaten an das DAW gestreamt, wobei man sie auch problemlos in Echtzeit editieren kann. MelodyneBridge unterstützt dabei das VST und das Audio Unit Format.

Interface Lifting
Das gesamte Interface von Melodyne gab sich bisher etwas spröde, wenn es an schnelles, intuitives Editieren ging, was jetzt aber durch eine Menge von Detailverbesserungen geändert wurde. Neu dabei sind Features wie Import von Audiofiles per Drag & Drop, die verbesserte Grafikengine (geht jetzt irgendwie alles schneller), die grafische Darstellung des ausgewählten Snapwerts, aber auch die Copy & Paste Möglichkeiten wurden intelligent erweitert. So ist es nun möglich den Loop zu selektieren, die Selektion umzukehren, die gleichen Noten auf dem ganzen Track zu selektieren, eine Selektion auf die danebenliegende Spur zu kopieren (wahlweise an gleicher Stelle oder unabhängig von der Quantisierung, oder auch mit leichter Ungenauigkeit im Timing um Stimmen zu doppeln) usw. Das Pitch Align Tool kann jetzt bestehende Vibratos invertieren und mit dem Pitch Tool können nun auch einzelne “Noten” unter Beibehaltung ihrer Tonhöhenschwankungen in der Höhe geändert werden.

Midi Funktionalität
Auch auf der Midiseite hat sich viel getan. Das Exportieren von Mididateien einer erkannten Melodie ist jetzt noch präziser möglich, da auf Wunsch auch entsprechende Pitchbenddaten und Controller wie Volume ausgegeben werden können. Außerdem lässt sich Melodyne jetzt auch über Midi wie ein ganz normales Instrument spielen. Es geht aber auch andersrum: Melodyne kann die Mididaten einer erkannten Melodie auch selbst in Echtzeit an externe Instrumente schicken. Gesynct werden kann jetzt sowohl per Midi Clock (in & Out) als auch zu SMPTE und MTC.

Hardware Controller
Melodyne lässt sich nun auch per Hardware fernsteuern. Unterstützt werden dabei MackieControl und LogicControl sowie Radikal SAC. Der Test mit der Mackie Control war aber ein wenig ernüchternd, denn es funktionierten zwar sämtliche Transport Controls, die LED Anzeige blieb allerdings leer und die Fader bestanden darauf, unten zu bleiben wenn man versuchte, sie hochzuschieben. Da muß wohl noch nachgebessert werden, auch wenn ich persönlich für die bei Melodyne vergleichsweise übersichtliche Parameteranzahl nicht unbedingt einen Hardwarecontroller brauche.

Mixer Ausbau
Der bisher eher spartanische Mixer wurde deutlich ausgebaut. Neben integrierten EQs gibt es nun auch Inserts, Auxsends und Gruppentracks, wobei die Sends und Inserts sich jetzt auch mit Audio Units und VST PlugIns bestücken lassen. Die EQs klingen ziemlich gut und verfärbungsfrei und lassen sich auf Wunsch auch grafisch editieren.

Einschränkungen unter OS 9
Für alle, die noch auf OS 9 arbeiten, ist dieses Update wohl leider keine so gute Nachricht: alle wirklich interessanten Neuerungen wie ReWire, die MelodyneBridge und die VST Unterstützung sowie die Möglichkeit Melodyne in Echtzeit per Midi zu steuern oder von Melodyne aus externe Geräte steuern zu können fallen weg, übrig bleibt der aufgeräumte Mixer und die anderen Verbesserungen.

Performance, Bedienung und Sound
Die Performance wurde erstaunlicherweise trotz der Vielzahl an neuen Funktionen noch einmal verbessert, auch im Betrieb mit der MelodyneBridge mit exzessivem Editieren gab es hier auf meiner alten 733er Kiste keine Probleme. Die Hardwarecontrollersektion ist das einzige neue Feature, das noch nicht richtig funktioniert, meiner Meinung nach aber auch eher überflüssig. Die Bedienung wurde sehr vereinfacht: selbst ohne das Handbuch kann man relativ schnell einsteigen und loslegen. Die wesentlich verbesserten und effizienteren Editfunktionen und die Integration per MelodyneBridge und ReWire lassen beim Basteln und Manipulieren noch viel mehr Spaß aufkommen und Steigern den Workflow gewaltig.
Der Sound ist nach wie vor konkurrenzlos gut, und wenn PitchCorrection à la Autotune inzwischen das einzig verbleibende Feature ist, dass sich mit anderen Apps vergleichen lässt, so kann man nur sagen: 10 zu 0 für Melodyne und zwar nicht nur wegen dem deutlich besseren Sound, sondern auch wegen den viel weitergehenden und präziseren Manipulationsmöglichkeiten. Für alle OS X und XP User bedingungslos zu empfehlen!

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.