Mit "Radial" hängt sich Cycling 74, Hüter des heiligen MAX/MSP Grals, in das Loop-Player-Geschäft. Ob sich das Tool wohl durchsetzen kann?
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 72

RadiaL
Unorthodox Loopen

Loop-Player gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Angefangen bei Abletons “LIVE”, dass das Konzept des Loops aufgreift und zu einer eierlegenden Wollmilchsau umbaute, bis hin zu auf MAX/MSP basierenden Eigenbau-Varianten. Hier ist zum Beispiel das umsonst herunterladbare “Burnt Toast” von Twerk zu nennen. Dass sich MAX/MSP hervorragend für die Programmierung einer solchen Software eignet, liegt auf der Hand. Und bei Cycling 74 wird schon lange über RadiaL gesprochen. Vielleicht schon zu lange. Angekündigt war es zumindest die letzten anderthalb Jahre. Gerade durch “LIVE” hat sich die Situation radikal verändert. Da gibt es plötzlich eine Software, die alles kann, was man sich immer in einem bestimmten Kontext gewünscht hat oder zumindest knapp daran heranreicht. In Kombination mit den diversen Freeware-Experimenten dürfte es allen neuen Produkten extrem schwer fallen, sich auf dem Markt zu etablieren.

Boah, dunkel hier
RadiaL beeindruckt in der Version 1.0 zunächst einmal durch das radikale Interface-Design. Alles präsentiert sich tiefschwarz, die einzelnden Programmelemente lassen sich frei auf der Oberfläche plazieren. Am oberen Bildschirmrand hängen die Loop-Slots, die per Drag & Drop aus einem Browser mit Loops bestückt werden können. Wieviele Loops gleichzeitig laufen können, scheint einzig von der Rechnerkapazität abzuhängen. Darunter finden sich für jeden Kanal ein variables, sehr gut klingendes Filter (ebenfalls ganz eindeutig aus der Pluggo-Welt) und der Pitch/Time Grid für generelle Anpassungen des Time-Scalings und des Pitch. Desweiteren gibt es Fenster für die PlugIns (einige Pluggos bekommt der User gratis dazu, ansonsten ist RadiaL VST-kompatibel), ein Output-Window ( RadiaL unterstützt Soundkarten mit multiple Outs per ASIO-Treiber) mit Record-Button und Limiter, den Waveform-Editor für jeden Loop und den Mixer. Pretty straight forward soweit. Hat man sich einmal an die Dunkelheit gewöhnt, lässt sich auf relativ schnell durchstarten. Dennoch müssen sich die Entwickler die Frage gefallen lassen, warum bestimmte Dinge so funktionieren wie sie es tun. Hier hätte man sich klugerweise an bereits existierenden Programmen orientieren können. Auf der anderen Seite bietet RadiaL viele clevere Details, die sich, hat man im Kopf einmal umgeschaltet, als sehr nützlich erweisen. Droppt man einen Loop in einen Slot, sieht man zum Beispiel sofort, wie dieser strukturiert ist. Die Oberfläche des Slots arbeitet nicht mit Wellenform-Darstellung, sondern mit hellen und dunklen Schattierungen um Lautstärkeverläufe darzustellen. Clevere Idee. Die Timestretch-Engine klingt im Beat-Bereich gut bis sehr gut, bei eher flächigen Sounds mehr als akzeptabel.

Dann man los
Und hier beginnen die Probleme. Die Version 1.0, die zur Zeit verfügbar ist, hat noch mit einigen Bugs zu kämpfen, die uns ein wenig ratlos zurückgelassen haben. Wenn man ein Produkt derart lang immer wieder ankündigt und in der Zwischenzeit andere Firmen mit ungefähr derselben Idee an den Markt gehen, müsste bei einem Preis von runden 250 USD eigentlich alles wasserdicht sein. Ist es aber leider nicht. Mal hörten Loops einfach auf zu spielen, mal wollten sie gar nicht erst anfangen. Nach welchen Kriterien das funktioniert, war nicht wirklich ersichtlich. Die Grafik-Engine entschied sich auch das eine oder andere Mal, den Geist aufzugeben. Allerdings wurde uns versichert, dass ein Update bereits unterwegs ist, um diese Mucken aus dem Code zu kicken. Ansonsten fällt auf, dass bei einigen Bedienelementen doch arg um die Ecke gedacht wurde. Der Mixer, der wie eine Matrix aufgebaut ist, ist auf den ersten Blick nicht wirklich selbsterklärend, ebenso die Zuweisung von VST auf bestimmte Kanäle. Hat man das Matrix-Konzept jedoch einmal verstanden, ist alles sonnenklar und man fragt sich, warum noch niemand eher auf diese Idee gekommen ist. Bitte versteht uns nicht falsch, wir wollen euch RadiaL nicht ausreden, man muss sich aber einfach auf ein etwas anderes Arbeiten einlassen und der allgemein bekannten MAX/MSP Frickelatmosphäre gegenüber offen sein. RadiaL präsentiert sich als sehr universell einsetzbares Tool, das, so es denn einmal läuft, enormen Spaß machen kann. Aufgrund der unorthodoxen Arbeitsumgebung wird es aber letztendlich, auch wegen des nicht zu unterschätzenden Preises, wohl eher ein Insider-Projekt bleiben. Vielleicht ja aber auch nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.