Native Instruments spendiert seinem Flaggschiff Reaktor ein Update und hat die modulare Musikumgebung vor allem in puncto Sound, Usability und Kompatibilität nach vorne gebracht. Da nimmt man auch die Rückbesinnung auf den alten Kopierschutz in Kauf.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 73

Ein langerwartetes Update
Reaktor 4

Lang hat’s gedauert, aber jetzt ist die neue Version von Reaktor endlich da. Der Kopierschutz ist wieder bei der CD angelangt, allerdings können Reaktor 3 Patches nach wie vor nur mit Dongle geladen werden, was vor allem für Neubesitzer ein Problem sein dürfte, auch wenn inzwischen fast alle Ensembles aus der User Library (inzwischen immerhin schon über 1200!) auf Reaktor 4 Format konvertiert wurden.
Inzwischen gibt es auch eine Art Lightversion, die sich Reaktor Session nennt: Mit ihr können alle Reaktor Ensembles geladen und benutzt, allerdings keine eigenen erstellt werden.

Neue Features

VST
Für Mac User ist das auffallendste neue Feature zunächst wohl die wiedererlangte Fähigkeit, mehr als eine Instanz von Reaktor in VST öffnen zu können, hat ja auch knapp zwei Jahre gedauert. Insgesamt ist die VST Unterstützung jetzt endlich so funktional, wie sie von Anfang an hätte sein sollen: Die Fenstergröße lässt sich individuell an das genutzte Ensemble anpassen (was allerdings bei manchen alten Ensembles noch nicht hundertprozentig funktioniert) und Reaktor merkt sich auch die benutzten Snapshots richtig. Endlich gibt’s eine nur durch die Hostsoftware und den Rechner limitierte Anzahl an Instanzen, auch die Automation funktioniert jetzt reibungslos.

Browser
Der integrierte Browser sorgt jetzt für deutlich mehr Übersicht und erinnert an den von Kontakt, allerdings deutlich erweitert. Mit zwei, drei Klicks gelangt man an das gewünschte Ensemble/Instrument, erhält eine Übersicht über die darin benutzten Module und Macros und deren Verkabelung und kann sich die Struktur anzeigen lassen, was die Arbeit mit eigenen Instrumenten deutlich vereinfacht.

Snapshot Modul
Mit dem neuen Snapshot Modul lassen sich die Snapshots übersichtlich verwalten, kopieren und einsetzen. Zusätzlich können auch Morphs zwischen zwei Snapshots definiert sowie Zufallssnapshots per Randomize erzeugt werden. Außerdem gibt’s die Möglichkeit, eine Art Zufallsmischung zwischen zwei Snapshots zu erzeugen, was zum Teil zu sehr lustigen Ergebnissen führt. Schließlich lassen sich über das Snapshotmodul jetzt bis zu 16 Bänke mit je bis zu 128 Snapshots verwalten.

OSC
OSC (Open Sound Control) ist ein Kommunikationsformat für Sound- und Multimedia Software und Hardware, die über TCP/IP oder das Internet miteinander verbunden sind. Bei Reaktor 3 war die Implementierung noch recht rudimentär (nämlich auf Midi beschränkt), in Version 4 ist sie jetzt deutlich erweitert worden. Neben der Kommunikation über Netzwerke und das Internet können auch verschiedene OSC-kompatible Programme auf einem Rechner miteinander kommunizieren . OSC-Programme können sich gegenseitig Steuerbefehle senden, wobei das paketorientierte Protokoll dafür sorgt, dass auch bei einer Vielzahl an Rechnern oder einer ungleichmäßigen Netzwerkverbindung die Synchronisation nicht auf der Strecke bleibt. Neben Programmen wie Reaktor, Grainwave, SuperCollider und Max/MSP verstehen auch Flash und Perl sowie PHP-Datenbanken OSC.

Neue Macros und Module
Um das Interface eigener Instrumente / Ensembles aufzuhübschen, gibt’s nun auch die Möglichkeit, Hintergrundbilder zu benutzen. Ansonsten lassen sich Ensembles per Text Box erklären, außerdem sind ein Listen-Modul sowie diverse Math-Module hinzugekommen, die das Arbeiten mit eigenen Patches erleichtern. Neu dabei sind auch die so genannten Hybrid-Modules, die abhängig von ihrer Verkabelung selbstständig zu Event- oder Audio-Modulen mutieren. Auch neu sind dynamische Module, die je nach Anforderung (Verkabelung) die Anzahl ihrer Inputs und Outputs ändern können.

Sample Mapping
Das Sample Mapping hat ein wohltuendes Update erfahren: Angelehnt an das Samplemapping von Kontakt gibt’s nun ein eigenes Fenster, in dem es einen übersichtlichen Listview und bei Bedarf auch ein Keyboard zum Mappen gibt. Außerdem können Samples jetzt per Preview vorgehört und mit dem integrierten, wenn auch etwas spartanisch geratenen Loop Editor editiert werden.

Performance, Bedienung und Sound
Die Performance hat sich – abhängig vom benutzten Ensemble / Instrument – zum Teil sehr deutlich, zum Teil aber auch nur ein wenig verbessert. Unter OS X geht alles ein wenig flotter als unter OS 9. Nach wie vor reagiert Reaktor bei bestimmten Patchvorgängen ein wenig langsam (unabhängig von der Rechnergeschwindigkeit), was auf die Dauer auch mal nervt, aber auf jeden Fall im Vergleich zur Vorversion ein bisschen verbessert wurde. Die minimalen Systemanforderungen kann man allerdings getrost vergessen, erst ab den empfohlenen macht die Arbeit mit Reaktor Sinn. Der Sound ist meiner Meinung nach um einiges runder und durchsetzungsfähiger geworden. Die Bedienung hat sich deutlich verbessert, was vor allem am Browser, dem neuen Snapshot Modul und den diversen Interfaceverbesserungen liegt.

Alles in allem ein lang ersehntes Update, das neben der Produktpflege (siehe VST Implementierung und Interfaceverbesserungen) auch einiges an neuen Features aufweist, die sich sehen lassen können. Schön ist auch, dass Native Instruments die OS 9 User nicht vergessen hat, denn schließlich werden auch zwei Jahre nach Einführung von OS X die meisten Tracks noch mit OS 9 gemacht. Als Bonus gibt’s noch eine handvoll neuer Ensembles (um auf die näher einzugehen, fehlt hier allerdings leider der Platz), wobei vor allem die Effektsektion um einiges aufgestockt worden ist.

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Elektronische Lebensaspekte.