Mit der neuen Version 3.0 portiert die Software-Schmiede Applied Acoustics ihr modulares Monster "Tassman" nicht nur in die Macintosh-Welt, sondern kickt auch diverse Bugs endlich in die Milchstraße. Herausgekommen ist ein modularer Synthesizer, der mit seiner Struktur die Lücke zwischen dem fitzeligen "Reaktor" und dem Hardware-basierten "Nord Modular" füllt.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 72

Kanadische Strippen ziehen
Tassman 3.0

Mir war das immer ein bisschen unheimlich. Wenn ich mich an den Installierungs-Horror der frühen Reaktor-Versionen erinnere (wo waren jetzt noch mal die Presets?) und davon ausgehen kann, dass ich MAX/MSP eh nie im Leben verstehen würde, war der Patch-Editor des “Nord-Modular” eigentlich immer die einzige modulare Umgebung, in der ich ein paar Erfahrungen gesammelt habe. Mit dem “Tassman” von Applied-Acoustics aus Montreal wird das jetzt anders, Mac-Konvertierung sei Dank. Tassman verhält sich zu Reaktor vielleicht ein bisschen so wie ein Moog-Modularsystem zu einem Minimoog, auch wenn das eigentlich gelogen ist. Bei Tassman sind einfach diverse Module, Prozesse und Verbindungen vorbestimmt, sozusagen fest verdrahtet. Das schränkt den tiefen Eingriff in die Synthese zwar ein, holt den User dafür aber auch mit einem freundlichen Lächeln ab und erspart einem den frustrierenden Anlauf beim tatsächlichen Musizieren. Im “Builder” können die diversen Module (Effekte, Hüllkurven, Filter, Mixer, Generatoren, Resonatoren, Sequenzer etc.) zusammengebaut, in Reihe gesetzt und verkabelt werden. Diese Module stehen einfach zur Verfügung und müssen nicht erst von Grund auf gebaut werden. In der “Player”-Ebene erscheint das, was man eben gezimmert hat in schicken Rack-Look und kann gespielt werden. 50 Instrumente mit rund 1000 Presets bekommt der User mitgeliefert, so dass man gleich loslegen und sich zunächst mal mit der generellen Architektur von Tassman vertraut machen kann und einen Eindruck davon gewinnt, was der modulare Freund so alles kann. Neben diversen Analog-Emulationen, kleinen Drummachines, FM-Sounds und Orgeln, finden sich hier auch ein paar äusserst interessante Akustik-Sounds. Tassmans Physical-Modeling-Module erlauben eine deutlich realistischere Abbildung akustischer Sounds und heben sich deutlich vom Klang traditioneller Sample-Player ab. Hier liegt eine der großen Stärken von Tassman.

Wir bauen ein Regal
Ähnlich wie etwa bei Abletons “LIVE” ist Tassman mit einem Browserfenster ausgestattet, in dem sowohl die Presets abgelegt sind, als auch die einzelnen Bauteile eingesehen werden können, die per Drag & Drop in den anfangs leeren Baukasten gezogen werden und nun mit der Maus verkabelt werden müssen. Ein Doppelklick auf ein Modul ermöglicht die Einstellung bestimmter Parameter des jeweiligen Bausteins. Tassman gibt sich hierbei sehr übersichtilich und logisch, hat man sich einmal mit der Zuordnung bestimmter Module in den vorhandenen Foldern vertraut gemacht. Hier hätte man sicher etwas cleverer vorgehen können, aber seis drum. Neben diversen Standards sind vor allem die Generators interessant. Hier finden sich Module wie Flute, Plectrum oder Noise Mallet, die wiederum den deutlichen Hang zu den akustischen Möglichkeiten widerspiegeln. Diese Generators können dann mit Hilfe der Resonators … naja, zum Schwingen gebracht werden. Hier finden sich ebenfalls diverse Module aus der akustischen Welt: Holz- und Metallkörper und diverse Röhrenmodelle. Der Spaß kommt hier wirklich vom Ausprobieren. Kombiniert man Module, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, erahnt man langsam, dass Tassman nicht nur der Emulation von akustischen und elektronischen Sounds dient, sondern gerade die Mischung dieser beiden Welten den eigentlichen Reiz des Programms ausmacht und mit der Hinzunahme eines einzigen Moduls ein ganzer Klang komplett umgeworfen werden kann. Musiker, die mit so einer modularen Struktur vertraut sind, sollten mit Tassman problemslos, schnell und mit einem Lächeln auf dem Gesicht zum erwünschten Ziel kommen.

Applied-Acoustics haben mit der neuen Version 3.0 von Tassman einen großen Schritt nach vorn gemacht. Die nun zur Verfügung stehenden Sequencer-Module erlauben einen soliden Stand-Alone-Betrieb und die Physical-Modeling-Fähigkeiten haben auf Software-Basis nach wie vor keine wirkliche Konkurrenz. Minuspunkte bekommt Tassman aber doch: Die Tatsache, dass beim Zusammenbauen von Modulen immer erst in die Player-Ebene gewechselt werden muss, um das Verkabelte auch wirklich zu hören, wird hoffentlich bald behoben sein. Wirklich lästig ist die mangelhafte VST-Implementierung unter MacOS 9. Und im Logic 6 hörte der Tassman gerne einfach mal auf zu spielen. Ein Problem, dass auch die Rhodes-Emulation “Lounge Lizard” von Applied-Acoustics immer wieder gerne mal unangekündigt loskickte, sobald man eine zweite Instanz des Instruments öffnete. Hier muss nachgebessert werden. Ansonsten bekommt man für den zugegebenermaßen stolzen Preis von 400 Euro ein mehr als feines Tool für besondere Sounds. Strike.
http://www.applied-acoustics.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.